Die Grundschule von Lukas hat vor zwei Jahren mit der Inklusion begonnen. "Bei uns läuft es ziemlich gut", sagt die Schulleiterin. "Die Kollegen ziehen mit, das ist das Wichtigste." Stolz zeigt sie auf eine Tafel in ihrem Büro, an der das neue Förderkonzept hängt: "Wie sollen Lehrer, Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und Erzieher zusammenarbeiten? Wann brauchen wir zwei Lehrer in einer Klasse? Was tun wir in Notfällen, wenn ein Kind ausflippt? Das sind die Fragen, die wir beantworten müssen. Und natürlich wäre mehr Personal immer hilfreich."

Insgesamt reiche das Geld, sagt die Schulleiterin, das sei allerdings einem Trick zu verdanken: Weil das Geld für die LSE-Kinder nicht reicht, versucht die Schule, behinderte Kinder aufzunehmen. Die sind relativ einfach in den Unterricht zu integrieren und bringen eine berechenbare Summe Geldes mit. Das ist gängige Praxis, bestätigen Lehrer und Schulleiter – stets anonym, weil keiner sich öffentlich äußern mag. Und natürlich könnte die finanzielle Ausstattung besser sein.

Aber auch hier hört man: Die großen Herausforderungen liegen anderswo. Ein Eindruck, der sich verstärkt, wenn man sich eine Reihe von Schulen angesehen hat: An manchen funktioniert Inklusion sehr gut. An anderen eher nicht.

Woran liegt das?

Inklusiver Unterricht für heterogene Gruppen ist wesentlich anspruchsvoller als traditioneller Frontalunterricht, sagen Schulleiter und Experten. Es braucht also neben guten Konzepten auch gute Lehrer. Und Schulleiter berichten von zwei Schwierigkeiten: Viele Ältere aus dem Kollegium schaffen die schwierige Umstellung ihres Lehrstils nicht. Wenn man jahrzehntelang alleine unterrichtet hat, ist es schwer, sich plötzlich an eine zweite Lehrperson im Klassenraum zu gewöhnen. Vielen Jüngeren fehlt dagegen die Erfahrung, mit extrem schwierigen Schülern umzugehen.

Im Klassenraum hat Lukas sich an den Tisch gesetzt und malt ein Bild. Das individualisierte Lernen gibt den Kindern viel Selbstverantwortung und die freie Entscheidung, wann sie welche Aufgabe erledigen. Das ist eine Herausforderung für Schüler und Lehrer. "Lukas ist heute erstaunlich brav", sagt seine Lehrerin. Seit 2009 hat sich die Zahl der als verhaltensauffällig eingestuften Kinder versechsfacht – auch dank neuer Diagnostik. Es spricht einiges dafür, dass diese Zahl weiter steigen wird. Studien zufolge haben zehn bis zwanzig Prozent eines Jahrgangs schon jetzt Probleme mit der emotionalen und sozialen Entwicklung. Nimmt man die Lern- und Sprachschwierigkeiten hinzu, wird das Problem noch größer. Knapp ein Drittel aller Schüler, so sagen Bildungswissenschaftler, sind heute potenzielle Problemschüler: Sie brauchen Hilfe, um den Abschluss zu erreichen.

Viele dieser Kinder kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, leiden unter Bindungsstörungen. Das hat nicht viel zu tun mit dem, was die meisten Menschen immer noch unter Inklusion verstehen – der Integration Behinderter in den regulären Unterricht. Die LSE-Kinder sind eine Herausforderung, die Schulen auch hätten, wenn es keine Inklusion gäbe.

So ist der Begriff der Inklusion zur universellen Problembeschreibung der modernen Herausforderungen der Schule geworden. Um das Recht der Behinderten geht es für viele Lehrer, Politiker und Experten allenfalls am Rand.

*Name geändert