Neben dem Sandkasten flackern nun Grabkerzen. "Gnade uns Gott", hat jemand mit Edding auf ein Windlicht geschrieben. Zwischen Blumensträußen liegt ein Blatt Papier. "Je suis Khaled" steht darauf. Hier, an diesem Ort, in einem Plattenbaugebiet im Südosten der Stadt, wurde Khaled B. vor reichlich einer Woche tot aufgefunden.

Khaled B. war von Eritrea aus nach Deutschland gelangt. Er hatte Asyl beantragt und war in einer sogenannten dezentralen Unterkunft gelandet – einer Vier-Zimmer-Wohnung, die er sich seit geraumer Zeit mit sieben anderen Flüchtlingen teilte.

Am Dienstag voriger Woche nun lag Khaled B. leblos vor seinem Wohnhaus. Er ist 20 Jahre alt geworden.

Sein Schicksal ist jetzt ein Politikum.

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"Die Ermittlungen ergaben bislang keine Anhaltspunkte für eine Fremdeinwirkung", hatte die Polizei an jenem Dienstag mitgeteilt. Tatsächlich jedoch hatte Khaled B. Stichverletzungen an Hals und Brust. Die Polizei geriet in die Kritik: Wie kann man auf die Idee kommen, es handle sich nicht um ein Gewaltverbrechen, wenn ein erstochener Asylbewerber vor seinem Wohnhaus liegt? Hat man hier versucht, einen Mord zu vertuschen – oder zumindest nicht sensibel genug ermittelt? Volker Beck, Bundestagsabgeordneter der Grünen, stellte Strafanzeige gegen unbekannt wegen Strafvereitelung im Amt. Über allem schwebte die Frage: Kann man in Zeiten, in denen Tausende Pegida-Anhänger in Dresden auf die Straße gehen, nicht besondere Sensibilität von der Polizei erwarten?

Die Wahrheit ist aber komplexer. Erst im Rahmen einer Anhörung, im Innenausschuss des Sächsischen Landtags, wurde auch der Öffentlichkeit klar, dass es zwar allen Grund gibt, von einer Kommunikationspanne aufseiten der Polizei zu sprechen. Aber derzeit keinen, von gravierenden Ermittlungspannen auszugehen.

Die Polizei beteuert, sie habe von Anfang an auch in Richtung eines mögliches Mordes ermittelt. Weder der Notarzt noch die Polizeibeamten vor Ort aber hätten Hinweise auf ein Fremdverschulden erkennen können: Offenbar ging man zunächst von einem Sturz aus, womöglich aus dem Fenster, bei dem sich Khaled B. einen offenen Bruch am Schlüsselbein zugezogen hat – die Stichverletzungen an Hals und Brust seien zunächst ohne Weiteres nicht zu erkennen gewesen. Erst ein Gerichtsmediziner habe sie entdeckt. Nun werde mit Hochdruck nach einem Täter gefahndet.

Wie auch immer diese Sache sich entwickelt: Vielleicht lehrt der Fall Khaled B. am Ende weniger über polizeiliche Ermittlungen. Und mehr über das Klima, das Fremde in Dresden erleben. Denn unabhängig davon, unter welchen Umständen Khaled B. tatsächlich ums Leben gekommen ist: Seit die Stadt über seinen Fall diskutiert, ist etwas in Bewegung gekommen. Zunehmend wenden sich Flüchtlinge an die Öffentlichkeit; sie erzählen von ihrer Angst. "Die Menschen haben mir gesagt, dass sie sich montags nicht mehr auf die Straße getrauen, dass sie sich im Dunkeln nicht mehr auf die Straße getrauen und dass sie eigentlich am liebsten Sachsen verlassen möchten", sagt Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD).

"Es ist unerträglich", beschreibt Ali Moradi, Geschäftsführer des Sächsischen Flüchtlingsrates, die Atmosphäre. "Es beschimpfen uns Leute, mit denen wir bislang problemlos ausgekommen sind. Letztens schrie mich die Mitarbeiterin einer Hausverwaltung an. Sie fragte mich, wie viele Ausländer denn noch nach Dresden kommen wollen."

Wenn es zutrifft, was Menschen wie Ali Moradi erzählen, dann haben die Pegida-Proteste etwas ausgelöst. Dann gilt für manchen Dresdner heute wieder als sagbar, was noch vor wenigen Wochen als unsäglich gegolten hatte. Dann gehen einige in dieser Stadt anders, respektlos mit Migranten um, seit die Pegida-Organisatoren die deutsche Asylpolitik infrage stellen.

Man kann darüber mit Tahir Acar sprechen, der eigentlich anders heißt, aber seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. "Ich habe Angst um meine Kinder", sagt er. "Bitte verstehen Sie das." Acar, ein Alevit, floh vor etwa 40 Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Seit elf Jahren lebt er mit seiner Familie in Dresden, wo er als Erzieher arbeitet; inzwischen hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. "Wir haben schon schlechte Zeiten in Deutschland erlebt", sagt Acar, "wir haben Mölln erlebt, Solingen und Rostock-Lichtenhagen. Aber so schlimm wie jetzt, in Dresden, war es noch nie." Er kenne muslimische Frauen, denen auf offener Straße das Kopftuch entrissen worden sei, die nun nur noch Mützen trügen.

Acars Töchter, 14 und 16 Jahre alt, würden auf ihrem Gymnasium neuerdings beleidigt. Es gebe Lehrer, die vor der Klasse ganz offen sagten, man müsse alles dafür tun, dass nicht noch mehr Ausländer nach Deutschland kämen. "Früher haben wir unsere Töchter am Wochenende und am Abend viel nach draußen gelassen", sagt Acar, "heute müssen sie zeitig nach Hause." Früher: Das war vor Pegida.