Es war ein Paukenschlag: Nach zehn Jahren als Fraktionschefin in Sachsen gab Antje Hermenau im September 2014 alle politischen Ämter auf. Damals lehnten ihre Grünen eine Koalition mit der CDU ab; Hermenau hatte sehr für das Bündnis gekämpft. Ihrer Fraktion wollte die 50-Jährige – 1990 Mitgründerin der Partei im Osten – fortan nicht mehr angehören. Nun geht sie noch einen radikalen Schritt weiter

DIE ZEIT: Frau Hermenau, Sie sind die grüne Galionsfigur des Ostens. Nun treten Sie aus der Partei aus. Wieso?

Antje Hermenau: Es stimmt. Nach einem Vierteljahrhundert verlasse ich die Grünen. Drei Tage nach der Landtagswahl in Sachsen 2014, bei der wir nur noch 5,7 Prozent geholt hatten, sagte eine Parteifreundin auf unserer Mitgliederversammlung: "Der Versuch, sich an die CDU anzupassen, ist gescheitert." Da war mir klar: Mein Versuch, mich an die Grünen anzupassen, ist gescheitert. Ich wollte immer eine ökologische, ordoliberale Partei. Die Grünen müssen sich fragen, ob sie Robin Hood sind, der sich stets neue Umverteilungskniffe ausdenkt, oder ob sie die Zukunft wollen. Mit SPD und Linken kommen sie aus dem Umverteilungsmodus nicht heraus. Ich habe ein Vierteljahrhundert meines Lebens dafür gestritten, entspannt mit der CDU umzugehen. In Sachsen waren CDU und Grüne produktiv: Wir haben eine strengere Schuldenbremse in der Verfassung als irgendein anderes Bundesland. Seit 2014 ist die in Kraft.

ZEIT: Sie klingen richtig sauer.

Hermenau: Vielleicht klingt die Bilanz bitter. Ich bin es nicht. Aber meine Lebenszeit ist begrenzt. Es wird Zeit für anderes. Jetzt stehen meine Nachfolger nicht mehr in meinem Schatten, und ich muss nicht mehr als "Über-Antje" herhalten. Sie können sich völlig neu aufstellen. Das ist der letzte Dienst, den ich der Partei erweisen kann.

ZEIT: Jürgen Trittin hat Ihnen vorgeworfen, mit Ihrer schwarz-grünen Orientierung alles verspielt zu haben.

Hermenau: Ach, das klingt doch sehr nach dem heiligen Florian. Thüringen hat auf den Wechsel zu Rot-Rot-Grün gesetzt und auch nur 5,7 Prozent heimgebracht. Im Juni 2013 hatten wir in Sachsen Umfragen mit 11,5 Prozent, dann kamen der Steuerwahlkampf, das Trittin-Loch – und zur Bundestagswahl standen wir dann mit 4,9 Prozent da. Das sind die Fakten.

ZEIT: Ist das Bündnis mit der CDU eine strategische Option, weil es sonst nicht zur Regierungsbildung reicht, oder ist es ein Projekt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT No 5 vom 29.1.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Hermenau: Ein schwarz-grünes Bündnis ist für die Partei existenziell. Man muss das wirklich wollen, aus freien Stücken, und darf nicht wahltaktisch herummanövrieren. Aber dafür gibt es bei den Grünen einfach keine Mehrheiten. Als Demokratin akzeptiere ich das. Der Umgang mit den Staatsfinanzen – das ist die Frage, bei der sich zunehmend die Kluft zur Linken und zur SPD auftut, die alles im Hier und Jetzt vervespern. Der politisch organisierte Verlust der Sparanreize ist ein fundamentaler Kulturbruch, keine Lappalie: eine entscheidende Nachhaltigkeitsfrage.

ZEIT: Hat Ihre Entfremdung von der Partei auch etwas mit Ihrer Herkunft zu tun, dem breiten Sächsisch, dem Arbeiterelternhaus?

Hermenau: Entfremdung klingt mir zu brutal. Es sind ja auch Freundschaften entstanden. Aber offenbar ist Konsequenz im Leben eine zu harte Konfrontation. Dabei bin ich doch gar nicht die einzige Grüne, die aus "einfachen Verhältnissen" kommt, die übrigens oft genug komplizierte sind. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Aber ich spreche eine klare Sprache. Und in den letzten Jahren haben sich viele Leute für uns geöffnet, die ein Großteil der Partei offenbar gar nicht haben will. Wenn die Grünen keine Volkspartei sein wollen, werden sie auch keine werden. Viele praktische Alltagsfragen erscheinen ihnen zu banal. Der Kern ist immer noch der Wunsch nach Veränderung des Gesellschaftssystems, der Antikapitalismus – wo wir dann mit der Linken konkurrieren. Das ändert sich oft erst mit Regierungsbeteiligung. Von der CDU könnten die Grünen mehr Bodenständigkeit lernen.

ZEIT: Sie lassen die Grünen hinter sich, schwärmen aber von Ihrer Freundschaft zum früheren CDU-Fraktionsvorsitzenden Steffen Flath. Hat diese Freundschaft Ihre Wurzeln in der gemeinsamen Erfahrung der Friedlichen Revolution?

Hermenau: Selbstverständlich. Das ist für uns beide die prägende Lebenserfahrung. Und wir haben dann Demokratie im Umgang miteinander praktiziert, wie wir sie uns immer vorgestellt hatten. Viele jüngere Grüne wissen gar nicht mehr, dass der Aufstand 1989 ein Aufstand gegen eine kommunistische Partei war, die den Alltag der Menschen nicht mehr im Griff hatte und deren Parolen man nicht mehr hören konnte. Wenn ich davon erzähle, gucken die immer so, als wollten sie sagen: "Die Antje erzählt wieder vom Krieg." Ich mache ihnen keinen Vorwurf, die haben in Sachsen immer nur die CDU an der Regierung erlebt; und die benimmt sich ja inzwischen manchmal auch schon so. Ich habe noch erlebt, wie Jutta Ditfurth den Joschka Fischer auf einem Parteitag mit Wasserpistolen beschossen hat, und war darüber sehr befremdet. Denn uns Ost-Grüne hat eine völlig andere politische Ernsthaftigkeit geprägt: Bei uns im Osten hatten sich die ersten Menschen aufgehängt, die mit den neuen Zeiten nicht mehr klarkamen. Damals wäre ich fast gleich wieder aus der Partei ausgetreten. Inzwischen habe ich bei den Grünen meinen Humor umfassend geschult. Doch die Zeiten haben sich fundamental geändert: Viele lebenspraktische Fragen brauchen lebbare Antworten. Die Politik gibt sie nicht ausreichend.