Der Dirigent trägt Frack, Fliege und neongelbe Handschuhe. Anstatt eines Taktstocks hält er einen knallgrünen Ball in der Hand, mit dem er einen Viervierteltakt schlägt. Runter, links, rechts, hoch. Sein Schüler, hat man ihm gesagt, reagiert auf knallige Farben.

Der Schüler ist etwa so groß wie ein siebenjähriges Kind. In seinem Gesicht prangt ein einziges Kameraobjektiv, als wäre es das Auge eines Zyklopen. Anstatt Ohren hat er schwarze Mikrofone. Wo bei Menschen Haut ist, hat er weiße Oberflächen, glatt und kühl.

Myon heißt der Roboter, und der Dirigent soll ihm beibringen, was Musik ist und wie sie wirkt. Er beginnt damit, ihm zu erklären, wie das Dirigieren funktioniert.

"Wenn eine traurige Musik losgeht, wird die Bewegung ganz ruhig sein", sagt er. "Und wenn es rabiat wird, dann muss auch die Bewegung heftig sein." Der Dirigent reißt die Hand mit dem Ball in die Luft.

Sobald der Dirigent schweigt, hört man die Gelenke des Roboters surren. Er lässt die Arme hängen, steht und schaut. Nichts weiter. Trotzdem beugt sich der Dirigent zu ihm hinunter, lächelt ihm zu. Als sei es selbstverständlich, einen Roboter anzulächeln.

"Die letzten Arien in einer Oper, wenn einer stirbt", sagt er und polstert seine Stimme aus, als spräche er mit einem Kind, "bringen manche Menschen zum Weinen." Myon, stumm, richtet sein Kameraauge auf ihn. Bis zum Ende der Unterrichtsstunde wird Myon nichts tun als – schauen.

Warum erklärt ein Dirigent einem stummen Roboter die Musik? Wozu muss ein Roboter das wissen?

Die Probe an der Komischen Oper Berlin ist Teil eines großen Experiments: Myon, der Roboter, soll in einer Oper mitspielen. Er soll kein Requisit sein, sondern ein Ensemblemitglied. Eines, das engagiert wurde, ohne dass der Dirigent, das Regieteam oder sonst jemand wüsste, was dieses Ensemblemitglied bis zum Aufführungstermin können wird.

Künstliche Intelligenz - Roboter Myon übernimmt Opernrolle Er ist so groß wie ein siebenjähriges Kind und lernt noch: Myon ist Teil eines Musikprojektes an der Komischen Oper Berlin. Sein Konstrukteur will einen Roboter bauen, der wie ein Mensch funktioniert.

Kann sein, dass der Roboter im Juni 2015, anderthalb Jahre nach der ersten Probe mit dem Dirigenten, immer noch bloß auf der Bühne in Berlin-Mitte herumstehen und schauen wird wie jetzt. Kann aber auch sein, dass er singt oder den Dirigenten ersetzt.

My Square Lady heißt das Stück, in dem Myon auftreten soll. Die Handlung: Ein Mensch versucht, einen Roboter nach seinem Ebenbild zu schaffen – und dann entwickelt der Roboter ein Eigenleben. Das ist die Idee. Aber sie wird nur aufgehen, wenn der Roboter mindestens gehen und sprechen kann. Besser wäre, er könnte auch singen. Ob daraus etwas wird – an dem Tag, an dem der Dirigent das Wesen der Musik erklärt, haben die Leute von der Komischen Oper keine Ahnung. Auch der Roboter hat keine Ahnung. Oder teilt er sie nur nicht mit?