Dschihadist in den Trümmern des syrischen Rakka: Screenshot aus einem Video des "Islamischen Staats" © -/AFP/Getty Images

"Wenn es keine Grenzen für eure Redefreiheit gibt, seid bereit für die Grenzenlosigkeit unserer Taten" – Osama bin Laden mag tot sein, seine Botschaft aber lebt weiter. Am vergangenen Freitag flimmerte sie wieder auf, via Twitter verbreitet von Al-Kaidas Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP). "Die Führung von AQAP hat diese Operation gesteuert, und sie hat ihr Ziel sorgfältig ausgewählt, als Vergeltung für die Ehre des Propheten." Diese Behauptung bezog sich auf das Attentat der Brüder Saïd und Chérif Kouachi auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris. Als der AQAP-Tweet veröffentlicht wurde, waren die beiden Attentäter bereits von französischen Polizisten erschossen worden. Das Ende einer zwei Tage währenden Jagd im Anschluss an das Blutbad, das die Brüder Kouachi angerichtet hatten. Auch die Täter selbst hatten erklärt, im Namen von AQAP zu handeln.

War der Anschlag also ein Werk Al-Kaidas? Ganz so einfach ist es nicht. Denn es gibt einen weiteren Attentäter: Am vergangenen Donnerstag erschoss ebenfalls in Paris der 32 Jahre alte Amedy Coulibaly eine Polizistin. Tags darauf, die Gebrüder Kouachi hatten sich mittlerweile in einem Industriegebiet mit einer Geisel verschanzt, überfiel Coulibaly einen jüdischen Supermarkt und nahm seinerseits Geiseln, um die Brüder freizupressen. Journalisten sagte er, dass er der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) die Treue halte und in ihrem Namen agiere. In einem Bekennervideo wiederholte er diesen Satz. Der IS reklamierte die Tat bisher nicht für sich, pries sie aber vom Irak aus.

Al-Kaida und der IS sind verfeindete Konkurrenten. Sie bekämpfen sich in Syrien aufs Blut, weil sie um die Vormachtstellung in der dschihadistischen Internationale wetteifern. Welcher der beiden Gruppen also ist der Anschlag zuzurechnen? Tatsächlich ergibt es am meisten Sinn, von zwei Taten auszugehen. Die Attentäter kannten einander und hatten sich abgesprochen, führten aber trotzdem im Grunde zwei separate Anschläge durch – und jeder passt in die Strategie der jeweiligen Gruppierung, in deren Namen sie agierten. Die Führungen von AQAP und IS hätten der Allianz wohl kaum zugestimmt. Aber die Täter von Paris hat das offensichtlich nicht gekümmert. Praxis schlägt Theorie: Mit einem solchen Hybrid-Anschlag haben selbst Terrorexperten nicht gerechnet. Dass sich Attentäter einen solchen Grad an Autonomie erlauben, der sich über das Selbstverständnis der Terrorgruppen hinwegsetzt, ist neu.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 3 vom 15.1.2015.

Chérif und Saïd Kouachi hatten schon vor gut acht Jahren Kontakt zu einem Al-Kaida-Mann in Frankreich, vielleicht war das für ihre Motivation entscheidend. Zumindest Saïd hielt sich 2011 auch im Jemen auf. Er soll dort bei AQAP gewesen, womöglich militärisch geschult worden sein. AQAP erlebte damals einen Zustrom ausländischer Freiwilliger. Einige von ihnen hatten 2010 ein Onlinemagazin für AQAP entwickelt, Inspire. Gleich in der ersten Ausgabe schwor Anwar al-Awlaki, ein AQAP-Führer, Rache für die Mohammed-Karikaturen, die 2005 in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erschienen waren: Der Tod der Zeichner sei zwingend. Charlie Hebdo hatte ebenfalls Spottbilder des Propheten veröffentlicht. Gut vorstellbar, dass auch das Pariser Blatt in den jemenitischen Al-Kaida-Camps schon 2011 als Ziel galt; zwei Jahre später stand einer der Charlie Hebdo-Karikaturisten erstmals auf einer Inspire-Todesliste.

Auch die Zentrale Al-Kaidas im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet wollte Vergeltung wegen der Karikaturen. 2009 entsandte die Gruppe einen Freiwilligen, der die Jyllands-Posten angreifen sollte. Er hatte die Redaktion in Kopenhagen schon ausspioniert, wurde aber festgenommen.

2011 ging der Polizei ein deutscher Dschihadist ins Netz, den Al-Kaida beauftragt haben soll, in Europa Anschläge zu planen. In sichergestellten Aufzeichnungen, die ihm zugeschrieben wurden und die mutmaßlich potenzielle Ziele enthielten, stand unter anderem: "Charlie Hebdo france imay Arbeit". Was das genau bedeuten sollte, konnte nicht geklärt werden. Allerdings verwendete der Beschuldigte das Wort "Arbeit" oft im Sinne von "Anschlag". Und hieß "imay" vielleicht "im Mai"?

Das ist jedenfalls der Kontext des Anschlags der Kouachi-Brüder. Aus Sicht von AQAP und Al-Kaidas Zentrale waren die beiden wie eine Drohne, die präzise ihr Ziel fand. Ob der Aktivierungsbefehl 2011 gegeben wurde oder erst kürzlich und wie eng die Verbindung zu AQAP tatsächlich war, ist offen – und nicht entscheidend.

Der zweite Strang der Terrortage von Paris fügt sich ebenfalls in ein Muster, nur eben in ein anderes. Der "Islamische Staat" geht anders vor als Al-Kaida, und Amedy Coulibalys Tat versinnbildlicht das. Der IS, der im Sommer 2014 in Nahost ein "Kalifat" ausgerufen hat, will zwar wie Al-Kaida Anschläge im Westen. Er setzt jedoch eher darauf, dass Freiwillige in seinem Namen zur Tat schreiten, auch ohne je mit dem IS Kontakt gehabt zu haben. Das trifft, nach allem, was man bisher weiß, auf Coulibaly zu.

Der IS fordert seine Selbstrekrutierer zudem ausdrücklich zu kruden, wenig ausgefeilten Anschlägen auf: Häuser abfackeln etwa oder Ungläubige mit Steinen erschlagen. Hauptsache, die Opfer kommen aus jenen Staaten, die den IS militärisch bekämpfen. Frankreich ist einer davon, und so begründete Coulibaly auch die Ermordung der Polizistin.

Die unvermutete Koalition der Terroristen von Paris ist aufschlussreich. Sie zeigt zum einen, wie langfristig Al-Kaida denkt; diese Bedrohung ist weder überwunden noch durch den IS abgelöst.

Zum anderen demonstrieren die Attentate in Frankreich, dass die Terrorgefahr komplexer wird – und die Halbwertszeit unserer Gewissheiten immer kürzer.