Am Erscheinungstag von Michel Houellebecqs neuem Roman "Unterwerfung" begingen Islamisten das Attentat auf "Charlie Hebdo". Das Buch beschreibt ein islamisiertes Frankreich im Jahr 2022. Nach dem Anschlag sagte der Autor, dessen Freund Bernard Maris unter den Opfern war, zunächst alle weiteren Interviewtermine ab. Am 19. Januar kam er jedoch nach Deutschland, um sein Buch auf der LitCologne vorzustellen. Das Gespräch fand am nächsten Tag gegen Mittag in den Büroräumen seines deutschen Verlages in Köln statt.

DIE ZEIT: War es ein geheimnisvolles Zeichen, dass das Attentat auf Charlie Hebdo ausgerechnet am Erscheinungstag Ihres Romans passierte?

Michel Houellebecq: Ich glaube nicht, dass es ein Zeichen war. Es war seltsam. Ich erfuhr gegen Mittag, dass es bei Charlie Hebdo einige Tote gegeben hat. Aber ich dachte überhaupt nicht daran, dass mein Freund Bernard Maris tot sein könnte. Er hat eine Wirtschaftskolumne für die Zeitung geschrieben, in der nie vom Islam die Rede war. Ich habe ihn dann gleich angerufen, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist, ohne wirklich beunruhigt zu sein. Gegen vier Uhr habe ich erfahren, dass er tot war.

ZEIT: Sie sehen keinen Zusammenhang zwischen dem Attentat und Ihrem Roman?

Houellebecq: Nein. Was mich am meisten mitgenommen hat, ist der Tod von Bernard Maris.

ZEIT: Was haben Sie an dem Tag empfunden?

Houellebecq: Anfangs war ich ungeheuer wütend. Und traurig, sehr traurig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

ZEIT: Man könnte Sie für einen Hellseher halten. Auch in Ihrem Roman gibt es blutige Anschläge, einen grausamen Bürgerkrieg in Paris.

Houellebecq: Ja, es gibt im Roman einen kleinen Krieg. Er nimmt den Bürgerkrieg, der in Frankreich gerade beginnt, vorweg.

ZEIT: Mochten Sie die Zeitung Charlie Hebdo?

Houellebecq: Das ist eine lange Geschichte. Zuerst mochte ich sie. Aber sie hat verschiedene Phasen durchgemacht.

ZEIT: In Ihrem Roman Elementarteilchen schreiben Sie über Charlie Hebdo, die Zeitung sei, obgleich sie "im politischen Umfeld der Protestbewegung gegen den Kapitalismus angesiedelt war, mit der Unterhaltungsindustrie in den wesentlichen Punkten einig gewesen: Zerstörung der jüdisch-christlich geprägten moralischen Werte, Apologie der Jugend und der individuellen Freiheit".

Houellebecq: Ja, das stimmt, das war Charlie Hebdo, sehr 68er-mäßig.

ZEIT: Normalerweise verachten Sie die 68er-Kultur.

Houellebecq: Das stimmt auch.

ZEIT: Trotzdem haben Sie im französischen Fernsehen gesagt: Je suis Charlie.

Houellebecq: Wenn es drauf ankommt, bin ich immer noch für die Meinungsfreiheit. Auch wenn ich ihre Karikaturen gegen den Papst vollkommen bescheuert fand.

ZEIT: Die Mohammed-Karikaturen etwa nicht?

Houellebecq: Der Papst ist ein zu einfaches Ziel. In den letzten Jahren hatte Charlie Hebdo sich ziemlich auf den Islam kapriziert. Als sie merkten, dass ihnen das einen ungeheuren Ärger einbringt, haben sie noch einen draufgelegt. Nach dem Motto: Okay, wenn es verboten ist, machen wir es erst recht. Das war ihre Natur, sie mochten einfach keine Verbote.

ZEIT: Haben Sie mit den Parisern demonstriert?

Houellebecq: Nein, ich gehe auf die Beerdigung von Bernard Maris. Das ist mir wichtiger.

ZEIT: Glauben Sie nicht an die momentane Renaissance der republikanischen Tugenden?

Houellebecq: Doch, doch. Aber ich glaube, das geht tiefer. Montaigne war der Erste, der von den Religionen mit einer Freiheit gesprochen hat, die in Europa damals noch überall verboten war. Das spielt im französischen Gedächtnis eine große Rolle. Die Leute sind wirklich für die Meinungsfreiheit auf die Straße gegangen, nicht für die französische Republik.

