Naina, so nennt sich eine Siebzehnjährige aus Köln, hat eine veritable Bildungsdebatte ausgelöst, als sie im Netz bekannte, Gedichte analysieren zu können, aber keine Ahnung "von Steuern, Miete oder Versicherungen" zu haben. Unsere Bildungsministerin Johanna Wanka hat denn auch mitteilen lassen, sie finde Nainas Beitrag erfreulich und sei dafür, "in der Schule stärker Alltagsfähigkeiten zu vermitteln". Da war er wieder, der ewige Vorwurf, dass die Schule nicht auf das Leben vorbereite, sondern die armen Kinder mit unnützen Gedichten behellige.

Was ist nützlich? Diese Frage beschäftigt Naina, sie beschäftigt auch die bestallten Pädagogen und die Eltern. Die Antwort ist klar: Lesen, Schreiben, Rechnen in der Grundschule; Naturwissenschaften und Ökonomie an den Gymnasien, dazu Verkehrssprachen wie Englisch und Spanisch. Sozialkunde ist von Vorteil, Sport lüftet den Kopf. Alles, was anwendbar ist und ertüchtigt, erscheint uns als nützlich. Und was spräche dagegen, den Schülern beizubringen, wie man eine Steuererklärung macht?

Ob die These von einer immer komplexeren Lebenswelt wirklich zutrifft, ist gar nicht die Frage. Das Gefühl, es verhalte sich so, ist dominant, und es bestimmt das Aufgabenfeld der Schule. Dieses vergrößert sich ständig. Kulturtechniken wie der Umgang mit dem Computer und dem Netz, mit Medien, Mode und Werbung sind Themen der Curricula. Die Schule dient der Vorbereitung auf den Beruf, und die meisten Berufe, in denen man Geld verdienen kann, erfordern technisch-ökonomische sowie kommunikative Fertigkeiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

Wo aber bleibt das Schöne? Eine seltsame Frage, die heute kaum jemand mehr versteht. In den alten Schulen jedoch, wo man Griechisch und Latein, Musik und Kunst studierte, wo man Homer und Shakespeare, Horaz und Molière las, wo man Gedichte von Schiller oder Mörike auswendig lernte, war das gar keine Frage. Es gehörte dazu. Nein, ich rede nicht von der Feuerzangenbowle, die dazu diente, eine schwarze Pädagogik zu vergolden, sondern Von der Nützlichkeit des Unnützen.

So lautet der Titel einer Streitschrift des italienischen Literaturprofessors Nuccio Ordine (erschienen im Graf Verlag). In der Einleitung schreibt er, er wolle den Begriff der Nützlichkeit "in einem anderen, viel universelleren Sinn verstehen und darüber nachdenken, was es mit der Nützlichkeit jenes Wissens auf sich hat, dessen Wert vollkommen losgelöst ist von jeder Zweckbestimmtheit". Ordine wendet sich gegen das ökonomische Nützlichkeitsdenken, und er befürchtet, dass es "nach und nach unser Erinnerungsvermögen auslöschen und damit den Geisteswissenschaften und den alten Sprachen den Garaus machen wird, ebenso wie der Fantasie und der Kunst".

Wie weit dieses Denken in unsere Köpfe vorgedrungen ist, erkennt man daran, dass sich die scheinbar nutzlosen Fächer mit unmittelbaren Zwecken rechtfertigen. Latein, so die Begründung, diene dem Erlernen grammatischer Strukturen und erleichtere den Erwerb des Englischen. Frühzeitige Musikerziehung sei gut für den Mathematikunterricht. Kunstunterricht stabilisiere die Psyche. Wer so argumentiert, begibt sich in eine Begründungsfalle, aus der er nicht mehr herauskommt. Denn leicht ließe sich entgegnen, Latein sei ein Umweg, die Zeit für das Übersetzen von Horaz wäre besser verwendet, wenn man sie gleich ins Englische investierte.

Auch die Schulbehörden sind von solchem Zweckdenken beherrscht. Über den Sinn der Fächer Deutsch, Kunst, Musik und Literatur vermerken die "Kernlehrpläne" des Landes Nordrhein-Westfalen:

"Innerhalb der von allen Fächern zu erfüllenden Querschnittsaufgaben tragen insbesondere auch die Fächer des sprachlich-literarisch-künstlerischen Aufgabenfeldes im Rahmen der Entwicklung von Gestaltungskompetenz zur kritischen Reflexion geschlechter- und kulturstereotyper Zuordnungen, zur Werteerziehung, zur Empathie und Solidarität, zum Aufbau sozialer Verantwortung, zur Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft, zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen, auch für kommende Generationen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung, und zur kulturellen Mitgestaltung bei. Darüber hinaus leisten sie einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung, zur interdisziplinären Verknüpfung von Kompetenzen, auch mit gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Feldern, sowie zur Vorbereitung auf Ausbildung, Studium, Arbeit und Beruf."

Die armen Lehrer! Goethes Werther, Eichendorffs Taugenichts müssten unter der Last dieser Aufgaben zusammenbrechen, wollte man sie ernst nehmen – was allerdings schwerfällt. Darf man jemandem glauben, der ein derart elendes Deutsch schreibt?

Ein Lehrer des Altgriechischen, den ich einmal fragte, wie man sein Fach begründen könne, entgegnete: "Das können Sie gar nicht begründen, es ist schön!" Es fällt übrigens auf, dass die Freunde der alten Sprachen nur noch für eine halbierte humanistische Bildung eintreten. Griechisch spielt fast keine Rolle mehr.