DIE ZEIT: Herr Babej, ist es Zufall, dass die Bilder Ihrer Fotoserie namens Mischlinge ausgerechnet jetzt in Dresden zu sehen sind?

Marc Erwin Babej: Ja. Ich habe die Fotos im September gemacht, damals gab es Pegida noch nicht. Dass diese Bewegung ausgerechnet jetzt aufkommt, ist natürlich eine irrsinnige Parallelität. Ich will mit den Fotos Fragen aufwerfen wie: Wer darf zur deutschen Gesellschaft gehören – wer nicht? Darum geht es auch bei Pegida. Die Organisatoren wollen das Deutsche bewahren – was auch immer das sein mag. Ich finde, wir setzen Pegida etwas entgegen mit diesen Bildern.

ZEIT: Ehrlich gesagt, sind Ihre Fotos auf den ersten Blick eine ziemliche Zumutung.

Babej: Ja? Sehr gut. Das wollte ich so. Die Bilder sollen unangenehm wirken, auch etwas Angst machen. Vor allem sollen sie zum Nachdenken anregen.

ZEIT: Sie zeigen Menschen in der Ästhetik des NS-Regimes, der Ästhetik Leni Riefenstahls, Hitlers Lieblingsregisseurin. Warum?

Babej: Wer ist ein Deutscher? Darauf suche ich eine Antwort. Die Nazis haben eine perverse Antwort darauf gesucht. Heute meinen wir, uns ganz von solchem Gedankengut losgelöst zu haben. Tatsächlich konnten mir nicht einmal Politiker oder Historiker die Frage "Wer ist Deutscher?" eindeutig beantworten. Wir denken zu oft noch in völkischen Kategorien und werden das Gefühl nicht los, dass Volkszugehörigkeit auch etwas mit ethnischer Abstammung zu tun haben soll. Leute mit "Migrationshintergrund" sprechen manchmal, ohne es zu merken, von "den Deutschen". Als gehörten sie nicht dazu. Und "Alteingesessene" sagen gelegentlich, auch ohne darüber nachzudenken, jemand sehe "deutsch" aus. Vielleicht fällt mir das deshalb so auf, weil ich inzwischen in den USA lebe. Hier gehört jeder mit US-Pass voll zur amerikanischen Gesellschaft.

ZEIT: Wieso der Titel Mischlinge?

Babej: Der Begriff soll provozieren, mit zwei Wahrheiten. Erstens ist er historisch besetzt, die Nazis schmähten so "Halb- und Vierteljuden". Zweitens habe ich den Begriff auch gewählt, weil er unser Volk beschreibt: Alle Deutschen sind Mischlinge. Jeder hat Vorfahren, die aus verschiedenen Ecken Europas oder der Welt kommen. Um das zu beweisen, habe ich jedes meiner Modelle gebeten, eine DNA-Probe abzugeben.

ZEIT: Sie haben was?

Babej: Ja, das habe ich. Heraus kam: Selbst Patrick Lasch, 71, den ich fotografiert habe und den die Nazis als "arisches" Kind in einem Lebensborn-Heim regelrecht züchteten, hat Vorfahren aus Süd- und Osteuropa. Er hat übrigens auch jüdische Ahnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Osten-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Eines Ihrer Bilder fällt aus der Reihe, weil der Mann, der darauf zu sehen ist, eher verletzlich wirkt, nicht so herrisch-entschlossen wie die anderen. Er trägt das Brust-Tattoo Never Forget. Wer ist das?

Babej: Das ist Rainer Höß, dessen Großvater Rudolf Höß Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz war. Ich habe Rainer mal in einer TV-Dokumentation gesehen. Er besuchte damals Auschwitz. Rainer ist ein engagierter Anti-Neonazi-Aktivist, er ließ sich von mir vor dem Buchenwald-Zaun fotografieren.

ZEIT: Auch Prominente wie der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir haben für Sie Modell gestanden. Mit welchen Argumenten konnten Sie ihn dazu überreden?

Babej: Ich musste ihn nicht groß überreden. Er fand es gleich relevant, zu hinterfragen: Gibt es einen Unterschied zwischen einem "richtigen" Deutschen und einem deutschen Staatsbürger? Ich bat Cem, sich auf den Platz im Berliner Olympiastadion zu setzen, auf dem 1936 Hitler gesessen hat. Hat er gemacht.