Polizeibeamte der Einsatzeinheit überwachen vor der Wiener Hofburg die Demonstrationen gegen den FPÖ-Akademikerball 2014. © Heinz-Peter Bader/Reuters

Es ist ein Fixpunkt der Wiener Ballsaison: Der Rechtswalzer in der Hofburg versetzt die Stadt jedes Jahr in den Ausnahmezustand. Auf dem Akademikerball, organisiert von der FPÖ, treffen sich ultrakonservative und teils rechtsextreme Burschenschaften aus Österreich und Deutschland im repräsentativsten Gebäude der Republik. Aber der Ball ist mittlerweile nur noch ein Schatten seiner selbst und außerhalb Österreichs fast bedeutungslos geworden.

Die Besucherzahlen rasselten in den Keller. 2012 tanzten noch 3.000 Gäste in der Hofburg. Vergangenes Jahr wurden laut Udo Guggenbichler, Wiener FPÖ-Gemeinderatsabgeordneter und Ballorganisator, zwar zwischen 1.500 und 2.000 Karten verkauft. Wie viele Ballbesucher tatsächlich kamen, kann er aber nicht sagen. In verschiedenen Medien war nur noch von 500 bis 900 Gästen die Rede.

Wie kam es dazu? Seit 2008 gibt es regelmäßig Demonstrationen gegen die Veranstaltung. Bürgerliche und unterschiedliche zivilgesellschaftliche Gruppen bis hin zu linksradikalen Bewegungen gehen dagegen auf die Straße.

Prominente Teilnehmer des Balls, wie etwa Marine Le Pen, blieben in den vergangenen Jahren dem rechten Stelldichein fern. Seinen Stellenwert als Vernetzungstreffen der europäischen Rechten hat es verloren. Seit die FPÖ die Veranstaltung vom Wiener Korporationsring, dem Zusammenschluss der "akademischen nationalliberalen Korporationen", übernommen hat, haben besonnenere Verbindungsbrüder von nördlich der Donau die Lust daran verloren. So manche Verbindung möchte an der Partei nicht anstreifen.

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Optisch sind etwa deutsche Corps von Burschenschaften nicht zu unterscheiden. Aber: "Nachdem es eine politische Veranstaltung geworden ist, arbeiten die Corps nicht mehr mit", sagt zum Beispiel Christian von Hesler, der Vorortsprecher der Kösener Corps. Auch einige liberalere Burschenschaften aus Deutschland, die sich in den vergangenen Jahren von dem immer weiter nach rechts abdriftenden Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) abgewandt haben, bleiben mittlerweile zu Hause.

Als wäre das nicht genug: Die Rückendeckung der Universitäten ist weggebrochen, kein Rektor übernimmt mehr den Ehrenschutz. Und 2012 verloren die Wiener Bälle wegen des Balls der Burschenschafter den Status eines Unesco-Weltkulturerbes.

Demonstrationen gegen Burschenschaften hatten stets große Wirkung. Sie haben mehr bewegt als alle empörten Leitartikel gemeinsam. Als in den 1990ern große Proteste gegen ihre Veranstaltungen stattfanden und die weit rechts stehende Wiener Olympia den Vorsitz im Dachverband übernahm, war das Maß für viele voll; sie traten aus und gründeten die Neue Deutsche Burschenschaft. Zuletzt war es die öffentliche Empörung um die geplante Einführung eines sogenannten Arierparagrafen. Mitglied dürfte demnach nur werden, wer sein Deutschsein durch ein "völkisches Abstammungsprinzip" belegen kann. Wieder suchten zahlreiche Mitglieder das Weite.

Auch dieses Jahr machen Organisationen gegen den Ball mobil: Wiener Taxifahrer haben sich zusammengeschlossen und verkündet, keine Burschenschafter transportieren zu wollen; manche Lokale werden am Freitag die Außenbeleuchtung abdrehen.

Nicht alle Demonstranten sind besonnene Köpfe. Brennende Mülleimer, eingeschlagene Fensterscheiben und Angriffe gegen Polizisten wie im vergangenen Jahr befeuern das rechte Freund-Feind-Schema und liefern eine Steilvorlage für FPÖ und Burschenschafter, sich als Opfer darzustellen. Wenn etwa das Bündnis NOWKR, unter deren Banner 2014 der schwarze Block marschierte, Ausschreitungen nicht ausschloss, bestätigt es lediglich das Negativklischee der Krawalllinken.

Keiner kann der FPÖ und waffenstudentischen Verbindungen das Recht nehmen, einen Ball zu veranstalten. Die Versammlungsfreiheit, aber auch das Recht zu demonstrieren sind ein hohes Gut. Ein Recht auf Ausschreitungen gibt es nicht.

Das Abwägen zwischen der Aufmerksamkeit, die einer Veranstaltung durch Demonstrationen zuteil wird, und bloßem Ignorieren ist schwierig. Einige haben bereits angekündigt, nächstes Jahr nicht mehr zu Protesten aufzurufen. Die Ziele seien erreicht worden, man möchte sich neuen Dingen zuwenden.