© Manesse

Zweitausend Meilen weit ist Upshaw, der rechtmäßige Gatte, seiner untreuen Frau nachgereist, um sie mit ihrem Liebhaber zu ertappen – ein ziemlich weiter Weg für einen Mann am Rand des Grabes, dessen Lunge zur Größe eines Silberdollars geschrumpft ist. Nun aber, da er die beiden in ihrem Hotelzimmer gestellt hat, kann er endlich seinen aufgestauten Gefühlen freie Bahn schaffen. Er schleudert dem Rivalen Geldnoten ins Gesicht mit der höhnischen Aufforderung, sich doch lieber eine gute Hure zu kaufen. Als dieser ihn daraufhin mit einem Fausthieb niederstreckt, springt der Todkranke mit einer katzenhaften Flinkheit, die ihm keiner zugetraut hätte, wieder hoch und hat plötzlich einen Revolver in der Hand. Der wird ihm entwunden; und er bricht mit einem Blutsturz zusammen.

"Der Körper war nicht mehr erkennbar und schien wie ein Bündel dürres Reisig zu einem unförmigen Kleiderhaufen verblichen zu sein; er baumelte formlos und grotesk wie ein schlaffer Lappen im Wind, und doch sprudelten aus dem Kopf, aus diesem Totenschädel mit bleckenden Zähnen und lodernden Augen, unglaubliche, unfassbare Fontänen von Blut: Es schoss ihm in einem stetigen Sturzbach gleichzeitig aus Mund und Nase, bis seine Haut vollgespritzt war, es füllte die Schüssel, es war nicht zu fassen, dass aus diesem verhutzelten Eichkätzchen von einem Mann derartige Fontänen hellen Bluts schießen konnten."

Wem das zu dick aufgetragen und marktschreierisch vorkommt, der wird nicht viel Vergnügen an Thomas Wolfes voluminösem Roman haben. Denn Verschlankung des Ausdrucks, Verfeinerung des Stils sind seine Sache nicht; insbesondere spart er, gegen alle Empfehlungen, niemals mit Adjektiven. Wie die Begleitmusik eines alten Hollywood-Breitwandepos ist der Text immerfort mit voller Orchestrierung unterwegs. Und auch wo im engeren Sinn nichts geschieht, bei Wolfes wunderbaren Naturschilderungen zum Beispiel, lässt das Pathos nicht nach. Noch die zartesten Stellen vollziehen sich auf einer Art von wallender Untermalung. Von der Übersetzerin verlangt das einiges an Durchhaltekraft; sie darf sich dem Anspruch des Originals nicht durch gemütliche Untererfüllung entziehen. Irma Wehrli hat da mit beachtlicher Konsequenz standgehalten.

Dass der Protagonist Eugene Gant heißt, stellt so ziemlich das einzige Zugeständnis an die Konvention dar, ein Roman habe fiktional zu sein. Ansonsten gibt der Autor sich keine Mühe, so zu tun, als wären der Held und dessen Erlebnisse im Mindesten verschieden von ihm selbst und seiner eigenen Jugend in den frühen zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Von Zeit und Fluss hat Wolfe sein Buch genannt, auf Englisch Of Time and the River. Der bloße Verlauf, ohne die Raffinessen von Plot und Entwicklung, besitzt in den Augen des Verfassers Macht genug, um einen Band von 1200 Seiten mit Leben zu erfüllen. Eugene, seiner Neigung nach eher passiv und (wie auch bei der oben zitierten Szene) mehr Zeuge als Täter, verzeichnet es mit nie nachlassender Ehrfurcht vor der Majestät des Faktischen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

Schon das vorangegangene Buch, an das bruchlos angeschlossen wird, Schau heimwärts, Engel, hatte sich strikt am Autobiografischen orientiert. Nunmehr bricht Eugene/Thomas aus seiner Heimat Altamont im westlichen North Carolina auf, um als Erster der weitverzweigten Sippe ein Studium an der Harvard University aufzunehmen. Dort, im unterkühlten Neuengland, fasst ihn eine fieberhafte Gier, alles, schlechthin alles, zu lesen und zu lernen, während zugleich sein geselliger Umkreis öde und beschränkt bleibt. Anfälle von Grandiosität und von tiefer sozialer Beschämung wechseln einander ab. Die lebhafteste Figur in diesem eng-weiten Kosmos stellt sein alter Onkel dar, der in Boston wohnt und den heimatlosen Neffen an den Sonntagen zum Essen einlädt, ein skurriler, halb wahnsinniger Geizhals wie von Dickens entworfen und doch – diesen Gegensatz vermag Wolfes hochpathetische Darstellungsweise in seiner vollen Spannweite zu entfalten und auszuhalten – im Innersten ein herzensguter Mensch. Daran schließt sich, gedacht als Bildungsprogramm und durchgestanden als Fegefeuer, ein Aufenthalt in Europa, in England und Frankreich, an. Eugene begegnet dort unerwartet seinem alten Freundfeind Sandwick, einer Art Oscar Wilde unter den verschärften Bedingungen der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, begleitet von zwei wohlhabenden Neuengländerinnen, die beide ganz offenbar hoffnungslos in diesen zynischen schönheitssüchtigen Homosexuellen verliebt sind. Eugene ist mal wieder fünftes Rad am Wagen und sieht das wilde, lustige, unerträglich angespannte Leben in den Caféhäusern zur Zeit Picassos mit dem überscharfen Auge dessen, der letztlich nicht dazugehört.

