Verhaltener Applaus beim Teekonzert in der Halle, der Cellist Eugen Bitto verbeugt sich, nach rechts, zur Mitte, nach links, dann geht er die zwei Schritte hinüber zum Flügel. Er blättert in den Noten und schimpft kurz auf Slowakisch, sodass nur die beiden anderen Musiker ihn verstehen. Seine helle Stimme ist bis zu den Sesseln in der Saalmitte zu hören. Der Geiger antwortet etwas, der Pianist schweigt. Kopfschüttelnd packt Bitto die Notenhefte des Walzers Herbstweisen ein und verteilt neue: Beethoven, Trio in G-Dur, Opus 1.

Es ist nicht leicht, im Waldhaus zu spielen, sagt Eugen Bitto. Hier muss man alles spielen können, Brahms und Bach, die Beatles und Elvis, zum Essen was Leichtes, am Abend was zum Tanzen, Tango, Rumba, Cha-Cha-Cha. Ein Riesenrepertoire. Aber der Pianist ist erst seit vier Jahren hier, der Geiger seit fünf, das ist nichts, nicht hier, im Waldhaus! Er, Eugen Bitto, Kapellmeister des Waldhaus-Trios, geht in seine 35. Saison.

Das Grandhotel Waldhaus thront über dem Dorf Sils-Maria wie ein Schloss, zwischen zwei silbernen Seen, in Sichtweite des schillernden St. Moritz, Oberengadin, Ostschweiz. Die Halle, in der das Trio spielt, ist der Gesellschaftsraum des Hotels, ein Wohnzimmer mit 130 Sitzplätzen. Die Gäste lehnen in Samtsesseln, auf den Teetischen glänzen silberne Kännchen, unter der hohen Stuckdecke hängen vergoldete Kristallkronleuchter. Ein Kellner fliegt durch den Saal, hoch zugeknöpft, mit langen Schritten und erhobenem Kinn. Er balanciert ein Tablett zu einem der Tische, an einem anderen schenkt er Wasser nach, eine Hand hinterm Rücken. So muss es auf der Titanic gewesen sein. Nur dass das Waldhaus nicht auf einen Eisberg zusteuert, sondern sich langsam, Stück für Stück, in den Berg bricht. Immer wieder sprengen sie den Fels, um sich Platz zu verschaffen: in den 1920ern für ein Lesezimmer, Tennisplätze und Garagen, 1970 für das Hallenbad, 1991 für den Anbau der Halle, 2012 für das neue Fumoir. Im Dezember 2016 soll das Spa eröffnet werden, die Grube ist schon fertig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

Vier Monate im Jahr bleibt das Hotel geschlossen, aber wirklich zur Ruhe kommt das Waldhaus nie. Es wird angebaut, umgestaltet, restauriert – und die Gäste sagen jedes Jahr: Wie schön, dass sich bei euch nichts ändert! Es soll alles so bleiben wie damals, als Richard Strauss hier Champagner schlürfte und Hermann Hesse ganze Sommer Briefe schreibend im Lesezimmer verbrachte. Die Gästeliste, ein Alphabet der großen Geister: Adorno, Beuys, Chagall, Dürrenmatt, Einstein. Was sie anzog, war wohl schon immer diese Mischung aus Grandeur und Gemütlichkeit, aus fünf Sternen und familiärer Atmosphäre. Es waren die Ururgroßeltern der heutigen Direktoren, die das Waldhaus vor 107 Jahren gebaut haben. Und schon damals spielte, wie einst in jedem guten Haus, um vier Uhr nachmittags ein Trio zum Teekonzert. Einen Pianisten findet man noch heute in mancher Hotelbar – aber ein fest angestelltes Trio? Das gibt es wohl nur noch im Waldhaus.

Am Vormittag blickte man durch die halb runde Fensterfront der Halle noch auf ein silberblaues Alpenpanorama. Nun fliegen die Schneeflocken fast waagerecht, der Wind schüttelt die kahlen Lärchen, dahinter verschwimmen die Konturen der Gipfel. Das Trio spielt Rossini, Il barbiere di Siviglia, Ouvertüre. Eugen Bitto, klein, rund, bronzener Teint, 62 Jahre alt, hält das Cello im Arm wie eine Geliebte. Sein Blick wandert durch die Lesebrille über das Notenblatt, in kniffligen Momenten zieht er die Brauen hoch, zuckt mit den Mundwinkeln. In seinem Rücken sitzt Peter Gul’as, groß und blass, 42 Jahre alt, mit durchgedrücktem Rücken am Flügel, den Kopf zur Seite geneigt, die Augen halb geschlossen. Rechts, vorm Flügel, streicht Ernest Patkoló, 65 Jahre alt, lächelnd über die Saiten der Violine. Seine Finger tanzen in Windeseile über den Steg, in seiner Miene liegt eine unerschütterliche Ruhe.

Grüezi! Ciao! Salut! Klingende Sektgläser, klirrende Untertassen. Die Halle des Waldhauses ist kein Konzertsaal. Ein Mann blättert in der Neuen Zürcher Zeitung: Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo liegt erst drei Tage zurück – doch es ist, als dringe der Aufschrei, der durch Europa hallt, nicht durch die schwere, gläserne Drehtür des Hotels. Als prallten die Schockwellen einfach ab an den Mauern dieser Festung der Muße. So ist das Waldhaus: Wer drin ist, ist drin; was draußen ist, bleibt draußen. Der Schriftsteller Martin Mosebach hat geschrieben: "Das Weltende könnte stattfinden, und man würde davon im Waldhaus erst eine Woche später erfahren, durch eine unaufgeregte Information des Portiers."