Die Erwartungen sind groß, als der russische Landwirtschaftsminister Nikolai Fjodorow am Freitag vergangener Woche die 17 Stufen zu einem Separee in Halle 23a der Grünen Woche in Berlin emporsteigt. "Es sieht gut aus, dass heute tatsächlich etwas in Bewegung gerät", raunt ein Mitarbeiter des deutschen Landwirtschaftsministers Christian Schmidt.

Seit August gilt in Russland ein Importverbot für Lebensmittel aus Ländern, die im Zuge der Ukraine-Krise Wirtschaftssanktionen gegen das Land verhängt haben. Minister Schmidt will das Verbot gerne aufweichen. Er hat zuvor Signale aus Russland bekommen, dass ein solcher Versuch erfolgreich sein könnte. Oben an der Treppe nimmt er seinen russischen Amtskollegen mit einem Lächeln in Empfang. Fjodorow begrüßt Schmidt auf Deutsch. Fast zehn Minuten dauert der Small Talk der beiden Männer. Dann verschwinden sie hinter blickdichtem Milchglas.

Der Besucher aus Russland hat eine neue Woche schlechter Nachrichten hinter sich. Der Ölpreis ist auf unter 49 Dollar pro Barrel gefallen, der von Öleinnahmen abhängige russische Staat braucht aber einen Preis von 105 Dollar, um seine Ausgaben zu decken. Die Kapitalflucht aus dem Land fällt mit 151,5 Milliarden Dollar noch höher aus als erwartet. Und die Inflation wird Regierungsschätzungen zufolge im kommenden Frühjahr wohl auf 15 bis 17 Prozent ansteigen.

Besonders die steigenden Nahrungsmittelpreise sind ein großes Problem. Und so arbeitet der Minister hinter dem Milchglas daran, trotz Sanktionen wieder mehr Agrarprodukte nach Russland zu bekommen, damit deren Preise fallen. Kaum irgendwo nämlich spüren die Russen die Wirtschaftskrise Tag für Tag so deutlich wie im Supermarkt, wo die Händler ihre Preisschilder alle paar Tage austauschen müssen, weil die Lebensmittel ständig teurer werden: seit Ausbruch der Krise um 20 bis 25 Prozent. Am härtesten trifft es Rentner und Familien mit Kindern, jene gesellschaftlichen Gruppen, die schon vor der Krise besonders häufig zu den Armen des Landes gehörten – und gemessen an ihrem Einkommen am meisten für Nahrungsmittel ausgeben.

Es ist nicht so, dass die russische Regierung untätig zuschaute. Ständig beschließt sie neue Maßnahmen. Ende Dezember hat sie weitere 600 Milliarden Rubel, knapp acht Milliarden Euro, für die ohnehin schon stark subventionierte heimische Landwirtschaft genehmigt. Gefördert wird jeder Stall, jeder hinzugewonnene Hektar, jede zusätzliche Kuh. Doch offenbar reicht das nicht mehr aus. Nach aller ökonomischen Logik sind die überdurchschnittlich stark steigenden Lebensmittelpreise ein Anzeichen dafür, dass die Güter knapper werden, wofür auch das Importverbot für ausländische Waren verantwortlich ist.

Nun steckt Präsident Putin in einer Zwickmühle. Er hat kein Interesse an teuren Nahrungsmitteln für sein Volk. Aber es könnte ihn innenpolitisch beschädigen, wenn er die Importverbote aufhebt. Er würde die einzige ernsthafte Gegensanktion gegen den Westen aufweichen, die er zuvor noch als Chance für die eigene Wirtschaft verkauft hatte.

Und so sind in der vergangenen Woche Bewegungen in den russischen Positionen zu beobachten, die zwar klein sind, aber doch darauf hindeuten, dass Russland versucht, seine Vergeltung leise abzuschwächen, ohne offiziell etwas zu verändern. Zwei Beispiele: Die russischen Veterinärbehörden erklärten sich bereit, ein Embargo für Lebendschweine, Schlachtabfälle und Fett aus Frankreich aufzuheben, das bereits im Frühjahr 2014 verhängt wurde – und in der EU für Unmut gesorgt hatte. Dem deutschen Minister Schmidt sagte Fjodorow neue Inspektionen in deutschen Rindfleisch- und Milchbetrieben zu. Was natürlich die Frage aufwirft, wozu man inspizieren möchte, wenn man nicht doch erwägt, das Importverbot zumindest für einzelne Länder zu lockern. "Wir suchen nach Wegen, den Ausfall der Lieferungen zu minimieren", sagte Fjodorow am vergangenen Freitag in Berlin. Das allerdings solle, so verkündet man es offiziell, im Rahmen der Sanktionen erfolgen, indem also mehr von dem exportiert wird, was noch erlaubt ist.

