Wer einmal darauf achtet, wo es im Nahverkehr Fahrstühle und Rampen gibt, merkt schnell: Barrierefrei sind die meisten Stationen nicht. Die U-Bahn-Karten vieler Großstädte schrumpfen arg, wenn man nur die barrierefreien Haltestellen einzeichnet. Für Rollstuhlfahrer ist das eine erhebliche Einschränkung. Im vergangenen Jahr ging eine Karte online ("Disabled Railway"), die ihnen die wichtigste Frage beantwortet: Komme ich an meiner Zielhaltestelle auch vom Bahnsteig runter, oder muss ich woanders aussteigen? Der Programmierer dieses digitalen Helfers konnte sich aber nur auf die Daten von Freiwilligen stützen. Und die sind unvollständig. Dabei existieren Angaben zu allen Stationen bei Stadtverwaltungen und Verkehrsbetrieben. Doch die wollten sie nicht herausrücken.

Und das ist nicht nur bei barrierefreien Bahnsteigen so. Sondern auch bei der Auslastung von Straßen und Wegen, der geografischen Verteilung beliebter Kindernamen oder der Zahl öffentlicher Aufträge für einzelne Bauunternehmer. Überall werden Daten von Behörden oder staatlich geförderten Forschern zusammengetragen, im Auftrag der Bürger also. Aber dann liegen sie auf Verwaltungsservern, meist unzugänglich für die Öffentlichkeit.

Die Open-Data-Bewegung will das ändern. Sie fordert, dass staatliche Daten zugänglich gemacht und zur Weiterverwendung freigegeben werden – solange es sich nicht um persönliche oder sicherheitsrelevante Angaben handelt. Warum? Aus Prinzip, weil die Öffentlichkeit diese Daten bezahlt hat. Und aus Neugier, was Freiwillige daraus Nützliches basteln könnten – etwa eine vollständigere Version von "Disabled Railway".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

In dem kleinen Ladenlokal "cowoco" im Süden Kölns ist eine Ecke mit Kunstrasen und Liegestühlen bestückt, durch die Fenster kann man Leute an MacBooks sehen. "Cowoco" steht für Coworking Cologne, hier können sich Interessierte tageweise einen Arbeitsplatz mieten – selbstverständlich mit Internetanschluss. Seit drei Jahren schon treffen sich hier Open-Data-Enthusiasten und Vertreter der Stadtverwaltung, um beim Bier zu diskutieren: Wie kann man die Daten der Stadt Köln "befreien"? Für die Open-Data-Bewegung sitzen Leute wie der Programmierer Marian Steinbach und der ehemalige Filmemacher Marcus Belledin, der jetzt lieber mit Daten Geschichten erzählt, am Tisch. Die beiden sind von KölnAPI. Mit API (für application programming interface) bezeichnen Informatiker Programmierschnittstellen, die den Zugriff auf Datensätze ermöglichen, auch von außen.

Für den Austausch mit der Stadt Köln ist Steinbach zuständig. Der 37-Jährige, gebügeltes Hemd, kurze, leicht gelockte Haare, macht hauptberuflich Computerprogramme benutzerfreundlicher. Rund die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt er mittlerweile unbezahlt mit Open-Data-Projekten. Angefangen hat das 2011 nach dem Erdbeben in Japan. Da hat Steinbach vom Rhein aus mitgeholfen, Strahlungsmesswerte aus der Präfektur Fukushima zugänglich zu machen. Diese Daten haben andere Freiwillige dann auf farbigen Karten allgemeinverständlich dargestellt – auch eine Art von Befreiung.

Auf der Seite der Behörden kümmert sich Sabine Möwes um den Kontakt mit den Open-Data-Engagierten. Die Endvierzigerin arbeitet seit 28 Jahren in der Kölner Stadtverwaltung und leitet dort die Abteilung für "E-Government und Onlinedienste". Während des Treffens im "cowoco" geht sie freundlich auf Vorschläge oder Kritik ein und spricht souverän über Details wie die Vorteile bestimmter Dateiformate – Möwes ist auch Frau vom Fach, nicht bloß Frau vom Amt.

