Es gibt mindestens zwei Gesichter von Pegida. Und nur eines davon kennt jetzt ganz Deutschland, seit vergangenem Sonntag, seit der Talkshow von Günther Jauch. Erstmals tritt da eine Vertreterin der Pegida-Bewegung, der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", live im Fernsehen auf. Kathrin Oertel, die Sprecherin. Man kann überrascht sein über die Oertel, die man da sieht. Arglos gibt sie sich; fast krampfhaft versucht sie, moderat zu klingen. "Ich bin eine ganz normale Frau aus dem Volk", sagt sie. Pegida sei "keine ausländerfeindliche Organisation". Selbst kriminelle Asylbewerber hätten natürlich eine zweite Chance verdient. Wer das hörte, konnte meinen: Na, etwas komisch ist es schon, wie sie immer vom "Volk" und "den Ausländern" redet, aber: So ein bisschen Oertel halten wir schon aus, oder?

Günther Jauch hätte mal eine der Reden einspielen sollen, die Oertel bei Pegida gehalten hat. Denn in diesen Reden ist die 36-Jährige nicht TV-moderat, sondern ziemlich wütend. Da ist selten Wärme in ihrer Stimme. "Habt ihr das Gefühl, dass es eine Meinungsfreiheit gibt?", ruft sie. Und tausend Kehlen brüllen zurück: "Nein!" Sie sagt: "Die Journalisten sowie unsere Politikerkaste stellen sich gegen einen nicht unerheblichen Teil ihres Volkes!" Oertel macht in manchen Reden lange Pausen, damit das Volk "Lügenpresse!" skandieren kann. Und sie überlässt, als Ansagerin der Kundgebungen, auch Rednern die Bühne, von denen man sich als Zuhörer nicht sicher ist, ob sie sich noch im Verfassungsrahmen befinden. Wie passt das zu dem, was man bei Jauch gesehen hat? Wie passen auch die Äußerungen, die Lutz Bachmann vor Monaten auf Facebook getätigt haben soll und die dieser Tage so breit zitiert werden – in denen er Ausländer angeblich "Gelumpe", "Dreckspack", "Viehzeug" nennt –, zur eher jovialen Art, in der Bachmann derzeit öffentlich agiert?

Ganz einfach: Bachmann, Oertel und Co. beherrschen die Kunst der Dialektik, alle Sorten der Camouflage, und sie beherrschen inzwischen das Spiel mit Medien und Politik. Sie beherrschen all das besser, als sie zuzugeben bereit sind. Sie wissen genau, was sie tun; und trotzdem sagen sie immerzu: Wir sind keine Profis. Sie spielen die Unprofessionellen mit aller Professionalität. Mit immer neuen Marketing-Tricks schlagen die Pegida-Macher den Kampagnen ihrer Gegner ein Schnippchen. Woche für Woche, auf den Demos, glaubt man als Beobachter: Jetzt müsste Pegidas Höhepunkt doch erreicht sein! 10.000, 15.000, 25.000 Menschen: Läuft sich so ein "Abendspaziergang" nicht von selbst kaputt? Wie lange kann man durch Dresden ziehen, ohne innerlich zu erschlaffen? So viel Wut macht doch müde!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe aktuellen ZEIT. Sie finden diese Artikel jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Aber die Macher von Pegida in Dresden wissen, wie man Glut zu Feuer entfacht. Sie betreiben, auf ihre Art, das perfekte Protest-Start-up.

Ihre Raffinesse wird an so vielem sichtbar, und das hat ihren Aufstieg von Anfang an beflügelt. Im Dezember 2014 etwa hat die Pegida gerade erstmals bundesweit breite Aufmerksamkeit erregt. Doch ist Weihnachtszeit, viele Menschen wollen Frieden. Die Demos spalten die Stadt; Teilnehmer drohen fernzubleiben. Pegida muss reagieren. Kurzerhand widmet man die Veranstaltung zum "Weihnachtsliedersingen" um. Und vor der Semperoper machen Tausende Pegidisten die "Stille Nacht" zur lauten. Dass auf den Hetzreden auf der Bühne eine Landtagsabgeordnete als "stalinistische Fotze" bezeichnet wird, die Antifa als "rot lackierte SA", das geht in der Weihnachtsmärchenstimmung unter. Alle reden nur vom Singen.

Ein anderes Beispiel, noch einige Wochen vorher: Vor dem Nikolaustag beschweren sich in Dresden die Einzelhändler über Pegida. Immer, wenn die Bewegung marschiere, verderbe das das Geschäft! Die Stadt sei verstopft, niemand komme zum Shoppen. Die Pegida-Anführer machen sich Sorgen, ihre Reaktion ist wieder ziemlich einfallsreich: Am folgenden Montag verteilt Pegida unter den Protestierenden kleine Kärtchen. Auf denen steht geschrieben: "Ich wurde Ihnen als Kunde geschickt von Pegida". Die Pegidisten sollten, bitte, nach der Kundgebung zum Shoppen in die City eilen. Und die Zettelchen an der Kasse abgeben. Damit der Händler wisse: Pegida beschert uns Umsatz.

Nicht weniger gewieft die Idee, auf den Spaziergängen zu schweigen, nach dem Motto: Wenn ihr uns nicht anhört, sagen wir auch nichts. Und unbedingt zu dieser Reihe gehört auch ein eher perfider Fall: wie Pegida seinen Montagsmarsch nach den Anschlägen von Paris spontan zur Gedenkprozession umdeklariert. Die Organisatoren rufen dafür zum Tragen eines Trauerflors auf. Das Skandieren von "Lügenpresse!" verbieten sie für den Tag, als einmalige Geste. Plötzlich verteidigt Pegida also nun die abendländische Pressefreiheit. Habe man nicht schon immer gewarnt vor den Gefahren der Islamisierung? (Als sei dies dasselbe wie Islamismus.) All das kann man denkbar absurd finden, aber die Pegida-Anhänger glauben es gerne. Der Marsch nach dem Attentat bei Charlie Hebdo ist der größte, den Pegida bislang hatte.