Die Mitarbeiter der Semperoper verspüren seit Wochen ein Unbehagen, montags zur Arbeit zu gehen. Sorge, dass womöglich Steine oder Flaschen fliegen könnten, dass die Situation auf dem Theaterplatz eskaliert. Sich den Weg durch eine aufgebrachte Menge bahnen zu müssen, durch Lärm und Gebrüll, um wenig später in der Fledermaus oder in Debussys Pelléas et Mélisande auf der Bühne zu stehen, das macht aus dem Theater einen Elfenbeinturm, der es nicht ist und nicht sein darf – nicht einmal in einer Stadt wie Dresden, der gerne Kulinarik nachgesagt wird. Wir hier drinnen, ihr da draußen: So funktioniert Kunst nicht, so funktioniert Öffentlichkeit nicht. Insofern müsste ich es eigentlich begrüßen, dass die Pegida-Demonstration am vergangenen Montag verboten wurde. Schade, dass wir an diesem Tag keine Vorstellung hatten.

Unsere Versammlungs- und Meinungsfreiheit aber ist ein hohes Gut. Ein Gut, das wir uns durch keinen Terror der Welt nehmen lassen dürfen. Insofern war ich gegen das besagte Verbot und kann nur hoffen, dass Sicherheitsbehörden und Politik stichhaltige Gründe dafür hatten. Wenn ich allerdings sehe, mit welchen Reflexen "die Medien" auf die Pegida-Vertreterin Kathrin Oertel reagieren, die sich Sonntagabend in die ARD wagte, dann frage ich mich, wie wir selber mit unseren Gütern und Werten umgehen: Eine schwarz gekleidete, blonde Frau, die sich bei Günther Jauch nicht provozieren lässt, gilt als "eiskalt" und "emotionslos". Weil sie sich zur Sprecherin der Unzufriedenen in diesem Land macht und Meinungen vertritt, die offenbar niemand hören will. Weil sie nicht mitspielt und sich jeder Skandalisierung entzieht. In den Genuss unserer Meinungsfreiheit kommt sie auf diese Weise nicht.

Es wird viel geredet in Deutschland, aber es wird nicht offen geredet

Frau Oertel hätte klarer sagen können und müssen, wogegen Pegida sich richtet. Dass sie es nicht konkret oder konkret genug getan hat, begreift ein Theatermensch wie ich sofort als Inszenierung, als Strategie. Und vielleicht ist es nicht einmal die dümmste. Die Zehntausende, die Pegida Woche für Woche folgen, sind mit vielem unzufrieden, das scheint von der GEZ-Gebühr bis zur Asylantenquote zu reichen. Dies einzeln aufzulisten führt momentan zu nichts. Vielmehr geht es darum, der Unzufriedenheit als solcher Ausdruck zu verleihen, jenem Gefühl der Ohnmacht, das so viele bedrückt und mit dem, wenn es weiter um sich greift, kein Staat mehr zu machen sein wird. Und kein Volk und keine Kunst.

"Augen auf", "Herzen auf", "Türen auf" hat die Semperoper auf ihre Fahnen geschrieben. Ich würde dem gerne ein "Ohren auf" hinzufügen. Die Menschen trauen sich nicht, zu sagen, was sie denken, weil sie nirgends auf offene Ohren stoßen und weil das, was sie denken, so weit weg ist vom Konsens, dass die diplomatischen Gepflogenheiten unserer Verständigung dafür nicht ausreichen. Es wird viel geredet in Deutschland, aber es wird nicht offen geredet, sodass wir für bestimmte Dinge nur die Wahl zwischen Parolen und politischer Korrektheit haben und keine differenzierte Sprache mehr. Sprechendürfen und Zuhörenkönnen aber gehören zusammen. Es wird nicht mehr zugehört. Das besorgt mich. Pegida sei nicht die Krankheit, sondern das Symptom, hat die Schriftstellerin Monika Maron gesagt. Unsere Politiker doktern nahezu ausschließlich an den Symptomen herum. Als würden sie den Werten, auf denen unsere Gemeinschaft ruht, insgeheim nicht mehr trauen.

Die schrecklichen Ereignisse von Paris schreien nach einer offensiven Definition dieser Werte, ich nenne sie einmal: bürgerliche Werte. Wir haben etwas zu verteidigen, und vielleicht wird uns das durch solche Katastrophen wieder bewusst. Neben der Pressefreiheit wäre Bildung für mich ein erster bürgerlicher Wert, der Umgang mit Kunst und Kultur, der uns lehrt, die Meinung des anderen zu respektieren und Konflikte friedlich auszutragen. Die Familie, das Geborgensein in Liebe und Vertrauen, ganz gleich, in welcher Personen- oder Geschlechterkonstellation sich Familie zuträgt. Stichworte wie Verlässlichkeit, Anstand, Ehrlichkeit, Rücksicht, Respekt kommen mir in den Sinn, kurz: alles, was zu einer menschlichen Erziehung gehört.