Wer in Frankreich stellt sich gegen die vier Millionen Franzosen, die am 11. Januar für die Meinungsfreiheit und das Satiremagazin Charlie Hebdo demonstrierten? Nur dunkle Gestalten und die aufmüpfigen Vorstadtjugendlichen? Keinesfalls. Ausgerechnet der Franzosen derzeit liebster Autor, der Journalist Éric Zemmour, tanzt aus der Reihe. "Nein, ich bin nicht demonstrieren gegangen. Ich glaube nicht an diese zur Schau getragene nationale Einheit", sagt Zemmour an seinem Bürotisch bei der rechtskonservativen Pariser Tageszeitung Le Figaro. Seine Positionierung nach den Pariser Attentaten hat Bedeutung für ganz Europa. Zemmour gilt dieser Tage als Frankreichs wirkungsmächtigster Intellektueller. Seine Thesen vom französischen Kultur- und Identitätsverlust im Zuge der Globalisierung werden überall im Land diskutiert. Schon 400.000-mal hat sich sein Bestseller "Der französische Selbstmord" seit Oktober verkauft, an manchen Tagen gingen bis zu 5.000 Exemplare über den Ladentisch.

Zemmour selbst sieht sich in der Tradition so revolutionärer Vordenker wie Victor Hugo und Jean-Paul Sartre. Allerdings ist für ihn heute nicht mehr die Revolution fällig, sondern die Reaktion, der Gang zurück zu überschaubareren Verhältnissen. "Heute ist die Reaktion subversiv", sagt Zemmour. Fortschritt ist für ihn ein überholter Begriff der Linken. "Die 68er wollten aus der Geschichte ausbrechen: Frieden und Fortschritt für immer." Stattdessen würden die Attentate heute Frankreich in die Geschichte zurückführen. "Ich empfand es als sehr symbolisch, dass ausgerechnet die Leute (von Charlie Hebdo, d. Red.), die heute noch 68 – diese Mischung aus Anarchismus und Hedonismus – inkarnieren, bezahlen mussten. Das war das Ende einer Epoche."

Zemmour knüpft damit an sein Buch an, das – beginnend mit den ersten Depardieu-Filmen – auf 500 Seiten chronologisch die Kulturhegemonie der 68er beschreibt und damit die angebliche Zerstörung der französischen Kultur. Wohin das führt? Nicht nur zum französischen Selbstmord: "Die antirassistische, multikulturelle Ideologie der Globalisierung wird für das 21. Jahrhundert sein, was der Nationalismus für das 19. Jahrhundert und der Totalitarismus für das 20. Jahrhundert waren: ein kriegsstiftender messianischer Fortschrittglaube, der den Krieg zwischen Nationen in einen Krieg im Inneren der Nationen verwandelt." Gerne verweist Zemmour heute auf diese Schlussfolgerung seines Buches, welche die Leitartikel-Überschrift seiner Zeitung Le Figaro am Tag nach den Attentaten vorwegzunehmen schien. Sie lautete knapp: "Der Krieg."

Zemmour sieht sich nun mitten im Gefecht und will die Franzosen nach den Attentaten für die Zukunft wappnen: "Eine Kluft zwischen rechter und linker Politik existiert nicht mehr. Was bleibt, ist der Widerspruch zwischen Volk und Eliten." Deshalb nennt sich Zemmour auch selbst "mit Stolz" einen Populisten. Er kann zwar mit dem Volk, das am 11. Januar demonstrierte, nichts anfangen, möchte aber doch im Namen eines von ihm gegen die Eliten vertretenen Volkes mobilmachen: "Das Hauptproblem ist die Einwanderung und die damit einhergehende Entstehung eines zweiten Volkes auf französischem Boden", analysiert Zemmour. Dagegen hilft in seiner Sichtweise nur: Schengen abschaffen, Grenzen dichtmachen und viele Ausländer nach Hause schicken. Denn die Alternative hieße eben Krieg. "Wenn zwei Völker auf einem Territorium leben, dann herrscht normalerweise Krieg. Das habe ich schon vor den Attentaten gesagt, die mir das nur bestätigen."