Durch das Museum fährt ein Gabelstapler. Er rattert. Er piept. Er stoppt. Paletten mit Grillkohle türmen sich vor ihm auf. Noch wird hier gearbeitet. "Mensch, Albert!", brüllt Peter Osse durch die Halle, "gehen die komplett raus?" Albert auf dem Gabelstapler schaut zu seinem Chef. "Nein", ruft er, "nur zwanzig Paletten von hinten." – "Ach, du Scheiße", sagt Peter Osse, "musst du alles noch sortieren." Albert lacht. Osse lacht. Albert rollt zu den Paletten. Osse schaut auf den Boden, dorthin, wo Albert eben noch stand, er zeigt darauf und ruft gegen den Lärm: "Oh Mann, was das hier wieder für Löcher im Boden sind!" Er bückt sich, ein kleiner Krater, der Stein bröckelt. "Wenn man nicht in modernen Hallen, sondern in einem Museum arbeitet, hat man mit solchen Sachen eben zu kämpfen", sagt er.

Peter Osse ist Geschäftsführer der Heinrich Osse Lagerhaus GmbH. Ein Familienunternehmen, vierte Generation. In ihren Hallen lagert die Firma Grillkohle, Trockenpflaumen, Maschinen, Pistazienkerne. In ihren Hallen lebt die Geschichte. Es sind die letzten Hamburger Kaischuppen aus der Kaiserzeit, gebaut zwischen 1908 und 1911. Jeweils 12.500 Quadratmeter Fläche, dreischiffig konstruiert, wie eine Kathedrale. Lange schon denkmalgeschützt.

Peter Osse arbeitet in einem Museum mitten im Industriegebiet, mitten im Hafen. An einem Ort, der vielleicht bald selbst museumsreif wird. Dank Olympia.

2024 oder 2028, das sind die Termine, zu denen Hamburg die Spiele ausrichten will. Der Bürgermeister will sie. Viele Bürger wollen sie; die jüngste Umfrage des NDR ergab, dass 62 Prozent der Hamburger dafür sind. Wenn Olympia kommt, bedeutete das für den Hamburger Hafen: Er müsste ein Stück zur Seite rücken. Er müsste weniger wummern und krachen und stinken. Er müsste Platz machen für die Menschen, zuerst für die Schwimmer, Sprinter und Springreiter, dann für die 6500 Bewohner eines neuen Stadtteils namens OlympicCity, der nach den Spielen hier entstehen soll. Der Hafen wäre für sie vor allem eines: Kulisse.

Auf dem Kleinen Grasbrook soll das Herzstück der Spiele entstehen, mit Olympiastadion, Olympiahalle, Olympiaschwimmhalle. Und vor allem das Olympische Dorf, das nach den Spielen erweitert werden soll. Zu einem neuen Viertel mitten im Hafen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das kann schön werden für die Stadt.

Das kann ein echtes Problem werden für die Unternehmen. Für Unternehmer wie Peter Osse.

Wenn Osse aus seiner Halle tritt, steht er direkt vor dem Kleinen Grasbrook. Seine Firma liegt gegenüber, von diesem nur von einem kleinen Kanal getrennt. Auch dort drüben fahren die Gabelstapler. Auch dort piept es. Wummert es. Scheppert es. Der Kleine Grasbrook ist ein Industriegebiet. Bislang.

Peter Osse ist kein ängstlicher Mann. Wenn er lacht, dröhnt der Raum. Nur wenn er von Olympia redet, wird er leiser. Eigentlich, sagt er, sei das ja gar keine schlechte Sache. Er habe sich das mal in München angesehen, 1972, da sei vor den Spielen überall noch grüne Wiese gewesen. Für die Stadt sei das super, aber für ihn, den Unternehmer, sei alles, was mit den Spielen zu tun habe, eine Gefahr.

Seine historischen Hallen sind schon verplant. Das TV-Zentrum für die Spiele soll hier entstehen, Fernsehanstalten aus allen Ländern sollen einziehen und unter den riesigen alten Wanduhren schöne Bilder in die Welt senden. Osse müsste weichen. Wie er dafür entschädigt würde, ob überhaupt, weiß er nicht. Er ist Mieter bei der gemeinnützigen Stiftung Hamburg-Maritim. Bis zum Jahr 2022 kann er seinen Mietvertrag einseitig verlängern. Danach nur noch, falls der Verpächter zustimmt. "Wenn es schlecht läuft, kriege ich die ersten zwei Jahre der Vorbereitung mit allen Baustellen und Straßenengpässen mit", sagt er, "und muss dann raus."