Fjodorow trifft Präsident Wladimir Putin und Ministerpräsident Dmitri Medwedew einmal pro Woche zur Krisensitzung. Sie beraten, wie sie ihre Bevölkerung satt bekommen und den Anstieg der Preise verhindern können. Es ist daher kaum vorstellbar, dass die vorsichtigen Bewegungen der vergangenen Woche nicht mit dem Präsidenten abgesprochen sind.

Eigentlich verfolgen Putin und Fjodorow aber einen anderen Plan. Er gerät nur gerade ein wenig durcheinander. Der Plan entstand vor 16 Jahren, als Folge einer für das ganze Land traumatischen Erfahrung. 1998 hatte der Rubel mehr als die Hälfte seines Wertes verloren. In der Folge schossen die Preise für importierte Lebensmittel aus dem Westen in die Höhe, doch es gab keine heimische Produktion, die die Lieferungen kostengünstiger hätte ersetzen können. Statt russischem Geflügel gab es tiefgefrorene Hähnchenkeulen aus den USA – zu Höchstpreisen.

Zu jener Zeit beschlossen zwei Männer, dass sich das ändern sollte. Russland, dieses riesige, fruchtbare Land, sollte sich eines Tages wieder selbst ernähren können.

Der eine, Alexej Gordejew, liegt in Sotschi am Strand, als sein Telefon klingelt. Es ist der 19. August 1999. Der andere, Wladimir Putin, wurde gerade zum Ministerpräsidenten ernannt und teilt Gordejew an jenem Tag mit, dass er ihn zum Landwirtschaftsminister ernennen wird. Gordejew fragt, ob er noch seinen Urlaub zu Ende machen dürfe. Putin erwidert, er erwarte Gordejew am Montag im Ministerium. Gordejew erscheint und bleibt für zehn Jahre im Amt, um den Plan umzusetzen. Danach wird er Gouverneur der Oblast Woronesch, einer Region, die direkt an die Ukraine grenzt und als Kornkammer Russlands gilt. Das ist sechs Jahre her. Er ist noch immer Gouverneur.

Ein Treffen mit dem Regionalfürsten Gordejew fühlt sich an wie eine königliche Audienz. Man wartet in einem großen Empfangsraum voller plüschiger Möbel, die Russland-Fahne reicht fast bis zur Decke. Als Gordejew den Raum betritt, wird es mucksmäuschenstill. Dann macht es klick, klick, klick. Der Hausfotograf drückt wie wild auf den Auslöser.

Gordejew trägt einen Schnauzbart und am Revers seines Anzugs das Wappen der Oblast Woronesch, es zeigt einen Krug, aus dem Wasser fließt, als Zeichen der Fruchtbarkeit und Prosperität. "Ich war immer dafür, dass Russland sich mit Grundnahrungsmitteln selbst versorgt", sagt Gordejew. Seit 2010 gibt es sogar eine offizielle "Doktrin für Ernährungssicherheit". Das Ziel: 85 bis 90 Prozent des Bedarfs an Grundnahrungsmitteln soll das Land selbst produzieren. Es gehe dabei nicht nur um die Doktrin, sagt der Gouverneur. Es gehe auch um die Struktur der russischen Wirtschaft als Ganzes. Noch immer hängt der Wohlstand des Landes fast ausschließlich vom Geschäft mit dem Erdöl ab. Sinkt sein Preis, schlittert das Land in die Krise. Es gibt kaum Industriebetriebe, die mit anderen auf der Welt konkurrieren können. Doch in der Landwirtschaft sind die Voraussetzungen eigentlich ideal, um global eine Rolle zu spielen. Nur zwei Prozent der Weltbevölkerung leben in Russland. Demgegenüber besitzt Russland neun Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen, 20 Prozent des globalen Süßwassers und 40 Prozent der besonders fruchtbaren Schwarzerde.

Es geht also darum, sich gleichzeitig von Nahrungsmitteln aus dem Westen und vom eigenen Öl unabhängiger zu machen. Und es geht um Arbeitsplätze, besonders auf dem Land. Wer dort wohnt, braucht im riesigen Russland oft Stunden, um die nächste Stadt zu erreichen. Pendeln ist unmöglich. "Wir müssen auch diese entlegenen Territorien unterhalten", sagt Gordejew. "Die Landwirtschaft spielt dabei eine Schlüsselrolle."