"Im Islam gibt es den Schöpfer, und Schluss."

ZEIT: Sie sind ein Autor, der sich ungewöhnlich gut in seine Figuren einfühlen kann. Können Sie sich in die Brüder Kouachi hineinversetzen?

Houellebecq: Ja, ich könnte ein Buch über sie schreiben. Zumindest würde ich besser über sie schreiben als die Journalisten, die sie zu Dämonen erklären. Es sind keine Dämonen. Es sind Kämpfer, die ein sehr klares Ziel verfolgen. Ich glaube, es ist möglich, in einem Roman einen überzeugenden Dschihadisten zu beschreiben. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Identitären in Europa demnächst zu gewalttätigen Aktionen übergehen.

ZEIT: Sie rechnen mit einer weiteren Radikalisierung in Frankreich?

Houellebecq: Auf jeden Fall. Solche Leute wie Anders Breivik kann es auch in Frankreich geben. Aber für den Krieg braucht man immer zwei. Man braucht Leute wie Breivik oder paramilitärische Kräfte auf der einen Seite und Staaten, in denen es keine starke Rechte mehr gibt, auf der anderen. Jetzt hat das Attentat einen koscheren Supermarkt getroffen, aber morgen könnte es auch ein muslimisches Geschäft sein.

ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass es in Europa wieder bürgerkriegsähnliche Verhältnisse gibt?

Houellebecq: Zum einen gibt es den Palästina-Konflikt, das ist eine Art Abszess, der dauernden Hass schürt. Jedes Mal, wenn sich dieser Konflikt verschärft, spürt man das in Frankreich sofort. Außerdem fällt es den Muslimen sehr viel schwerer als den Katholiken, sich an eine laizistische Gesellschaft anzupassen. Für sie ist ein Atheist im Grunde eine Unmöglichkeit. Sie leben hier in einer Welt, deren Lebensstil sie abstoßend finden und die ihre Werte bedroht.

ZEIT: In Unterwerfung ist mehrmals davon die Rede, dass Europa selbst an seinem Untergang schuld sei.

Houellebecq: Wer sagt das? Ich erinnere mich nicht mehr.

ZEIT: Zum Beispiel Rediger, der zum Islam übergetretene Präsident der Sorbonne.

Houellebecq: Ach ja, ich glaube aber nicht, dass er recht hat. Es stimmt nicht, dass der Katholizismus keine Chance mehr hat. Frankreich geht auch nicht unter. Nicht einmal in meinem Roman geht es wirklich unter, es verwandelt sich ...

ZEIT: ... in einen islamischen Staat.

Houellebecq: Ja, aber die jüdischen und katholischen Schulen ziehen sich ganz gut aus der Affäre. Wenn der Palästina-Konflikt erst einmal gelöst ist, werden sich die drei großen Religionen arrangieren. Die Einzigen, die wirklich Probleme bekommen, sind die laizistischen Schulen der französischen Republik.

ZEIT: Sie prophezeien also nicht den baldigen Untergang des Abendlandes à la Oswald Spengler?

Houellebecq: Es gibt das Abendland ja nicht erst seit 1789. Es ist auch älter als das Zeitalter der Aufklärung. Wenn in meinem Roman Errungenschaften der Aufklärung wie die Emanzipation des Menschen oder die individuelle Freiheit rückgängig gemacht werden, ist das Abendland noch lange nicht verloren.

ZEIT: Es macht Ihnen sichtlich Vergnügen, mit der gesamten Moderne aufzuräumen.

Houellebecq: Es tut mir leid, wenn ich hier etwas pedantisch werde. Aber diese Idee hatte vor mir schon Auguste Comte. Er hat vorausgesagt, dass das Zeitalter der Revolution und der Aufklärung von einem neuen religiösen Zeitalter abgelöst werden wird. Diesem Gedanken habe ich schon immer zugestimmt. Eine Gesellschaft ohne Religion ist nicht überlebensfähig. Der Laizismus, der Rationalismus und die Aufklärung, deren Grundprinzip die Abkehr vom Glauben ist, haben keine Zukunft. Sie finden in vielen meiner Romane Entwürfe einer neuen Religion.

ZEIT: Gefällt Ihnen der Antimodernismus des Islams auch persönlich?

Houellebecq: Oui ... bof ... hmmm ... ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich stärker ist als der Antimodernismus des Katholizismus.

