Das hat einen Hauch von Roulette", murmelt Lars Klieve, der Stadtkämmerer von Essen, und starrt auf sein iPhone. Rote und grüne Balken mit weißen fünfstelligen Zahlen flirren auf dem Display: Eine Devisen-App zeigt Klieve die Kurse der globalen Währungsmärkte an. Alle paar Sekunden flackern neue Zahlen auf, wenn Finanzkonzerne wieder Millionen Euro, Dollar, Yen hin und her getauscht haben. In der Mitte stehen die fünf Ziffern, die über Essens Schuldenstand entscheiden: der Wechselkurs des Schweizer Frankens.

"1,0177 CHF/EUR", Franken je Euro, zeigt das Programm gerade an. Für die Stadt Essen heißt das: Ihre Fremdwährungsschulden von 450 Millionen Franken betragen an diesem Freitagmorgen um 9.23 Uhr umgerechnet 442,56 Millionen Euro – also 67 Millionen mehr als am Tag zuvor. Als der Euro noch 1,20 Franken wert war.

"Etwas ist passiert, das ich für undenkbar gehalten habe", sagt Klieve. "Die 1,20 sahen so sicher aus wie eine Schweizer Bank." Doch an den Devisenmärkten ist nichts mehr sicher, seit die Schweizer Nationalbank (SNB) am vergangenen Donnerstag die Bindung des Frankens an den Euro zum Mindestkurs von 1,20 aufhob. Binnen Minuten verlor der Euro gegenüber dem Franken mehr als 20 Prozent seines Wertes.

Klieve, ein Mittvierziger mit Seitenscheitel und Nadelstreifenanzug, hat sich verzockt. Seit fünf Jahren verantwortet der CDU-Mann die Finanzen von Deutschlands höchstverschuldeter Kommune. Zwar hat Essen 2014 erstmals seit Jahrzehnten wieder Schulden abgetragen: sechs Millionen von rund 3,3 Milliarden Euro. Doch am Donnerstag hat die Stadt schlagartig gut das Zehnfache verloren. Wegen Klieves vermeintlich billiger Franken-Kredite.

Klieve bleibt nur ein Trost: Essen steht nicht allein da. Bochum, Münster und Dorsten haben dasselbe Problem. Wie auch Hunderttausende Bürger. Die Abkopplung des Schweizer Frankens vom Euro kommt Fremdwährungsschuldner teuer zu stehen. Franken-Kredite und -Anleihen im Wert von mehr als 145 Milliarden Euro haben Institutionen, Unternehmen und Privatleute aus der EU aufgenommen, das zeigen Statistiken der Europäischen Zentralbank.

Ruhrgebietskommunen, süddeutsche Häuslebauer, polnische Mittelständler – sie alle wollten einst von den niedrigen Schweizer Zinsen profitieren. Jetzt hat sie das Beben am Devisenmarkt erwischt. Je höher die Schweizer Währung steigt, desto mehr Euro oder Złoty müssen sie tilgen. Allein in Polen hat es fast 600.000 Menschen erwischt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

Es ist 9.25 Uhr, die Anzeige auf Klieves iPhone springt um: "1,0110 CHF/EUR". In zwei Minuten hat Essen gerade virtuell weitere 2,5 Millionen verloren. "Solche Ausschläge hat es früher in einer Woche nicht gegeben", sagt Klieve. Es flackert wieder. "1,0073 CHF/EUR", schon wieder 1,6 Millionen Euro mehr Schulden. Klieve lacht. "Ich mach das lieber weg", sagt er und klappt die Schutzhülle des Smartphones zu. "Das war ein Schlag."

Der Schlag traf Klieve am vergangenen Donnerstag in Form einer E-Mail. Unter dem Betreff "Katastrophen-Nachricht" schrieb ihm ein Mitarbeiter am späten Vormittag, was die SNB soeben beschlossen hatte. Drei Jahre lang hat sie ihre Währung künstlich schwach gehalten und Milliarden von Franken gegen Euro getauscht, um die Exporte der heimischen Wirtschaft ins übrige Europa nicht noch teurer zu machen und um halbwegs bezahlbar für Touristen zu bleiben. Nun aber lässt sie den Devisenmärkten freien Lauf, und die Gemeinschaftswährung fällt ins Bodenlose. Als Klieve seine Devisen-App nach der Horrornachricht öffnet, sieht er, dass der Euro statt 1,20 Franken nur noch 0,90 Franken wert ist: Essen hat 125 Millionen Euro mehr Schulden als bei Sonnenaufgang.

Dabei haben Klieve und seine Vorgänger nur das Beste gewollt. Kurz nach der Jahrtausendwende nimmt Essen erstmals Schulden in Franken auf. Damals bieten Banken ihren Kunden im großen Stil Schweiz-Kredite an. Die Zinsen sind zwei Prozentpunkte niedriger als in Euro. Der Wechselkurs von 1,48 Franken je Euro scheint sicher. Bei den schwachen Renditen will kaum einer in der Schweiz anlegen. Großspekulanten wie Hedgefonds verschulden sich sogar billig in Franken, um das Geld in Hochzinsländern wie Brasilien anzulegen. Familien von Ungarn über Österreich bis Süddeutschland stürzen sich auf die Franken-Kredite, um Eigenheime oder Autos zu finanzieren. Selbst der FC Bayern München schlägt zu, um das neue Stadion bezahlen zu können, steigt aber 2012 wieder aus.