Vier Jahre lang hat der Ingenieur Johannes Sandbrink, früher Werksleiter bei Bayer, den Lehrer Ulrich Güth gecoacht, der das Gymnasium Lindlar im Bergischen Land leitet. Beide sind sehr erfahren: Sandbrink ist 69 Jahre alt, Güth 61.

DIE ZEIT: Schulleiter übernehmen mehr und mehr Verantwortung. Sie entscheiden über Budget, Personal und auch über die Vermarktung der Schule. Wie viel Manager steckt in Ihnen?

Ulrich Güth: Eine ganze Menge, würde ich sagen. Meine Schule, das Gymnasium Lindlar, ist ein mittelständischer Betrieb mit 66 Kollegen und 750 Schülern. Und ich bin der Leiter.

ZEIT: Viele Firmenchefs studieren jahrelang die Feinheiten der Organisationsplanung und der Mitarbeiterführung. Wo haben Sie das Managen gelernt?

Güth: Jedenfalls nicht im Studium. Als Schulleiter genießt man auch sonst keine besondere Ausbildung in Personalführung oder anderen Verwaltungsdisziplinen. Ich habe mir all das im Beruf selbst beigebracht.

ZEIT: Über das Projekt "Schulleitungscoaching durch SeniorExperten NRW" haben Sie in Johannes Sandbrink einen erfahrenen Manager als externen Berater gefunden. Wann hatten Sie das Gefühl, dass Ihr selbst erworbenes Managementwissen nicht mehr ausreicht?

Güth: Das wurde mir nach einer Meinungsumfrage an unserer Schule unter Lehrern, Schülern und Eltern bewusst. Da kamen einige Schwächen zur Sprache, die in meiner Person und meiner Art zu führen begründet lagen. Deshalb habe ich mich um ein Coaching bemüht. Ich wollte mich verbessern.

ZEIT: Herr Sandbrink, Sie waren lange Zeit Bereichsingenieur in einem Chemiewerk und beraten heute ehrenamtlich Schulleiter. Was war Ihre erste Tat in der Arbeit mit Herrn Güth?

Johannes Sandbrink: Ich habe ihn sehr gelobt dafür, dass er sich externe Hilfe geholt hat. Im Unternehmen ist es selbstverständlich, Berater zu engagieren, egal ob in technischen oder persönlichen Fragen. Unter Schulleitern betrachtet man das noch als Schwäche.

ZEIT: Wie sind Sie bei Ihrem Coaching vorgegangen?

Sandbrink: Ich wollte zunächst, dass Herr Güth weiß, wo er steht. Deshalb war eine meiner ersten Fragen: Wissen Sie eigentlich, was das Kollegium wirklich über Sie denkt? In der Industrie ist eine solche Vorgesetztenbeurteilung selbstverständlich. Ich habe Herrn Güth einen Fragebogen als Muster gegeben, mit dem ich früher selbst beurteilt wurde. Den hat er für sich angepasst und dem Kollegium gegeben.

Im Unternehmen ist es selbstverständlich, Berater zu engagieren. Unter Schulleitern betrachtet man das noch als Schwäche.
Johannes Sandbrink, Manager

ZEIT: Und wie haben Sie abgeschnitten, Herr Güth?

Güth: Das Ergebnis war okay, aber nicht gut. Mir wurden ein paar Stärken attestiert, aber auch ganz klare Schwächen.

Sandbrink: Es gab deutliche Botschaften aus dem Kollegium an den Schulleiter.

ZEIT: Was waren die Kritikpunkte?

Sandbrink: Fehlende Transparenz in den Entscheidungen, schwach ausgeprägte Delegation von Aufgaben, zu wenig Schwerpunktsetzung in der Förderung sozialer Kompetenz bei Schülern und vor allem eine zu große Distanz zu den Lehrerinnen und Lehrern im Kollegium.

Güth: Ich habe anfangs bewusst ein eher unpersönliches Verhältnis zum Kollegium gepflegt. Heute weiß ich: Ich war zu steif, zu starr, zu formal.

ZEIT: Die Urteile Ihrer Kollegen waren recht deutlich. Wie sind Sie damit umgegangen?

Güth: Das Ergebnis wurde erst einmal nicht dem Kollegium mitgeteilt. Ich habe kommuniziert, dass die Botschaften klar angekommen sind und dass ich daran arbeiten werde. Ich wollte zeigen, dass ich mich selbst infrage stelle, mich verbessern will und nicht nur von oben herab mosere.