Unser Autor setzt bauliche Akzente im Eifelaner Erlebnispark Baggerado.

"Mama", "Papa", "Baggah". Jeder, der Kinder hat, kennt die Faszination, die große Baufahrzeuge auf kleine Menschen ausüben. "Baggahbaggahbaggah", schallt es von der Rückbank, wenn ich mit meinen knapp Dreijährigen durch eine Autobahnbaustelle fahre. Und in vielen Erwachsenen lebt diese Begeisterung fort. Wie sonst ließe sich erklären, dass es im ganzen Land Spaßbagger-Angebote für Nichtbaggerfahrer gibt? Schnupperkurse auf Baugeräten sind für Erlebnisveranstalter zu einem eigenen Genre geworden, ebenbürtig der Ballonfahrt oder dem Fallschirmsprung.

Warum ausgerechnet Bagger? Weil sie archaisch sind, Artefakte roher Kraft aus einer Sphäre, die alles durchdringt und doch unzugänglich bleibt für alle, deren Arbeitsvehikel der Drehstuhl ist. Wo die Hände tippen und klicken, statt zuzupacken, erscheint der Bagger als die mechanisch vergrößerte Hand zur Umformung der Welt. Das in etwa war meine Theorie, als ich aufbrach ins Baggerado.

So heißt ein Baugeräte-Erlebniszentrum im Eifel-Örtchen Nickenich, in dem von Ende Januar an Laien baggern lernen können. Zwei Dörfer weiter bin ich aufgewachsen. Als Junge bedeutete Nickenich für mich Schwimmbad, genauer Lavamaar. So hieß das erste Spaßbad weit und breit, ein Achtziger-Jahre-Traum in Braun, Lila und Orange. Es gab dort einen Strömungskanal, eine Regenhöhle, und an einer Engstelle überspannte ein lässig geschwungenes Brückchen das Becken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

Heute überspannt das Brückchen trockene Erde, die das Chlorwasser ersetzt hat. Ein Radlader und zwei Kettenbagger stehen im Zentrum des zugeschütteten Pools. Von der abgeschrägten Decke der früheren Schwimmhalle hängen metallisch glänzende Absaugschläuche herab, die mit den Auspuffrohren der Fahrzeuge verbunden sind. Nach schweren Dieseln soll es im Baggerado klingen, aber nicht stinken. Von der Empore, auf der früher die Solarien standen, überblickt man die gesamte kuriose Szenerie: einen Sandkasten mit lebensgroßem Spielzeug, dekoriert in den Baustellenfarben Gelb und Schwarz.

Vor mir baut sich ein Hüne auf. Karl-Werner Bierbrauer, ein Zweimetermann mit breitem Grinsen und Kraft im Händedruck. Im Hauptberuf betreibt er ein Dorf weiter den Baumaschinenverleih Bierbrauer & Sohn. Wer dort früher nach Probebaggerstunden fragte, wurde abgewiesen. Heute wird er eingewiesen – in eine Kunst mit zwei Hebeln.

"Hier lernen Sie erst mal die Eurosteuerung", sagt Bierbrauer und deutet auf ein, ja was, Baggerchen? Nur 80 Zentimeter breit ist der PC09. Er hat kein Dach über dem Sitz, und an der Spitze seines dürren Metallarms hängt eine müslischüsselkleine Schaufel. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Aber es geht ums Prinzip. "Man braucht drei bewegliche Elemente, um baggern zu können: den Löffel, den Löffelstiel und den Ausleger." Ich wiederhole: "Löffel, Löffelstiel und Ausleger" – und versuche mir einzuprägen, welcher Teil des Baggerarms wie gesteuert wird, mit vor-zurück oder rechts-links des linken oder rechten Hebels, die auf Höhe meiner Knie in schwarzen Knubbelkugeln enden. Ich drücke sie in jede Richtung. Das Baggerchen erzittert am Anfang und am Ende jedes Manövers. "Ganz sachte", sagt Bierbrauer, der neben mir steht. Sachte ist nicht unbedingt eine Vokabel, die ich hier erwartet hätte. Später mahnt mein Instrukteur: "Ein Bagger kann im Ernstfall zum Monster werden." Ich nicke ernst zurück, frage mich aber: Was meint der?

Es ist kein Zufall, der mich zum Baggern zurück in die Heimat geführt hat. Klar: Abgerissen, planiert und gebaut wird überall. Aber hier in der vulkangespickten Osteifel gibt es unzählige Lavagruben und Steinbrüche. Und hier wird ausgebimst. Diesen Begriff kennt jeder in der Gegend. Mit ihm verbunden ist der Anblick von drei, vier, fünf Meter Höhenunterschied zwischen benachbarten Feldern. Von Landstraßen, an denen zu beiden Seiten tiefe Böschungen abfallen. Die Osteifel ist tatsächlich ein großes Baggerado.

Der Grund dafür liegt, von einem Kraterwall umsäumt, hinter Nickenich im Wald: der Laacher See. Hier brach vor 13.000 Jahren der letzte große Vulkan Mitteleuropas aus. Er überzog das Umland mit einer meterdicken Lavaschicht. Von heißen Gasen aufgeschäumt, erstarrte sie zu Bimsstein. Hieß es in meinen Kindertagen, irgendwo werde ausgebimst (sprich: "ausjebimmst"), dann machte wieder ein glücklicher Bauer so einen Bodenschatz zu Geld.

Nach und nach legten Abbaufirmen mit schwerem Gerät die Äcker der Region tiefer. Auch "Lavamaar" war so ein eifelspezifischer Name. Lava wie Ausbruch, Maar wie Vulkansee. Mit den Einnahmen aus dem Bimsabbau hatten die Nickenicher das Spaßbad gebaut. Für die Gemeinde wurde es bald zum Millionengrab, 2010 schloss sie es. Nun regiert hier endgültig der Bagger.