Ich würde mir wünschen, dass am Berliner Humboldt-Forum (oder an der Dresdner Frauenkirche) 99 Thesen zu unseren bürgerlichen Werten prangen. Für alle zugänglich, jederzeit nachzulesen. Der Bundespräsident könnte sich hier profilieren, aber es würde mich auch interessieren, was Angela Merkel dazu beizutragen hätte. Der Islam gehört zu Deutschland? Warum nicht. Vielleicht gehört das Christentum ja irgendwann zur Türkei und das Judentum zur arabischen Welt. Solange dies nicht der Fall ist, müssten wir allerdings sagen dürfen, dass es nicht der Fall ist, ohne als faschistoid, rechtspopulistisch oder intolerant zu gelten.

Die 68er haben von ihrer Vätergeneration Bekenntnisse verlangt, Offenbarungen, Schuldeingeständnisse. Es ist an der Zeit, von ihnen das Nämliche zu fordern. Die Fragen, mit denen das Phänomen Pegida uns konfrontiert – insofern könnte darin bei allem Bauchgrimmen und mit einiger Abstraktion auch eine Chance liegen –, wären: Was bedeutet Freiheit in einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft, was Toleranz? Wie weit können wir die Grenzen stecken, wie eng sollten wir sie stecken? Müssen wir uns von gewissen Freizügigkeiten vielleicht verabschieden, weil wir ihrer nicht mehr Herr werden?

Ich finde es nicht hinnehmbar, dass ein arabischstämmiger Jugendlicher seiner Lehrerin ins Gesicht schreit, von Frauen lasse er sich nichts sagen. Ebenso wenig hinnehmbar ist, dass Menschen wegen ihres nicht deutschen Namens, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion keine Wohnung finden. Beide Fälle zeigen, in welchem Zustand der Verunsicherung und Verrohung sich unsere Gesellschaft befindet.

Die Politik hat sich nicht genug bemüht, die Einwanderer zu integrieren. Wir haben nicht verstanden, wie wichtig es für sie ist, die Sprache unseres Landes zu beherrschen. Wir haben nicht sehen wollen, dass Kultur und Religion in der Fremde immer an Bedeutung gewinnen, nie an Bedeutung verlieren – und was das für den Integrationsprozess und sein Konfliktpotenzial heißt. Wir haben den Dialog nicht geführt, der zu führen gewesen wäre, von Anfang an nicht. Wir haben in den siebziger und achtziger Jahren nicht für eine Durchmischung der Gesellschaft gesorgt – und plötzlich gab es Ballungen in den Städten, Brennpunkte, die für keine Seite gut waren. Wer auf der Kultur beharrte, die er von zu Hause und in seinem Herzen mitgebracht hatte, weil er mit der anderen, neuen gar nicht in Berührung kam oder kommen konnte, galt als integrationsunwillig. Und wer als Deutscher von Bedrohung sprach, war Ausländerfeind.

Den Unzufriedenen zuzuhören scheint das Gebot der Stunde zu sein

Die globalen Probleme drohen uns über den Kopf zu wachsen: der Ukrainekonflikt, der Nahe Osten, die radikalen Islamisten von Syrien bis Paris – das mag in der Summe diffus sein und diffuse Ängste schüren, aber vielleicht hat es trotzdem seine Berechtigung. Gerade wenn es sich an den Zuständen vor der eigenen Haustür festmachen lässt. Einer, der das lange vor Pegida gesehen hat, ist Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln. Er trifft in seinen Formulierungen genau die Balance zwischen Wohlwollen und Kritik (im Gegensatz zu Thilo Sarrazin), an der wir uns viel früher ein Beispiel hätten nehmen müssen. Buschkowsky ist dafür heftig gescholten worden. Auch das hat den Menschen nicht gerade Mut gemacht.

Ich habe sehr nette Briefe bekommen, in denen ich gebeten wurde, nach einer von mir dirigierten Vorstellung auf den Balkon der Semperoper zu treten und montags "zum Volk" auf dem Theaterplatz zu sprechen. Ich bezweifle jedoch, dass das meine Aufgabe wäre. Wir Künstler sollten uns mehr einmischen in die Debatten, aber wir können die Politik nicht ersetzen. Wir können uns nur auf unsere Weise Gehör verschaffen. Die Musik bietet da das perfekte gesellschaftliche Gleichnis. Denn nicht der Dirigent zeigt den Musikern, wo es langgeht, sondern Bach, Beethoven und Wagner zeigen es uns. Darauf hat sich das Orchester nun einmal geeinigt. Das heißt, jeder Einzelne muss sein Handwerk, sein Instrument, seine Stimme so beherrschen, dass er oder sie der jeweiligen Partitur gerecht wird. Akzentfrei, in der richtigen Sprache, mit Sensibilität und wachen, offenen Ohren. Nur so funktioniert das Zusammenspiel.

Pegida hat sich für ihre Aktivitäten Dresden ausgesucht, die Stadt, die am 13. Februar 2015 des 70. Jahrestages ihrer Zerstörung durch alliierte Bomber gedenkt. Die Stadt, die zu spüren bekommen hat, dass Unrecht niemals mit Unrecht zu vergelten sein darf. Dieses Trauma und diese Erkenntnis haben sich tief in die Seele der Stadt und ihrer Menschen eingegraben. In der Semperoper werden wir an diesem Tag Rossinis Stabat mater spielen, und wenn um Viertel vor zehn Uhr die Glocken läuten, mag jeder an vieles denken, nicht nur an das brennende Dresden: an Auschwitz oder an Hiroshima, an den 11. September und an Charlie Hebdo. Den Mutlosen auf diese Weise wieder Mut machen und den Unzufriedenen zuhören, das scheint mir das Gebot der Stunde zu sein. Und ihnen jene Toleranz entgegenbringen, derer wir uns rühmen.