Die Welt kann so furchtbar ungerecht sein. Da macht man einfach nur das, was man seit Jahrzehnten macht – und plötzlich regen sich alle auf. Und dann versteht man die Welt nicht mehr.

Am 11. Januar dieses Jahres lief Seine Exzellenz Dr. Nizar Bin Obaid Madani, seines Zeichens Vize-Außenminister von Saudi-Arabien, wie Dutzende andere Diplomaten und Staatschefs durch Paris. Auch er wollte seine Solidarität mit den ermordeten Zeichnern von Charlie Hebdo zum Ausdruck bringen, Pressefreiheit, da geht halt nichts drüber. Zwei Tage zuvor allerdings hatte man im heimischen Dschidda damit begonnen, den Blogger und Regimekritiker Raif Badawi auszupeitschen, die ersten fünfzig Schläge von tausend, nebst einer Gefängnisstrafe von zehn Jahren. Badawi hatte keine Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, sondern nur Kritik am saudischen Regime geübt und ein wenig über die "Moralwächter" gespottet. Dennoch wurde er zu einer zwanzigwöchigen, öffentlich zelebrierten Folter verurteilt. Vielleicht ein Todesurteil.

Das saudische Regime demonstrierte also binnen weniger Tage für die Meinungsfreiheit in Paris und bestrafte sie mit Folter in Dschidda. Für diese, nun ja, Heuchelei ernteten die Herrscher von Riad und ihr junger Vize-Außenminister (74) weltweite Kritik und eine Solidaritätskampagne für Raif Badawi. Auch die deutsche Bundeskanzlerin rief an, um dessen Freilassung zu erwirken.

Nun müssen sich die saudischen Herrscher fühlen wie weiland Erich Honecker, als ihm Michail Gorbatschow zurief, wer zu spät komme, den bestrafe das Leben. Wieso das auf einmal? Heuchelei und Bigotterie waren doch auch bislang kein Grund für Kritik an Saudi-Arabien, ganz im Gegenteil, Heuchelei und Bigotterie sind quasi die Säulen saudischer Herrschaft unter Einschluss ihrer auswärtigen Beziehungen: fundamentalistischer, islampuritanischer Gottesstaat, aber die dort Herrschenden lassen es bei ihren Reisen in die westlichen Hauptstädte gern mal krachen; Beschützer der heiligen Stätten des Islams und enger Verbündeter der ungläubigen Amerikaner; Partner im Kampf gegen die lange Zeit von dem Saudi Osama bin Laden geführte Al-Kaida; Bündnispartner im Kampf gegen die sunnitischen Terroristen des IS, die nicht zuletzt von saudischen Bürgern unterstützt wurden; Gegner terroristischer Enthauptungspraxis und in diesem Jahr selber schon elf Menschen geköpft; Kämpfer gegen den islamistischen Terrorismus und Exportweltmeister des hochaggressiven fundamentalistischen Wahhabismus; ein unfassbar reicher Ölstaat, in dem Hausangestellte oft in menschenunwürdigen Verhältnissen arbeiten müssen.

Mit anderen Worten: Saudi-Arabien Bigotterie vorzuwerfen, das ist wie eine Katze dafür zu kritisieren, dass sie Mäuse fängt. Und warum auf einmal?

Es hat sich etwas geändert in Sachen Saudi-Arabien, vielleicht auch alles.

Lesen Sie den Schwerpunkt "Saudi-Arabien" in der ZEIT No 4 vom 22.1.2015. Die ZEIT berichtet in den kommenden Wochen jeweils über Raif Badawi und schreibt gegen seine Folter an.

Zuallererst das mit dem Öl. Saudi-Arabien als einen Verbündeten anzusehen und praktisch über alles hinwegzusehen, was dieser Staat anstellte oder zuließ, das geht auf ein tief sitzendes Trauma der westlichen Industriestaaten aus den siebziger Jahren zurück, die Ölkrise. Damals gelang es den erdölexportierenden Staaten, den Preis für das Öl durch Drosselung der Produktion nach oben zu treiben. Später boten die Saudis, die mit der Begrenzung ihrer Fördermenge den weltweiten Preis beeinflussen können, sich immer wieder als Ölpreisdrücker an. Mittlerweile jedoch sind die Industrienationen vom Öl etwas weniger abhängig – alternative Energiequellen, neue Ressourcen im Westen, höhere Energieeffizienz – die politische und ökonomische Kraft des Öls nimmt ab.

Zum Zweiten die Geopolitik. Die Politik des Westens im Mittleren Osten wurde in den letzten Jahrzehnten von den Amerikanern dominiert. Wer da gerade Freund und wer Feind war, das bestimmte Washington. In diesem schnell wechselnden Strategiespiel bildete der merkwürdige Verbündete Saudi-Arabien eine Konstante, nicht zuletzt als Gegner des verpönten Irans. Nun hat sich aber diese Art amerikanischer Realpolitik selbst ad absurdum geführt. Hochherzige Demokratisierung mit oder ohne Invasionen ist gescheitert, kalte Stabilitätspolitik aber auch. Von diesem Glaubwürdigkeitsverlust der US-Politik ist auch das Dogma betroffen, dass der iranische Mullahstaat so viel schlimmer sein soll als der saudische Gottesstaat. Dass wir den einen als Verbündeten gegen den anderen brauchen, dieses Dogma zerfällt gerade.

Zumal bei den Europäern, denen mehr und mehr die Verantwortung für die Region in den Schoß fällt. Und die unter ihrem terroristischen Fallout zurzeit mehr leiden als die Amerikaner. Wenn in Dinslaken oder Dijon radikale Islamisten junge Männer aufhetzen, so tun sie das mit einer Ideologie, die dem Wahhabismus sehr verwandt ist, eben jener reaktionären Theologie, die Saudi-Arabien zu Hause braucht und in die Welt exportiert.