Die unkomplizierte Vereinigung zweier Religionen geschieht im Ohrensessel. "Ich arbeite gerade", sagt Esther Bejarano, sinkt in die cremefarbenen Polster und beugt sich über eine Perlenkette. Nein: einen Rosenkranz. Ein Geschenk von Papst Franziskus. Kurzerhand knipst sie mit einer Zange das Kreuz ab und klemmt einen Davidstern dran. "Geht doch." Sie kichert wie ein kleines Mädchen.

"Frech wie Oskar", nannte ihr Vater sie. Esther Bejarano ist heute 90 Jahre alt und immer noch respektlos. "Ich mache meinen Mund auf, ich sage, was ich denke. Ich lasse mir nichts gefallen."

Diese Frau ist 1,47 Meter klein, Auschwitz-Überlebende, Antifaschistin und Sängerin in der Rap-Band Microphone Mafia. Die jungen Männer, ein Muslim und ein Christ, rappen; Esther, die Jüdin, singt; ihr Sohn Joram spielt Gitarre. Drei Generationen aus drei Religionen spielen Lieder über den jüdischen Widerstand, antifaschistische, antimilitaristische Lieder, auf Jiddisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Türkisch.

Esther Bejarano sollte jetzt auf einer Veranstaltung der Linken in Berlin sein und anlässlich des Jahrestags der Befreiung von Auschwitz ein Lied singen, mit Konstantin Wecker. Sie ist hier geblieben. Für ein einziges Lied fährt sie nicht mehr nach Berlin. Das ist ihr zu anstrengend. Und sie will doch ihre Geschichte erzählen. Die Erinnerung ist ihr Lebensinhalt. So wie die Musik.

Musik hat sie schon immer geliebt, Musik ist ihr Leben. Ohne die Musik wäre sie wohl längst nicht mehr am Leben.

Esther Bejarano ist Künstlerin. Und zugleich Überlebenskünstlerin.

"Wir sterben jetzt aus", sagt sie. Am 27. Januar vor 70 Jahren wurde das Vernichtungslager befreit. Die Überlebenden sind heute weit über 80 Jahre, es gibt nicht mehr viele, die von dem Grauen berichten können. Esther Bejarano kann sie an zwei Händen abzählen, zum Papstbesuch nach Rom kamen nur sechs. So fit wie sie sind die wenigsten. "Deswegen habe ich so viel zu tun."

Der Kalender auf ihrem Wohnzimmertisch ist prall gefüllt: Konzerte mit der Band in Köln, Neuenkirchen, Nürnberg, Rosenheim, Hamburg. Vorträge über Auschwitz in Schulen. Senatsessen, Symposien, Lesungen, Interviews. Sie gehört der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) an und ist Vorsitzende des Auschwitz-Komitees. Als sie im Dezember 90 wurde, riefen Freunde aus Israel an, auch sie Überlebende. Sie sagten: Hallo, Krümel. Den Spitznamen trug sie schon als Mädchen. Und dann sagten sie: Hoffentlich machst du das noch lange. Esther Bejaranos beste Freundin, die mit ihr in Auschwitz war, starb vor drei Monaten. "Alle freut es, dass man mit mir noch reden kann. Ja, Gott, wie lange kann man das noch?"

Ihre Freunde sagen: Esther, du übernimmst dich! Aber wenn sie einen Termin absagt, hat sie ein schlechtes Gewissen. "Es ist belastend, aber es ist wichtig. Es hilft mir, fit zu bleiben. Und ich habe hier eine wichtige Funktion."

Wenn sie vor Schülern spricht, sagt sie: "Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah."

Esther Bejarano wird 1924 als Esther Loewy geboren. Sie ist die Tochter eines jüdischen Oberkantors und wächst in Saarlouis, Saarbrücken und Ulm auf. Ihr Vater weckt ihr Interesse für Musik, Esther singt leidenschaftlich gern und lernt Klavier.

1941 ermorden die Nazis ihre Eltern. Esther Bejarano erfährt davon erst sehr viel später, sie ist zu der Zeit in einem Zwangsarbeitslager bei Fürstenwalde und wird 1943, da ist sie 18, nach Auschwitz deportiert. Die Nazis tätowieren ihr die Nummer 41948 auf den linken Unterarm. Sie erkrankt an Bauchtyphus und Avitaminose. Sie sieht, wie Frauen sich gegen den Starkstrom führenden Lagerzaun werfen, um zu sterben.

Esther Bejarano lügt, um zu überleben. Als im Lager ein Mädchenorchester gegründet wird, behauptet sie, sie könne Akkordeon spielen.

Das und ihre Musikalität retten ihr wohl das Leben. Sie findet die richtigen Tasten für den Schlager Bel Ami, wird Teil des Auschwitz-Orchesters und muss keine Steine mehr schleppen. Stattdessen spielt sie für die eintreffenden Häftlinge Akkordeon. "Ich musste da stehen und spielen, wenn neue Transporte aus ganz Europa ankamen. Wir wussten, dass sie in die Gaskammern gehen. Die Ankommenden wussten das nicht, sie haben uns zugewunken. Sie dachten: Wo Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Das war mit das Schlimmste, was ich erlebt habe."