ZEIT: Und beide sagen Ihnen gleichermaßen zu?

Houellebecq: Der Sorbonne-Präsident Rediger im Roman interessiert mich. Er will zunächst zum Katholizismus konvertieren, bekennt sich aber schließlich zum Islam.

ZEIT: Wo ist das Problem mit dem Katholizismus?

Houellebecq: Gute Frage. Es ist vielleicht zu kompliziert mit dem Katholizismus, es gibt die Jungfrau Maria, Jesus Christus ...

ZEIT: ... einfach zu viel unübersichtliches Personal?

Houellebecq: So ungefähr. Im Islam gibt es den Schöpfer, und Schluss.

ZEIT: Und die Unterwerfung unter den Schöpfer ist das höchste Glück?

Houellebecq: Genau.

ZEIT: Sie warnen Ihre Leser keineswegs vor der Unterwerfung unter den Islam. Im Gegenteil.

Houellebecq: Was ich denke, ist ganz unwichtig.

"Manchen Frauen gefällt es, keine Freiheit und keine Sorgen mehr zu haben."

ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, in einem moderaten islamischen Staat zu leben?

Houellebecq: Ja, wenn man glaubt, ist das möglich.

ZEIT: Aber nicht für Frauen!

Houellebecq: Doch, wenn sie glauben, ist es auch für sie möglich.

ZEIT: Für Frauen gibt es eine kleine Zusatz-Bedingung im Islam: die Unterwerfung unter den Mann. Das könnte ein Problem sein.

Houellebecq: Ja, das könnte ein Problem sein. Das hängt von den Frauen ab. Manchen gefällt es, keine Freiheit und keine Sorgen mehr zu haben.

ZEIT: Die Freiheit ist so ziemlich das höchste Gut, das wir im Westen haben.

Houellebecq: Aber es gibt auch Bibelstellen, die die Freiheit infrage stellen. Und wenn wir die Freiheit verlieren, verlieren wir schließlich nicht alles. Wir verlieren die Kathedralen nicht, wir verlieren Bach nicht. Es gibt sehr vieles im Westen, das uns erhalten bleibt, wenn wir die Aufklärung hinter uns lassen.

ZEIT: Das empfehlen Sie uns aber: die Aufklärung hinter uns zu lassen?

Houellebecq: Ich weiß nicht, ich sehe so viele Menschen, denen sie nicht genügt, denen es schlecht geht. Jedes Mal, wenn ich auf eine Beerdigung gehe, spüre ich, dass der Atheismus unserer Gesellschaften unerträglich geworden ist.

ZEIT: Der Tod ist nicht auszuhalten ohne Glauben?

Houellebecq: Nein, er ist nicht auszuhalten.

ZEIT: Sie sagen das, weil Sie jetzt alt werden.

Houellebecq: Ja, natürlich. Manchmal sage ich mir, das Einzige, was mich lebendig hält, ist, auf Beerdigungen zu gehen.

ZEIT: Haben Sie schon einmal ein spirituelles Erlebnis gehabt? Eine tiefe religiöse Empfindung?

Houellebecq: Es gibt Leute, die an Gott glauben, weil sie die Kirchenmusik so schön finden. Der französische Autor Joris-Karl Huysmans war im 19. Jahrhundert so ein Fall. Ich bin das weniger. Mich überzeugt die Harmonie des Kosmos. Ich halte es mit Kant, den hat auch der gestirnte Himmel überzeugt. Das ist kein Argument, aber ein starker Eindruck.

ZEIT: Im Film Die Entführung des Michel Houellebecq von Guillaume Nidoux sagen Sie: "Ich habe den Geschmack am Leben verloren." Stimmt das?

Houellebecq: Was ich meinte, war: Wenn ich jetzt sterben würde, wäre das in Ordnung. Mein Leben ist nicht verpfuscht. So ähnlich wie die letzten Worte Kants: Es ist gut.

ZEIT: Auf den meisten Fotos sehen Sie aus wie ein lebender Toter. Man muss sich keine Sorgen um Sie machen?

Houellebecq: Nein, ich finde es zwar albern, wenn alte Leute ständig von ihrem wunderbaren Leben und ihren viertausend neuen Projekten schwärmen, aber ich bin wirklich zufrieden mit meinem Leben.

ZEIT: Ihre Helden sind aber immer unglücklich.

