Es gibt nicht viel, auf dieser Welt, woran man sich halten kann, sangen die Toten Hosen. Vielleicht die Liebe oder Gott? Auf jeden Fall aber an den Sport. Die Amerikaner halten den Atem an, wenn im Football der Ankick zur Super Bowl fällt. In Australien steht ein Land still, wenn beim Melbourne Cup die Pferde galoppieren. Und die Österreicher, ach was, die ganze Skiwelt versammelt sich vor den Fernsehgeräten, wenn es heißt: Abfahrt in Kitzbühel. Das ist nicht irgendein Rennen, nein. Das ist ein Mythos, eine Legende. Da werden Helden geboren und Schicksale zerbrechen, so steil wie dort ist es nirgends. Daran kommt zur 75. Auflage des Skiklassikers niemand vorbei. Wir müssen da hinunter, alle! Mausefalle, Steilhang, Seidlalm, Hausbergkante. Und vor dem Zielsprung kompakt bleiben, nicht verkanten. Sonst ist man Geschichte.

Alles begann beschaulich. Franz Reisch, Kitzbüheler Bürgermeister von 1903 bis 1913, war einer der Ersten, der sich auf Skiern in die Tiroler Natur wagte. Auf Gipfel hinauf und die Hänge hinab. Ganz zwanglos, der schönen Schwünge wegen. "Lange ging es so in voller Freizügigkeit, und wir hielten den Versuchen, einen Verein zu gründen und Wettläufe zu veranstalten, tapfer stand", schrieb er. "Dann fingen die englischen Gäste, die bisher nur Schlittschuh liefen und Schlittenpartien machten, an, bei uns Skilaufen zu lernen. Es kamen auch Einzelne von München und Wien (...) und unsere Musterspuren gingen in dem Chaos der Übrigen so auf, wie unser freies Sportleben in Vereins- und Verkehrspflichten. Es ist wohl nicht dankbar von uns, wenn wir etwas wehmütig an die alten Zeiten denken!"

Der Sportsgeist fuhr in die Skiläufer. 1931 veranstaltete der Kitzbüheler Ski Club die ersten Wettrennen auf den Hängen des 1712 Meter hohen Hahnenkamms, eines eher unscheinbaren Berges, eingebettet zwischen den Hohen Tauern, dem Kitzbüheler Horn und dem Wilden Kaiser. Allerdings führte dort seit 1928 eine Bergbahn hinauf. Als Abfahrt etablierte sich eine Route über die nach einem Bauern benannte Straiff-Alm. Für viele Buben und Mädchen war das der Weg zur Schule. "Ortskenntnisse waren da von Vorteil", erinnert sich der 79-jährige Horst Ebersberg. "Mein Vater fuhr voraus und alle Kinder, die am Berg wohnten, hinterher." Wo heute Abfahrer in weniger als zwei Minuten hinunterdonnern, brauchte der kleine Horst manchmal bis zu zwei Stunden, bevor er verschwitzt und klatschnass ins Klassenzimmer kam. Dort saßen dann schon Hias Leitner und Toni Sailer. Das erste Jugendrennen gewann Ebersberg vor seinem berühmten Klassenkameraden. 1955 nahm er am Hahnenkamm-Rennen teil. "Ohne Betreuer, Trainer, Seelsorger, ohne den ganzen Scheiß, den es heute gibt." Am Tag zuvor hatte es geregnet, der Schnee war Matsch. Gemeinsam mit den Einheimischen rutschten die Rennfahrer die Piste hinunter, um sie befahrbar zu machen. Ein "ordinäres Gelände" sei es gewesen, ohne Fangnetze. Wer stürzte und Glück hatte, landete im Schnee – mit etwas Pech klebte man an einem Baum. Ebersberg wurde Sechster, obwohl er nach der Hausbergkante zu Sturz kam. "Damals konnte man noch hinfallen und trotzdem gewinnen", lacht er. Nach dem Rennen mischten sich die Fahrer in der Tenne oder im Stamperl unters Volk.

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Heutzutage sieht man die Muskelpakete in Rennanzügen meist nur aus der Ferne. Sie sind ein kostbares Kommerzgut geworden, hermetisch abgeschirmt in ihren Hotels und Trainingsräumen. Kilometerlange Fangzäune säumen die Strecke. Am Rennwochenende verstopfen rund 100.000 Menschen den 8.000-Einwohner-Ort, mehr als 40 TV-Stationen berichten live, in Farbe und HD, die weltweite Zuschauerzahl soll bei 500 Millionen liegen. Ein Bombengeschäft. Und alles nur wegen des Mythos Streif?

Vielleicht hatte Toni Sailer senior, Dachdeckermeister, ein diabolisches Lächeln auf den Lippen, als er sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit ein paar Arbeitslosen auf den Weg machte, um die Streif fürs Rennen zu präparieren. Seine Idee war es, im Startstück nicht länger um den Berg herumzufahren, sondern direkt durch den Wald hinunter. Keine zwei Meter breit war die Piste an der engsten Stelle, dann folgte eine Geländekante wie ein Schanzentisch. Das habe ihn an eine "Maustrapei" erinnert, eine Mausefalle. Und sie schnappte zu, immer und immer wieder. Erst nach und nach entschärfte man die Stelle und verbreiterte auch die anderen Streckenteile. Die Kurvenradien wurden enger, den Läufern blieb nur eine Ideallinie übrig, die Geschwindigkeit aber wuchs.