Ein Fötus im Mutterleib in der elften Woche (Illustration) © Your Photo Today

Es wird Streit geben. Denn es müssen heikle Fragen beantwortet werden. Wir sind im Begriff, uns zu einer anderen Gesellschaft zu wandeln; zu einem Gemeinwesen, in dem es Kinder mit angeborenen Behinderungen nicht mehr geben wird. Oder nur noch selten – wenn sich die Eltern bewusst dafür entscheiden. Wäre das ein Gewinn, gar ein Segen? Oder ein Schrecken?

Es sind junge Menschen, die Antworten auf diese große Frage geben werden; es sind die künftigen Eltern, denen der medizinische Fortschritt nun diese Verantwortung auferlegt. Sie allein müssen, wenn ihr Kind nicht gesund ist, sich zur Fortsetzung der Schwangerschaft entschließen – oder zu deren Abbruch. Über die körperliche und geistige Gesundheit ihrer gerade pflaumengroßen Kinder werden sie zudem viel detaillierter Bescheid wissen, als je für eine Elterngeneration vorstellbar war.

Als Wissenschaftler 1997 erstmals die Erbmoleküle des werdenden Lebens im Blut von Schwangeren aufspürten – in Bruchstücken zwar, aber gut lesbar –, begann eine neue Ära in der Diagnostik Ungeborener. Inzwischen können diese DNA-Stränge Ärzten bereits vor der zehnten Schwangerschaftswoche praktisch jede genetische Abweichung des Fötus verraten, und das ohne Eingriff in den Mutterleib. "Nicht invasive Pränataldiagnostik" (NIPD) heißt die Technik daher. Sie wurde als Erstes zur frühen Erkennung eines überzähligen Chromosoms 21 (Trisomie 21) eingesetzt, die zum Down-Syndrom führt (ZEIT Nr. 34/11). Die ersten kommerziellen Tests für die Chromosomenstörung kamen 2011 in den USA auf den Markt. Seit 2012 werden sie in Deutschland eingesetzt.

Wer darf leben? Lesen Sie hier das Multimedia-Dossier zum Down-Syndrom. © Sebastian Kahnert/dpa

Inzwischen vertreiben US-Hersteller ebenso wie das deutsche Unternehmen LifeCodexx aus Konstanz erweiterte Mutterblut-Tests: Diese zeigen auch Trisomie 13 (Pätau-Syndrom) oder 18 (Edwards-Syndrom) an sowie Abweichungen bei der Zahl der Geschlechtschromosomen. Hunderttausende Schwangere auf der ganzen Welt haben bereits ihr Blut auf diese Weise untersuchen lassen. Damit ist klar, dass die herkömmlichen Fruchtwasseruntersuchungen als Standardtechnik für die Suche nach Gendefekten ausgedient haben. Auch bei uns.

Im deutschen Gesundheitssystem steht der Sprung in die Massenanwendung wohl unmittelbar bevor. Denn es ist absehbar, dass die erste Generation von LifeCodexx-Bluttests ("Praenatest") dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen hinzugefügt wird. Er würde dann für alle Schwangeren bezahlt werden, bei denen ein erhöhtes Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom besteht. Etwa weil sie älter als 35 Jahre sind, wegen eines auffälligen Ultraschallbefunds oder verdächtiger Laborwerte. Ebenso, wenn sie bereits Fehlgeburten erlitten oder eine Schwangerschaft mit Down-Syndrom hatten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 4 vom 22.1.2015.

Die Entwicklung dieser Tests – vor allem, weil sie künftig noch weit mehr angeborene Behinderungen erfassen werden – ist mehr als ein Detail des medizinisch-technischen Fortschritts. Sie werden dafür sorgen, dass unzählige Elternpaare durch ihre private Einzelentscheidung eine gesellschaftliche Frage beantworten: Wollen wir nur noch gesunde Kinder? Wer soll leben?

Doch weder Parlamente noch Bioethiker oder Demonstranten können auf die Kasseneinführung des Tests Einfluss nehmen. Es handelt sich um einen profanen Verwaltungsakt, der sich nach Recht und Gesetz vollzieht. Er spielt sich fernab der Öffentlichkeit ab und tritt in diesem Jahr in seine finale Phase. Die Entscheidung trifft ein eher verschwiegenes Gremium in der Berliner Wegelystraße, das kaum ein Krankenversicherter kennt. Der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) bestimmt darüber, welche medizinischen Leistungen eine gesetzliche Kasse bezahlen muss. Gerade werden in der Berliner Expertenrunde die Eckpunkte für eine Studie (im Bürokratendeutsch: Erprobungsrichtlinie) festgezurrt, deren erfolgreiches Ende – und nichts anderes erwarten Fachleute – die Kasseneinführung des Praenatests zur Folge hätte. Bis Ende 2014 haben nach Angaben des Herstellers allerdings bereits 20 Krankenkassen in Einzelfällen die Kosten von mindestens 600 Euro für den Test übernommen. Nun dürfte er zur Regelleistung werden.