Houellebecq: Der neue Roman sollte eigentlich gut ausgehen. Der Held sollte zu seiner Freundin nach Israel reisen und glücklich werden. Leider hat mein Verleger in Israel keine Unterkunft für mich gefunden, um dort zu recherchieren. Also gab es kein Happy End.

ZEIT: Gibt es eigentlich ein Jahrhundert, in dem Sie lieber gelebt hätten als in unserem?

Houellebecq: Ja, in Frankreich unter Napoleon III. oder in der Dritten Republik, irgendwann zwischen 1850 und 1910.

ZEIT: Sie hätten es gerne modern, aber noch nicht zu modern?

Houellebecq: Damals hatte der Kommerz noch nicht alles im Würgegriff. Die Kultur war noch nicht vollständig kapitalisiert. Deswegen ist es eigentlich ärgerlich, dass Huysmans seine Epoche so niedermacht. Sie war viel freundlicher als unsere. Er wusste nicht, was noch kommen sollte.

"Frankreich ist ziemlich depressiv, hat aber eine gute Demografie."

ZEIT: Was wird aus Frankreich in zehn Jahren?

Houellebecq: Das ist noch nicht klar. Frankreich ist ein Spezialfall in Europa. Es ist ziemlich depressiv, hat aber eine gute Demografie. Das mag ein Widerspruch sein, zeugt aber von einem gewissen Überlebenswillen.

ZEIT: Ist Frankreich depressiver als andere Länder?

Houellebecq: Ja, vor allem verachtet es seine Politiker, wie das in keinem anderen europäischen Land der Fall ist. Und das ist berechtigt. Marine Le Pen profitiert davon. Davor kann man Angst haben.

ZEIT: Sind Sie wirklich gegen den Front National?

Houellebecq: Er ist mir ziemlich gleichgültig. Er kehrt alle Unzufriedenheiten zusammen, egal, welche. Jetzt kümmern sie sich plötzlich um die Bedrohung durch den Islamismus. Das ist völlig neu.

ZEIT: Woher kommt die Verachtung für die Politik in Frankreich?

Houellebecq: Die Franzosen nehmen die Politiker nicht ernst. Als Hitler an die Macht kam, sagten sie, ach, lasst ihn reden, der wird sich schnell beruhigen. Die Franzosen sind für einen Deutschen nicht leicht zu verstehen. Sie haben noch nie an Europa geglaubt. Es interessiert sie nicht einmal.

ZEIT: Aber sie interessieren sich für die Wiedergeburt des lateinischen Imperiums. In Ihrem Roman verfolgt der islamische Präsident Ben Abbes dieses geopolitische Projekt, indem er die arabischen Mittelmeerländer in die Europäische Union holt. Die Mittelmeer-Union, von der auch Sarkozy begeistert war, ist eine alte imperiale französische Idee.

Houellebecq: Sie gefällt den Franzosen wirklich, sie müssten nicht mehr Englisch sprechen, was sie verabscheuen.

ZEIT: Was spricht gegen die Brüsseler Europa-Idee?

Houellebecq: Sie hat kein klares Konzept. Das heißt, den Deutschen ist es vielleicht klar, aber den Franzosen nicht. Die wissen nicht einmal, welche Länder eigentlich dazugehören. Sie wissen nicht, was sie vom Euro haben.

ZEIT: Deutschland ist in Frankreich nicht gerade beliebt?

Houellebecq: Ich kann Sie beruhigen. Es gibt keine ausgeprägte antideutsche Stimmung in Frankreich, man kann in Frankreich noch Urlaub machen. Aber die Franzosen glauben, dass die Deutschen alles besser machen als sie selbst. Sie haben einen wunderbaren öffentlichen Dialog, sie haben keine Arbeitslosigkeit, sie bauen bessere Autos und spielen besser Fußball als wir.

ZEIT: Wie gefällt Ihnen Deutschland?

Houellebecq: Ich weiß nicht. Es gibt große Unterschiede: die Geburtenrate, das europäische Gefühl, das Fehlen eines Front National, Pegida scheint mir nichts dagegen. Das ist schon viel.

ZEIT: In Deutschland nennt man Sie inzwischen den neuen Sartre. Wie finden Sie das?

Houellebecq: Ich halte Sartre für keinen guten Schriftsteller.

ZEIT: Er war am Nerv der Zeit, der Autor seiner Epoche.

Houellebecq: Das Kompliment nehme ich an. Aber anders als Sartre sage ich niemandem, was er machen soll.