Andreas Ottl im Augsburg-Trikot © Boris Streubel/Bongarts/Getty Images

DIE ZEIT:Herr Ottl, erinnern Sie sich noch an Ihr letztes Bundesligaspiel?

Andreas Ottl: Da müssen Sie mir helfen, wann war das?

ZEIT: Am 8. März 2013, Augsburg spielte gegen Nürnberg.

Ottl: So lange ist das schon her?

ZEIT: Augsburg verlor 1 : 2.

Ottl: Damals waren wir noch in der Orientierungsphase. Augsburg spielte erst das zweite Jahr in der Ersten Liga. Ich habe mich in den folgenden Monaten zweimal an den Bändern verletzt, nichts Schlimmes, aber die Ausfälle kamen zum falschen Zeitpunkt. Die Mannschaft hat sich während meiner Reha gefunden, wurde immer erfolgreicher.

ZEIT: Der Erfolg wurde nicht mit Ihnen in Verbindung gebracht.

Ottl: Nein, leider nicht. Ich stand für das Gegenteil: die überwundene Zeit des Misserfolgs. Dieses Image festigte sich im Umfeld und schließlich auch im Verein. Bald war abzusehen, dass mein Vertrag am Saisonende nicht mehr verlängert werden würde.

ZEIT: Pflegen Sie noch Kontakt zu Ihren damaligen Mitspielern?

Ottl: Nur noch zu dem ein oder anderen aus meiner Zeit bei Bayern München. Ich habe 16 Jahre bei Bayern gespielt, erst in der Jugend, dann bei den Profis. Der Verein ist mir ans Herz gewachsen, auch wenn ich schon lange nicht mehr dort bin. Es ist nicht einfach, als Fußballer Heimatgefühle zu entwickeln. Man lebt oft wie ein Nomade.

ZEIT: Warum haben Sie sich nach Ihrem Ausscheiden beim FC Augsburg zur neuen Saison nicht um einen Vertrag bei einem anderen Verein bemüht?

Ottl: Es gab Angebote. Aber ich wollte nicht. Ich habe innerhalb kurzer Zeit in München, Berlin, Nürnberg und Augsburg gespielt und überall wertvolle Erfahrungen gesammelt.

ZEIT: Welche sind das?

Ottl: Ich habe zum Beispiel Trainer und Mitspieler getroffen, die mit mir nicht zurechtkamen, habe gelernt, das nicht persönlich zu nehmen und immer weiterzukämpfen. Zuletzt war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich herausfinden wollte, wie es ist, selber und allein zu entscheiden, wie es weitergeht. Frei von jeglichem Druck, äußere Erwartungen erfüllen zu müssen. Die Entscheidung, die ich mit 29 treffe, muss für meine Familie, meine Freundin, meine Freunde und mich stimmig sein.

ZEIT: Ein großes Risiko!

Ottl: Es war weiß Gott nicht einfach, Nein zu sagen. Ich wusste doch auch nicht, wie es werden würde, wenn ich erst mal keine Anstellung mehr haben würde.

ZEIT: Ist es schwer auszuhalten?

Ottl: Ich habe mich überraschend schnell damit arrangiert. Eigentlich erlebe ich ja nun einen schönen Alltag, einen, den ich bis jetzt noch nicht kannte. Ich fühle mich frei. Für mein Umfeld ist das schwierig zu akzeptieren. Meine Eltern machen sich viele Gedanken. Wenn man ein Kind hat, das so richtig in die Fußballwelt hineinwächst, dann leben alle dieses Leben zwangsläufig mit. Das fängt ja schon in der Jugend an. Ich hatte sechsmal wöchentlich Training und am Wochenende dann immer ein Spiel. Die Familie richtet sich komplett nach dem Fußball und nach dem Kind.

ZEIT: Und nun fragen sich Ihre Eltern, ob sich der Aufwand gelohnt hat?

Ottl: Nein, eher: Wie geht es unserem Kind? Wie verarbeitet er die neue Situation? Ist er traurig? Gibt er sich auf? Ich betrachte das relativ nüchtern. Mir geht es in der neuen Situation nicht schlecht, auch wenn Außenstehende das annehmen könnten.

ZEIT: Sind Sie nach neun Jahren im Profifußball finanziell unabhängig? Erhält ein arbeitsloser Fußballer Arbeitslosengeld wie ein normaler Angestellter?

Ottl: Da ich nie einen ausschweifenden Lebensstil gepflegt habe, bedeuten neun Jahre Profigehalt in jedem Fall eine solide Grundlage für eine entspannte Zukunftsplanung – im oder später auch außerhalb des Fußballs. Ich glaube, rein rechtlich würde mir, solange ich vereinslos bin, tatsächlich Arbeitslosengeld zustehen, aber ich habe mich damit nicht näher befasst und keines beantragt. Neue Aufgaben zu finden, die einen ähnlich fordern und erfüllen wie das Fußballspielen, ist das größere Thema nach so langer Zeit im Leistungssport.

ZEIT: Wie füllen Sie heute die Tage aus?

Ottl: Nach einem vierwöchigen Urlaub mit meiner Freundin bin ich im Sommer zeitgleich mit den aktiven Profis wieder ins Training eingestiegen. Ich halte mich fit, bin jetzt 29, wurde von großen Verletzungen verschont und möchte gern noch vier, fünf Jahre spielen.

ZEIT: Wie trainieren Sie?

Ottl: Nach Plan. Die Vorgaben, die ich mir mache, halte ich strikt ein. Ich trainiere sechsmal die Woche. Zwei-, dreimal in der Woche setze ich einen größeren Reiz, gehe an die Ausbelastung, während des Winters trainiere ich im Fitnessstudio, Stabilisationsübungen, Kräftigkeitsübungen; ich muss auf meinen Körper aufpassen, lasse ihn deshalb auch pflegen.

ZEIT: Und wo bleibt der Fußball?

Ottl: Dreimal pro Woche spiele ich mit meinem Bruder. Er ist auch ein Fußballer, in einem kleinen Verein. Ich muss das Ballgefühl behalten, wir machen Technikübungen. Ich darf den Rhythmus nicht verlieren.

ZEIT: Starren Sie manchmal auf Ihr Handy und warten auf einen Anruf?

Ottl: So ist es noch nicht. Mir ist aber schon klar, dass es mit jedem Tag, der vergeht, schwieriger wird, wieder einen Job zu bekommen.

ZEIT: Schauen Sie sich noch die Sportschau an?

Ottl: Früher war jede Woche ausschließlich auf Samstag, 15.30 Uhr, ausgelegt. Diesen Druck habe ich nicht mehr. Ich habe noch nicht mal mehr das Verlangen, am Samstag Fußball zu schauen. Wenn meine Freundin sagt, wir fahren jetzt am Samstag in der Früh um zehn Uhr mit unserem Hund an den Tegernsee, gehen spazieren und danach noch mittagessen und kommen um 16.50 Uhr heim, ist das in Ordnung. Sie glauben gar nicht, wie schön es sein kann, selbst entscheiden zu können, ob man etwas macht oder nicht.