Der berühmte Schriftzug "Arbeit macht frei" über dem Eingang zum KZ Auschwitz. Vor 70 Jahren befreite die russische Armee hier zahlreiche Gefangene. © Christopher Furlong/Getty Images

"Von diesem Moment an war nichts mehr wie vorher", verkündet derzeit eine elegant gekleidete 80-jährige Dame auf Plakatwänden in Berlin. Im Hintergrund ist die historische Aufnahme eines brennenden Bauernhauses zu sehen: "Wir hatten kein Zuhause und keine Zukunft." Die Bildmontage zeigt Sinaida Petrowna Lewanez aus Weißrussland. Auch die Porträts fünf weiterer hochbetagter Frauen und Männer aus der Ukraine, aus Weißrussland und Russland hat die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) für ihre Plakatkampagne "Ich lebe noch!" vor eindrucksvolle Gewaltszenen aus dem Zweiten Weltkrieg montiert, um darauf aufmerksam zu machen, dass in Osteuropa noch viele NS-Opfer leben, meist unter schwierigsten Bedingungen.

In diesem Hilfsappell an die deutsche Zivilgesellschaft spiegelt sich die lange Geschichte der sogenannten Wiedergutmachungspolitik. Der Blick auf die NS-Verbrechen hat sich in ihrem Verlauf mehrfach gewandelt, und damit auch der Blick auf die Täter und Opfer. 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 ist es Zeit für eine Bilanz: Wie sind die Deutschen umgegangen mit den Opfern der von ihnen verübten Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Unmittelbar nach dem Kriegsende im Mai 1945 war dieser Begriff noch nicht gebräuchlich. Man unterschied im Westen Deutschlands zunächst zwischen "allgemeinen" Kriegsgräueln und spezifischen NS-Verbrechen. Damit war eine Trennlinie gezogen zwischen dem vermeintlichen "Normalkrieg", den die Wehrmacht geführt hatte, und den nationalsozialistischen Gewaltexzessen, die man der SS zurechnete und zu denen man in erster Linie die Vernichtung der Juden zählte. Auf der mentalen Karte, die so entstand, bildeten die Schrecken des Weltkriegs eine weit ausgedehnte schwarze Fläche, auf der die NS-Verbrechen nur kleine rote Flecken darstellten. Die Verantwortung für die nationalsozialistischen Gewalttaten konnte damit auf einen engen Personenkreis beschränkt werden. Zugleich betrachtete man viele Aspekte der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung als zwar hässliche, aber letztlich "normale" Begleiterscheinungen des Krieges. Erst im Verlauf der folgenden Jahrzehnte wurde die Gewaltlandschaft des Zweiten Weltkriegs allmählich umgefärbt: Mittlerweile erscheint sie in leuchtendem Rot.

Die Plakatkampagne der Stiftung EVZ steht am vorläufigen Ende dieser Entwicklung. Bei den Bildmotiven wird nicht mehr unterschieden zwischen Deportationen, zerstörten Dörfern, Zwangsarbeit und Todeslagern – alle osteuropäischen Kriegsopfer sind hier auch NS-Opfer. Gefordert wird zudem nicht länger deren materielle oder symbolische Entschädigung durch den Staat – vielmehr appelliert die Kampagne an die Zivilgesellschaft und wirbt Spendengelder für soziale und medizinische Hilfsprojekte ein. Damit hat auch die alte Debatte um die Wiedergutmachung ein neues und vermutlich letztes Stadium erreicht: Die materielle und symbolische Entschädigung von NS-Opfern wird von der karitativen Hilfe für die letzten Überlebenden abgelöst.

Als die alliierten Besatzungsmächte und westdeutsche Politiker in den später vierziger Jahren das Projekt der Wiedergutmachung starteten, ging es ihnen in erster Linie darum, deutsche Opfer der rassischen, politischen und religiösen Verfolgung nach 1933 zu entschädigen und zu rehabilitieren. Die Ansprüche ausländischer NS-Opfer galten als abgedeckt durch die Reparationen, die Deutschland an die jeweiligen Staaten zahlen musste. De facto aber blieb deren Entschädigung aus: Angesichts der unermesslichen Kriegszerstörungen wurde nirgendwo Geld an NS-Opfer ausgezahlt – zumal die Reparationsleistungen nicht eben hoch waren. Im Klima des aufziehenden Kalten Krieges waren die westlichen Alliierten an der baldigen ökonomischen Stabilisierung Westdeutschland interessiert. Die Bundesrepublik als neuer Bündnispartner kam daher bei den Reparationszahlungen glimpflich davon. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 schließlich wurde zusammen mit den Reparationen auch die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter, die insbesondere die Niederlande gefordert hatten, bis zum Abschluss eines Friedensvertrages auf Eis gelegt.

Einen Sonderfall bildete das Abkommen, das die Bundesrepublik 1952 mit Israel und der Jewish Claims Conference schloss: Es sah Leistungen in Höhe von 3,45 Milliarden D-Mark vor, zu zahlen über mehrere Jahre. Die Gelder dienten vor allem dem Aufbau des Staates Israel sowie der Hilfe für Not leidende jüdische Überlebende in aller Welt.

Gleichzeitig begann man in Deutschland, eine gesetzliche Regelung für individuelle Entschädigungen zu entwickeln. Das Bundesentschädigungsgesetz, das daraus 1956 hervorging, war allerdings grundsätzlich auf NS-Opfer beschränkt, die in einem Bezug zu Deutschland gestanden hatten. Ausnahmen erfolgten lediglich zugunsten einiger jüdischer Verfolgter aus Osteuropa, die innerhalb bestimmter Fristen in die Bundesrepublik gekommen waren. Die Jewish Claims Conference rannte jahrzehntelang vergeblich gegen diese Beschränkung an. Etwas mehr Erfolg hatten zwölf westliche Staaten, die Ende der fünfziger Jahre gemeinsam an die Bundesrepublik herantraten. Man einigte sich auf sogenannte Globalabkommen, um keine individuellen Ansprüche erfüllen zu müssen. Später ergänzte man dies durch einige als "indirekte Wiedergutmachung" deklarierte zinsgünstige Kredite an Polen und Jugoslawien. Insgesamt galt jedoch bis zum Ende des Kalten Krieges, dass NS-Opfer hinter dem Eisernen Vorhang von Entschädigungsleistungen ausgeschlossen blieben.