Delfine im Nürnberger Tiergarten. © Reuters/Michael Dalder

Nami ahnt nicht, wie viel von ihr abhängt. Das zweieinhalb Monate alte Delfinkalb blubbert ein paar Luftblasen ins Wasser und fängt sie, noch bevor sie an der Oberfläche zerplatzen, wieder ein. Neben Mutter Sunny jagt sie das längliche Becken unter dem weißen Zeltdach im Nürnberger Tiergarten auf und ab. Etwa fünf Sekunden braucht sie von der einen Seite zur anderen. Am Beckenrand recken ein paar grüne Topfpflanzen ihre Blätter in die Luft. Sie sind die einzige Reminiszenz an die Natur, ansonsten besteht die Welt von Mutter und Tochter aus Wasser und Beton.

Nami ist am 31. Oktober des vergangenen Jahres im Tiergarten geboren worden. Sie ist das erste Kalb seit 16 Jahren, das länger als nur ein paar Tage überlebt hat. Von den 22 Delfinen, die seit 1971 in Nürnberg auf die Welt kamen, sind mittlerweile 17 tot. Allein zwischen 2006 und 2007 kam es zu einer europaweit einzigartigen Todesserie: Die Jungen der Delfinkühe Anke, Daisy und Jenny waren bei der Geburt bereits tot oder starben kurz danach, auch Mutter Daisy überlebte den Tag nicht. Und das Baby von Sunny verhungerte, weil diese keine Milch gab.

Mit der Aufzucht Namis steht der Tiergarten unter Druck. Die lange Todesliste ist für Tierschützer der Beweis, dass Delfine in Gefangenschaft nicht artgerecht gehalten werden können. Ein weiteres Drama um ein Delfinbaby kann sich der Tiergarten nicht leisten. Namis Schicksal ist wegweisend für das der letzten gefangenen Delfine Deutschlands.

Über den Berg ist sie erst in ein paar Wochen. Das Immunsystem von Delfinen entwickelt sich nur langsam. Ein weiterer Knackpunkt: Die anderen Tiere müssen den Nachwuchs annehmen. Die meiste Zeit schwimmen Nami und Sunny bisher allein im Becken. Nach und nach werden die anderen neun Delfine unter Aufsicht mit Mutter und Kind zusammengelassen. Aus Sorge um Nami bewachen die Pfleger das Kalb rund um die Uhr mit einer Unterwasserkamera, sie messen seine Herzfrequenz und versichern sich, dass es bei der Mutter säugt.

Im Fokus der Kritik steht Nürnbergs Zoodirektor Dag Encke. Er treibt die Zucht der Tiere seit Jahren voran. "Wenn das Kalb stirbt", sagte Encke bereits vor Namis Geburt, "dann werden wir öffentlich geschlachtet."

Die Zoos in Nürnberg und Duisburg sind die einzigen, in denen noch Delfine schwimmen. Der Druck auf die letzten Delfinhalter Deutschlands ist derzeit so groß wie nie. In Nürnberg schauen nicht nur Tierschützer auf Nami. Politiker und Besucher beobachten aufmerksam, wie sich das Kalb entwickelt. Schließlich hat Nürnberg erst vor vier Jahren 31 Millionen Euro in den umstrittenen Bau der Delfinlagune gesteckt – in einer Zeit, als die meisten Delfinarien hinschmissen.

Seit vier Jahren schwimmen die Tiere in Nürnberg in der modernen Freiluftanlage mit acht Becken auf einem Viertel der Fläche eines Fußballfeldes. Die Lagune soll sich auszahlen – mit einem Delfinbaby als Besuchermagneten. Die Geburt des Kalbs, die Namensfindung und Namis erster Presseauftritt kurz vor Silvester wurden von nahezu allen bayerischen Regionalzeitungen und Sendern begleitet. Am ersten Besuchertag saßen 500 Gäste auf der Tribüne unter dem weißen Zeltdach, um Nami zu sehen.

Sollte der junge Delfin es nicht schaffen, gilt die Investition als Millionengrab. In diesem Fall würden nicht nur Tierschützer die Schließung der Anlage fordern. Für den Tiergarten wäre das ein ziemliches Problem. Er konnte zwar im Eröffnungsjahr der Lagune eine sehr hohe Besucherzahl von über 1,2 Millionen verzeichnen, doch schon in den Jahren danach sank die Zahl wieder, zum Teil unter die Werte der Jahre vor dem Neubau.

Wäre das Nürnberger Delfinarium am Ende, dürfte ihm das Duisburger folgen. Ein Austausch der Tiere, um den Bestand aufzustocken und die Genpools für die Zucht zu mischen, würde dann nur noch europaweit, unter höherem Geld- und Verwaltungsaufwand funktionieren. Außerdem müsste Duisburg dann allein die Anklagen der Kritiker aushalten.

Etwa die der Tierrechtler des deutschen Ablegers der Whale and Dolphin Conservation (WDC). Die Vermutung der Organisation: Tierärzte verabreichen den Delfinen Psychopharmaka zur Verhaltenskontrolle. Die WDC forderte Einsicht in die medizinischen Akten, um herauszufinden, warum so viele Jungtiere in Folge gestorben sind. 2011 hat sie sich vor Gericht durchgesetzt, seitdem werten unabhängige Wissenschaftler die mehr als 22.000 Seiten Aufzeichnungen der Pfleger und Tierärzte sowie Laborbefunde aus. Im Frühjahr 2016 soll der Abschlussbericht fertig sein. "Was wir bisher schon wissen, ist, dass die Delfine aufgrund der unnatürlichen Gruppenzusammensetzung in Gefangenschaft aggressives Verhalten zeigen. Damit sie sich nicht gegenseitig verletzen, werden sie mit Psychopharmaka ruhiggestellt", sagt der Biologe David Pfender, der als Kampagnen- und Projektreferent bei der WDC die Analyse betreut. "Delfine sind hochintelligente Tiere, die in freier Wildbahn in komplexen sozialen Gruppen zusammenleben." Sie bilden getrennte Mutter-und-Kind- sowie Männergruppen, die sich zur Paarungszeit treffen. Alldem werde eine Haltung in Gefangenschaft nicht gerecht. Aggressionen untereinander könnten die Delfine in den Betonbecken nicht ausweichen.