DIE ZEIT: Herr Lieben-Seutter, Anfang Februar beginnt das Festival Lux aeterna, auf Deutsch: ewiges Licht. Ein ganz schön christlicher Titel für eine säkulare Veranstaltung.

Christoph Lieben-Seutter: Das Säkulare steht eben gerade nicht im Vordergrund.

ZEIT: Sie sind ja auch kein spiritueller Verein.

Lieben-Seutter: Das ewige Licht ist aber auch jenseits der liturgischen Bedeutung eine tolle Metapher. Uns geht es um den Kern der Musik: Warum hören Menschen sie? Was hat Musik im Innersten für eine Bedeutung?

ZEIT: Vor zwei Jahren haben Sie das Festival zum ersten Mal organisiert – ein großer Erfolg.

Lieben-Seutter: Viele Menschen haben offenbar ein Bedürfnis nach spiritueller Erfahrung. Da stehen Meisterwerke der Klassik und Sakralmusik neben Neuer Musik, exotischen Projekten, Orgelmusik mit Videoprojektionen, einer Tanzperformance.

ZEIT: Konzerte zur Förderung der Sinnsuche?

Lieben-Seutter: Das Publikum ist sehr gemischt. Unser Stammpublikum kommt, es kommen aber auch viele Leute, die sich von dem Programm angesprochen fühlen. Die Atmosphäre ist warm und herzlich.

ZEIT: Eine klangliche Wohlfühloase mitten im trostlosen Winter?

Lieben-Seutter: Nein, das wäre ein Missverständnis. Musik kann unterhalten, ablenken, Trost spenden, aber sie hat viele Ebenen. Wir machen ja auch harte Schnitte. Das Ensemble Resonanz wird Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze von Joseph Haydn aufführen. Zwischen den Sätzen liest Birgit Minichmayr Ausschnitte aus dem Blog des kürzlich verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Das ist harter Tobak.

ZEIT: Insgesamt aber eine ziemlich weit gefasste Klammer, diese Spiritualität, oder nicht?

Lieben-Seutter: Eine große Klammer. Natürlich könnten wir thematisch enger denken und beispielsweise bestimmte Komponisten, Stile oder Perioden über mehrere Konzerte präsentieren. Aber das ist mehr etwas für Insider. Mein Auftrag hier ist gerade in den Jahren vor der Eröffnung der Elbphilharmonie, das Publikum zu erweitern und es neugierig zu machen. Im Zweifelsfall ist mir das saftigere Projekt oder der tollere Künstler wichtiger als die dramaturgische Stringenz des Gesamtprogramms.

ZEIT: Wie haben Sie ausgewählt?

Lieben-Seutter: Einerseits sehr persönlich. Ich habe mir meine Plattensammlung angesehen und gesagt: Jetzt möchte ich endlich einmal den persischen Virtuosen Kayhan Kalhor oder die Musik des obskuren armenischen Esoterikers Georges Gurdjieff live hören. Andererseits ist Lux aeterna auch eine Kooperation mit vielen Hamburger Veranstaltern. So habe ich mich besonders über den Klavierabend von Pierre-Laurent Aimard mit Bach, Messiaen und Kurtág bei ProArte gefreut oder über Gubaidulinas Offertorium mit Thomas Hengelbrock und der wunderbaren Patricia Kopatchinskaja beim NDR.

ZEIT: Im Zweifelsfall sollte die Auswahl also eher persönlich-exzentrisch als etabliert-konventionell ausfallen?

Lieben-Seutter: Ja. Im Alltag kommt es schon mal vor, dass ich die 7. Symphonie von Gustav Mahler ins Programm nehme, auch wenn ich persönlich damit nicht viel anfangen kann. Das ist bei Lux aeterna anders. Wir könnten gleich die nächsten zehn Festivals programmieren. Da fallen mir Themen ohne Ende ein.