Obwohl Köln deutschlandweit mit der Offenlegung seiner Daten ganz vorne dabei ist, gibt es noch reichlich Kritik von den Aktivisten – manche Daten werden gar nicht, verspätet oder in unbrauchbaren Formaten herausgegeben. Und noch steht das Urheberrecht der Nutzung vieler Daten im Wege. Viele dieser Probleme müssen auf Landes- oder Bundesebene gelöst werden. Manche aber auch von den Kommunen. Freundlich und ruhig, aber auch sehr hartnäckig erklärt Steinbach seine Vorstellung davon, wie Open Data das Verhältnis von Bürgern und Staat verändern könne: mehr Transparenz, mehr Einbeziehung, schon heute könnte es losgehen.

Ziel ist eine bundesweite gesetzliche Pflicht zur Datenfreigabe

Freie Inhalte - Kurz erklärt: Was bedeutet Open Content?

Mit einem großen "Ja, aber ..." antwortet die Stadt Köln auf diese Vision. Das "Ja" steht in einem Beschluss des Stadtrates von 2012, der festhält, dass alle Daten der Stadt prinzipiell offen sein sollen. Und deswegen nimmt sich Sabine Möwes oder ein Mitarbeiter ihrer Abteilung einmal im Monat Zeit für KölnAPI.

Das "Aber" wird greifbar, wenn Möwes geduldig beschreibt, wie schwerfällig eine Stadtverwaltung sein kann: Es müssten ja nicht nur neue Datensätze freigegeben werden, sondern auch die bereits vorhandenen. Und das dauere. Bei jedem Dokument müsse einzeln überprüft werden, ob es veröffentlicht und weiterverwendet werden dürfe. Außerdem ist da das Misstrauen in Abteilungen und Ämtern: Warum wollen die unsere Daten? Suchen die nach Fehlern in unserer Arbeit? Wenn jeder unsere Daten nutzen kann – woher wissen wir, dass die verstehen, was sie tun? Der Beschluss von 2012 ist auch Anfang 2015 noch lange nicht umgesetzt. Möwes kann nicht einmal abschätzen, wie viel Arbeit noch vor ihr liegt: Eine zentrale Übersicht aller elektronischen Dokumente der Stadtverwaltung gibt es nicht.

Steinbach und Möwes debattieren engagiert und konstruktiv. Zwei, die sich verstehen. Aber auch zwei aus verschiedenen Welten. Ginge es nach dem Open-Data-Aktivisten, müssten nicht nur die Kommunalverwaltungen offener werden: Sein Ziel ist eine bundesweite gesetzliche Pflicht zur Datenfreigabe. Steinbach erzählt sichtlich frustriert, wie er seit weit mehr als einem Jahr bei den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) auf Granit beißt. Die Kölner Freiwilligen würden gerne eine App bauen, die in Echtzeit Verspätungen im Nahverkehr anzeigt. Das ginge nur mit direktem Zugriff auf die Daten der KVB – doch die Verkehrsbetriebe mauern. Zwar ermöglicht in Deutschland das Informationsfreiheitsgesetz, bestimmte Datensätze zu erfragen, aber dabei bleibt der Bürger Bittsteller. Herrschte das Prinzip offener Daten, müssten Behörden begründen, warum sie bestimmte Daten nicht freigeben.

Köln zeigt, dass ein Gesetz nicht die ganze Lösung ist. Sabine Möwes sieht die öffentlichen Verwaltungen vor einem gewaltigen Kulturwandel. Nicht zuletzt müssten die Beamten begreifen, dass die selbst ernannten Datenbefreier nicht ihre Gegner, sondern Verbündete seien. Dass die Umsetzung von Open Data in Köln letztendlich funktionieren wird, hält sie aber für selbstverständlich: "Es ist wie bei dem Aufbau unserer Website 1999. Da war es für viele komisch, unsere Arbeit überhaupt online zu veröffentlichen – heute wirkt das absurd. Wir müssen lernen, dass alles, was wir machen, prinzipiell öffentlich ist."

Neben diesem Kulturwandel sieht Möwes aber noch eine andere Herausforderung für Open Data: die starke Abhängigkeit von Ehrenamtlichen. So zieht sich auch Marian Steinbach nun weitestgehend aus KölnAPI zurück, das jetzt von Marcus Belledin organisiert wird. Der Grund? "Zu wenig bezahlte Arbeit, zu viel unbezahlte."