Nichts Geringeres hatte Wolfe im Sinn, als die Great American Novel schlechthin zu schaffen. Dass er dabei auf keinen anderen Stoff zugreifen konnte als auf seine eigene nicht eben gloriose Biografie, empfand er nicht als Widerspruch. Denn sein Verhältnis zu Amerika ähnelt dem zu seinem Lebenslauf: Gleichgültig, ob es sich gut oder schlecht, schön oder hässlich darbietet, immer wirkt es überwältigend allein kraft seiner Realität und Präsenz. So, merkt der deutsche Leser, könnte niemals ein deutscher Autor über Deutschland schreiben – oder auch irgendein anderer Europäer über sein jeweiliges Land, beengt, wie es ist von seinen Grenzen und seiner partikularen Geschichte. Sie könnten von ihrer Liebe zu ihm sprechen, aber nie in solch völlig unironischen Jubel verfallen, wie Wolfe es tut, der auf den Spuren der Hymniker Walt Whitman und Carl Sandberg wandelt.

Umso bemerkenswerter ist es, dass Wolfe als Schicksal des Amerikaners die unentrinnbare Einsamkeit beschwört. Europäer können gar nicht einsam sein – Eugenes leicht sarkastische Schilderungen der wimmelnden und schwatzenden französischen Gesellschaft lassen keinen Zweifel daran. Amerikaner aber haben keine andere Wahl. Das Streben nach Glück, wie es die USA in ihren Gründungsdokumenten festgeschrieben haben, ist ein ernster Auftrag, der an den Einzelnen ergeht und ihn oft geradewegs ins Unglück führt. Ganz für sich steht er im riesigen Raum, dem Schauplatz der unbegrenzten, doch unbestimmten Möglichkeiten. Was Edward Hopper gemalt hat, erlangt bei Wolfe geschriebene Gestalt.

Thomas Wolfe, der so inständig auf seine Jugend zurückblickt, ist nicht sehr alt geworden. Mit 37 Jahren stirbt er an Tbc – an derselben Krankheit wie der rasend eifersüchtige Upshaw. Er wurde gerade alt genug, dass er seine eben vergangene Jugend als solche zu erkennen und nachzuzeichnen vermochte, ohne sie aus überlegenem Abstand zu beschmunzeln. Wäre er zwanzig Jahre älter geworden (oder fünfzig, heute alles kein Problem mehr) und hätte er den Roman dann geschrieben, so wäre es zweifellos ein reiferes und komplexeres Werk geworden. Aber eben nicht dieses Werk, das sich Rechenschaft über etwas zu geben versucht, das noch keineswegs bewältigt ist. Wolfe schreibt: "Die Jugend des Menschen ist eine wundersame Sache. Sie ist so voller Not und Magie, und er erkennt sie nie, wie sie ist, bis sie ihn endgültig verlassen hat. Sie ist das Ein und Alles, dessen Verlust unerträglich ist, dessen Entschwinden er mit unendlicher Trauer und Reue beobachtet, dessen Verlust er für immer beklagen muss und insgeheim mit Freude begrüßt, denn willentlich möchte er sie nicht noch einmal erleben, würde sie ihm durch Zauberkraft wiedergeschenkt."

Ja, das ist wohl die wahre Tragödie: Ewig ist die Jugend an die Jugend verschwendet; und erst die älter Gewordenen sehen, was ihre Jugend für ein Gut hätte sein können, hätten sie sie vernünftig bewirtschaftet. Da aber die Jugend sich am liebsten gerade von der Unvernunft leiten lässt (und wäre es anders, so wäre sie keine Jugend), so kann die nahe Erinnerung nur eine solche des wilden Schmerzes sein. Sie hat Wolfe geliefert; und darum ist dies, allen berechtigten Einwänden und widrigen Umständen zum Trotz, am Ende doch ein großes Buch geworden.