Nachdem die Islamkritik lange Zeit mit dem Vorwurf der "Islamophobie" belegt wurde, scheint sie neuerdings in Maßen erlaubt. Kurz nach dem Massaker in Paris hatte der Bundesinnenminister behauptet, der Terror habe mit dem Islam nichts zu tun. Eine Woche später, in einem Interview mit der FAZ, war die Kanzlerin etwas vorsichtiger: "Die Menschen fragen, wie man dem so oft gehörten Satz noch folgen kann, dass Mörder, die sich für ihre Taten auf den Islam berufen, nichts mit dem Islam zu tun haben sollen." Gleichwohl wiederholte sie die These des seinerzeitigen Bundespräsidenten, der Islam gehöre zu Deutschland – eine unglückliche Formulierung insofern, als die Deutschen muslimischen Glaubens selbstverständlich "zu Deutschland gehören", der Islam jedoch als eine Religion, die nicht zwischen öffentlichem Recht und privatem Glauben unterscheidet, sicherlich nicht, jedenfalls noch nicht.

Angela Merkels Kunst, vorteilhafte Positionen gleichzeitig zu besetzen, erinnert an das Mühle-Spiel: Wer seine Steine rasch auf die richtigen Eckpunkte legt, kann mit jedem Zug einen Punkt machen. Das wird in diesem Gespräch abermals deutlich. Merkel empfiehlt der "Geistlichkeit des Islams", die Gewaltfrage theologisch zu klären. Im Gegenzug empfiehlt sie den Christen, "noch mehr und selbstbewusst über ihre christlichen Werte zu sprechen und ihre eigenen Kenntnisse ihrer Religion zu vertiefen". Mit der fortschreitenden Säkularisierung, so ergänzt sie, ließen die Kenntnisse über das Christentum immer mehr zu wünschen übrig. "Jeder sollte sich selbst fragen, was er zur Stärkung der eigenen Identität, zu der bei der Mehrheit immer auch noch die christliche Religion gehört, tun kann."

Man achte auf die Wortwahl. Kurz vorher hatte sie eingeräumt: "Natürlich stehen wir auf dem Fundament der christlich-jüdischen Traditionen." Jetzt deutet sie an, dass dieses Fundament fraglich geworden ist. Sie behauptet jedoch weder, bei der Mehrheit gehöre das Christentum "immer noch" (vielleicht alsbald nicht mehr) zur eigenen Identität, noch sagt sie, es gehöre "immer auch" dazu (also unter vielem anderen), sondern sie sagt: "immer auch noch".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

Mit dieser Haltung vertritt die Kanzlerin ziemlich elegant jene Mehrheit, die "immer auch noch" die Grundrechte nebenbei mitnimmt, aber kaum mehr weiß, woher sie kommen und wer sie erkämpft hat – jene Mehrheit, die sich bis vor Kurzem nicht vorstellen konnte, jemandem könnten unsere Freiheiten missfallen. Das tun sie aber. Sie missfallen einem Islam, der die Freiheit des Individuums einem archaisch-autoritären Regelwerk unterordnet.

Der alte Konflikt der beiden Kulturen, der jetzt zu neuer Glut entfacht worden ist, erregt zwei entgegengesetzte Reaktionen. Die eine neigt zum freundlichen Verstehen muslimischer Empfindlichkeiten und zu reumütiger Selbstkritik – nennen wir sie Kulturrelativismus. Die andere neigt zu einer offensiven Kritik des Islams und zur Verteidigung abendländischer Errungenschaften – nennen wir sie Kulturkonservatismus.

Die Kulturrelativisten folgen einer vereinfachten Version der Lessingschen Ringparabel: Die Sonne der Aufklärung strahlt in der Mitte, und die Trabanten der monotheistischen Religionen umkreisen sie in ähnlichem Abstand. Dass der Islam von dieser Sonne etwas weiter entfernt ist, führt zu der Forderung, er möge die Aufklärung nachholen. Unausgesprochen verbirgt sich dahinter der Gedanke, ein aufgeklärter Islam würde ähnlich weich und kompatibel werden wie die in ihre Bequemlichkeit verliebten deutschen Christen, die den Kern der Botschaft ihren Bedürfnissen angepasst haben.

Nun kann auch der Kulturrelativist die hässlichen Seiten des Islams nicht leugnen, und deshalb beeilt er sich, sobald er auf sie zu sprechen kommt, die hässlichen des Christentums hervorzuheben, dergestalt, als wollte man jemanden, der über seinen grippalen Infekt klagt, damit trösten, dass man von dem eigenen, erst unlängst überstandenen berichtet. Die brutalen islamischen Eroberungskriege, die keinen Ungläubigen am Leben ließen – waren die Kreuzzüge nicht ebenso brutal? Der intellektuelle und wissenschaftliche Rückstand des Islams – verdankt die abendländische Kultur ihre Entstehung nicht auch jenen Muslimen, die das griechische Denken ins verkümmerte Europa überliefert haben? Der Terror der Islamisten – erlebten die Christen in Zeiten der Inquisition nicht ähnlich Furchtbares?

Kaum eines dieser Fantasmen hält strenger Überprüfung stand. Sie bestätigen allerdings die größte Tugend abendländischer Kultur: ihre Fähigkeit zur Selbstkritik, ihre leidenschaftliche Zerknirschungslust im Namen einer universalistischen Idee. Nur so war Europa imstande, Anregungen fremder Kulturen mit räuberischer Inbrunst aufzugreifen und für den eigenen Aufstieg zu nutzen.

Die Verneigung vor dem Orient geht zurück auf das 18. Jahrhundert, als sich die Kritik an der antiaufklärerischen Kirche aus dem Gegenbild eines grandiosen und toleranten Islams speiste, und sie fand im 19. Jahrhundert ihren vorläufigen Höhepunkt. Man denke an die Orient-Mode in Malerei und Kunsthandwerk, an die Märchen (etwa Hauffs Kalif Storch) oder an Goethes West-östlichen Divan. Goethe jedoch war nüchtern genug, um zu erkennen, dass die Kreuzzüge dazu beigetragen haben, die abendländische Kultur gegen die muslimischen Feldzüge zu verteidigen: "Indessen bleiben wir allen aufgeregten Wall- und Kreuzfahrern zu Dank verpflichtet, da wir ihrem religiösen Enthusiasmus, ihrem kräftigen, unermüdlichen Widerstreit gegen östliches Zudringen doch eigentlich Beschützung und Erhaltung der gebildeten europäischen Zustände schuldig geworden." Der Kosmopolit Goethe war kein Kulturrelativist. Einer Kirche gehörte er nicht an, aber er wusste die "gebildeten europäischen Zustände", deren wir uns allmählich wieder bewusst werden, durchaus zu schätzen.