Als Cem Özdemir sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf schüttete, fing die Berliner Staatsanwaltschaft an zu ermitteln. Der Grünen-Chef wollte mit seinem Beitrag zur "Ice Bucket Challenge" auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam machen und stellte das Video von sich ins Netz. Viel auffälliger aber war die Cannabispflanze, die neben ihm auf dem Balkon stand, denn der Anbau von Drogen ist in Deutschland verboten. Damit hat Özdemir eine alte Debatte belebt, von der man dachte, es sei doch schon alles gesagt worden. Ist es aber nicht.

Wer sich mit der deutschen Drogenpolitik befasst, trifft auf Pressekonferenzen meistens dieselben drei Repräsentanten der Hanflobby und kaum bekannte Oppositionspolitiker. Sie kämpfen mit YouTube-Videos und Kinospots um die Aufmerksamkeit einer Bevölkerung, die ihr Anliegen jugendlich, schmutzig oder lächerlich findet. Der Kampf für die Freigabe von Cannabis ist ein politisches Sisyphos-Projekt. In Interviews erwähnt jeder Experte jahrzehntealte Gerichtsklagen, Petitionen und Anträge, mit denen das Betäubungsmittelgesetz weich gewalkt wurde.

Das Gesetz verbietet den Anbau, Kauf und Verkauf von Cannabis, erlaubt aber den Konsum und Besitz einer geringen Menge für den eigenen Bedarf (die je nach Bundesland zwischen 6 und 15 Gramm schwankt). Man darf also einen Joint rauchen, das Gras dafür aber weder anbauen noch kaufen. Nüchtern betrachtet, ist das ziemlich seltsam. Noch seltsamer wird es, wenn man von internationalen Schätzungen liest, denen zufolge ungefähr vier Millionen Deutsche kiffen. Es gibt also ein Gesetz, das eine Norm festgesetzt hat, die täglich von Millionen Menschen überschritten wird. Trotzdem existiert dieses Gesetz weiter – warum eigentlich?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

Cannabis wird als Droge eingestuft, es gilt als gefährlich. Doch weil es verboten ist, gibt es keine großen, allgemeinwissenschaftlichen Studien zu seinen Wirkungen. Konsumenten geben an, dass es sie entspanne, schläfrig mache, den Appetit anrege. Mediziner sagen, dass es Psychosen begünstigen könne, bei schwer kranken Patienten aber auch Schmerzen lindere. Politiker erzählen von Jugendlichen, die abhängig werden und die Schule schmeißen. In jedem Bekanntenkreis werden sich Geschichten von Kiffern finden, die in der Psychiatrie, auf Hartz IV oder sonstwie hängen geblieben sind. Und von anderen, die irgendwann auf Alkohol/Sport/Kochen umgestiegen sind.

Der Strafrechtsprofessor Lorenz Böllinger, der als Psychotherapeut auch Cannabis-Patienten behandelt hat und für eine Legalisierung eintritt, schätzt, dass ungefähr fünf Prozent der Kiffer wirklich abhängig sind. Gesamtgesellschaftlich betrachtet, sind das nur sehr wenige Menschen. Wenn man dieser Zahl die von Alkohol-, Zigaretten- oder Tablettenabhängigen gegenüberstellt, nimmt sie sich noch kleiner aus. Menschen, die von Cannabis abhängig werden, schaden, wenn überhaupt, vor allem sich selbst. Warum sollte man sie dafür bestrafen? Und die gewaltige Masse an Gelegenheitskiffern dazu?

Das deutsche Cannabisverbot stammt aus einer Zeit, in der Süchtige nicht behandelt, sondern eingesperrt wurden. Anfang der siebziger Jahre unterschrieb Deutschland zusammen mit 180 weiteren Ländern eine UN-Konvention, um den weltweiten Drogenhandel und -konsum einzudämmen. Darunter fiel Cannabis genauso wie Heroin. Es gab dafür keine wissenschaftlichen Gründe, alle Drogen galten als schlecht. In Deutschland hat sich diese Haltung bis heute gehalten. In anderen Ländern hat sie sich dem Wandel der Zeit angepasst.

Cannabis ist nicht nur die beliebteste illegale Droge der Welt, sie wird von Suchtexperten auch als weniger schädlich eingestuft als Alkohol oder Tabak. Immer mehr Länder haben ihre Drogenpolitik daher liberalisiert. Die Freigabe ist allerdings nicht so einfach, wie es der Slogan "Legalize It!" fordert. Auch dort, wo man Cannabis besitzen und kaufen darf, wird es als illegale Droge geführt. Es gibt nur alle möglichen Regeln, die garantieren, dass man dafür nicht bestraft wird.

In Spanien dürfen Erwachsene in Cannabis-Clubs selbst Hanf anbauen. In Uruguay müssen sich Konsumenten registrieren, um daheim Pflanzen zu züchten oder Gras in der Apotheke zu kaufen. In Holland können sich Erwachsene über 18 bis zu fünf Gramm im Coffeeshop kaufen – ein Recht, das in vielen Kommunen nur noch Einheimischen vorbehalten ist, da man so den Drogentourismus stoppen will. In US-Bundesstaaten wie Alaska, Oregon oder Colorado sind der Besitz und Verkauf unter verschiedenen Bedingungen erlaubt. Am weitesten ist Portugal gegangen: 2001 hat die damalige Regierung alle Drogen einschließlich Heroin in bestimmten Mengen für straffrei erklärt, die Grenze für Cannabis liegt bei 2,5 Gramm. Der Anteil der Konsumenten ist seitdem leicht gestiegen – und die Zahl der Drogentoten stark gesunken.

Deutschland, das Land der vier Millionen Kiffer und Käufer, könnte sich von diesen Ländern einiges abschauen: wie hoch man die Steuern ansetzt, an wen man Lizenzen vergibt, welche Qualitätsprüfungen es braucht. Der Staat könnte Altersgrenzen und Werte für den Wirkstoff THC festlegen, er könnte Standorte bestimmen und Plantagen genehmigen. Das Wort Freigabe führt insofern in die Irre, als dass sie nicht einen planlosen, wuchernden Drogenhandel zur Folge hätte, sondern ein reguliertes Geschäft, das für die Konsumenten besser und für die Dealer schlechter wäre. Gerade weil der Cannabiskonsum Nebenwirkungen hat, sollte er überwacht werden. Von einem Staat, der die moderne Gesellschaft mit ihrem Hedonismus akzeptiert, statt gegen sie anzugehen.