Am Ende, so ist das eben, kommen die Leichenfledderer. So nennt Hans-Jürgen Köster seine letzten Kunden, die das Sortiment durchwühlen. Der ergraute Buchhändler mit dem schütteren Haar lächelt milde. Er meint es nicht böse, im Gegenteil. Er freut sich über jeden Käufer, da bald ja Schluss ist im Männerschwarm.

Männerschwarm – Szenekundige wissen es – ist ein schwuler Buchladen in St. Georg, am Ende der Langen Reihe, wo der Boulevard des Viertels von alter Gründerzeitpracht in Nachkriegsnüchternheit übergeht. Unterm bordeauxroten Licht eleganter Lampen mag dort auch ein Hirschhausen-Ratgeber liegen und die neue Heyerdahl-Biografie. Ansonsten beschränkt sich das Repertoire auf dem Präsentiertisch auf den Bereich von Mangas mit grotesk erigierten Penissen über gebundene Coming-out-Geschichten bis hin zu Fachliteratur. Bondage, Gender, solche Sachen.

Das Angebot ist ausgedünnt, seit Geschäftsführer Köster die Schließung bekannt gab. Nach 33 Jahren Szeneversorgung mit Literatur, Emanzipation und audiovisuellem Beiwerk von Porno bis Poster wird Köster am kommenden Samstag die Tür, vor der er kiloweise Tabak geraucht hat, für immer schließen. Und das, glaubt der 56-Jährige, habe mit Durchmischung zu tun.

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Jenem Phänomen einer absorbierten Zielgruppe, die den Männerschwarm schon einmal zum Ortswechsel getrieben hatte, beim Umzug aus St. Pauli. Seit 2002 versorgte der Laden mit eigenem Verlag seine Kundschaft also im anderen Heiligenviertel. "Wir haben gut davon gelebt, dass unsere Klientel bewusst herkommt." Doch seit sich der Mainstream Andersliebenden öffne, gehe dieses Bewusstsein im Klima wachsender Selbstverständlichkeit schwulen Lebens verloren. Als der Männerschwarm 1981 im armen Schanzenviertel entstand, "musste sich meine Generation Identität und Freiräume ja noch erkämpfen".

Wie Hans-Jürgen Köster selbst. Aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz, war er sich seiner schwulen Neigung längst sicher, als das Coming-out kam. Im Studium, Theologie ausgerechnet. "Mit 18 wollte ich echt Pfarrer werden", erzählt er vor Regenbogen-Nippes und Pin-up-Kalendern von seiner Göttinger Zeit in den Siebzigern. Doch die konservative Landeskirche mochte einen wie ihn nicht und ließ es ihn spüren. Also brach Köster ab, suchte Halt in Hamburg und fand ihn 1986 eben im Männerschwarm.

Abseits der Heteronormalität gab es darin nicht nur Lesestoff, sondern auch Lebenshilfe, Trost, Freunde. Dass dies verloren ist, mag an Amazon und Internet liegen, am aussterbenden Stammpublikum und ein wenig auch an Köster selbst, einem "altmodischen Buchhändler", wie er sich selbst nennt. Als die Gentrifizierung ringsum dann Fahrt aufnahm, war es um Hamburgs erste Buchhandlung ihrer Art geschehen. Und das sagt mehr über St. Georg als über den Männerschwarm.

Noch 1973 war der Plan gescheitert, das Vorstadtghetto, benannt nach dem Patron der Leprakranken, für ein Luxuswohnprojekt zu schleifen. So überlebte ein verwahrlostes, aber schönes Altbauquartier, das zwischen Kleingewerbe und Drogenszene auch Refugium homosexueller Subkultur war. Doch je zügiger die Subkultur aus St. Pauli in Richtung Hauptbahnhof zog, desto mehr dunkle Bars wurden in St. Georg durch regenbogenbunte Clubs ersetzt und leisteten der Wertsteigerung der Immobilien im Viertel Vorschub. Eine Aufwärtsspirale. "Machen wir uns nix vor", sagt Köster, "Schwule sind oft einkommensstark und anspruchsvoll."

Wie Leichenfledderer sehen die letzten Kunden daher nicht aus. Eher wie kondolierende Andenkenkäufer. "Und wie geht’s für dich weiter?", fragt ein piekfeiner Pensionär beim Zahlen erotischer Bildbände leise, während ein Bärtiger in die "Schmuddelecke" abbiegt. "Erst mal feiern wir mit etwas Weinen und viel Sekt", sagt Köster. Und vor dem Danach hat er keine Angst. Seit der Laden für ihn und seinen Mitarbeiter zu wenig abwirft, hat er schon einen anderen Job. Bei der Verbraucherzentrale.