Die Kinder haben Auschwitz dann vergessen. Sie haben die ganze unvorstellbare Ewigkeit aus der Erinnerung gestrichen, in der sie, 15-jährige Berliner Gymnasiasten mit humanistischer Erziehung, ab dem Januar 1944 zum Flakhelfer-Einsatz im Osten verpflichtet wurden und so auch, dienstlich sozusagen, nach Auschwitz gelangten. Bis zur Befreiung des Vernichtungslagers am 27. Januar 1945: Eine halbe Stunde vor dem Eintreffen der sowjetischen Armee haben sich die Berliner Jungen eiligst davongemacht, zurück in Richtung Westen, und einige wenige haben das alles auch überlebt. Von solchen Schulkindern 1945 in Auschwitz weiß fast keiner. Woher man nun weiß, dass es manche dorthin verschlug? "Bei einer Zusammenkunft der Übriggebliebenen von der Klasse stellt er fest, dass alle bis auf Jünne, der sich nicht geändert hat und zu jeder Zeit jeder Situation gewachsen sein wird, die dreizehn Monate, die bestimmend für ihre weitere Entwicklung wurden, vergessen haben", so skizziert einer dieser Kindersoldaten in einem undatierten Exposé aus den Nachkriegsjahren, was von der Erfahrung des Entsetzlichen bleibt. Dieser Junge kann nicht anders, als sich zu erinnern. Ein Roman soll aus der Skizze werden.

Der Berliner Gymnasiast, der seelisch nur weiterleben konnte, indem er nicht wie die anderen vergaß, was er gesehen hatte, hieß Thomas. Was er zu Papier brachte, kann man jetzt erstmals lesen, 70 Jahre danach: Die Geschichte einer Klasse, ein Romanfragment von Thomas Gnielka, "ein Buch gegen den Krieg", wie der Junge schreibt, in dem er selbst ausdrücklich als Erzähler der eigenen Geschichte erkannt werden möchte. Thomas hatte nach dem Krieg, gänzlich am Ende seiner Kraft, zufällig den Schriftsteller Hans Werner Richter kennengelernt, der hatte ihm zum Schreiben geraten, auch um der Selbstheilung willen. Der Junge fing sofort an, mit einem Aufriss von Anfang bis Ende, dieses Exposé liegt detailliert und vollständig vor, der Roman blieb Fragment. Gnielka hat daraus 1952 in der Gruppe 47 vorgetragen, es entstanden Hörfunksendungen, aber über die journalistische investigative Arbeit Gnielkas, die bald einsetzte, blieben die Anfänge, gut 70 Seiten, dann liegen. Und blieben bis jetzt ungedruckt.

Gnielka, der Name ist doch irgendwie bekannt? Ja. Thomas Gnielka, der als Journalist der Frankfurter Rundschau Ende der fünfziger Jahre durch seine Aktenfunde faktisch den Anstoß zu den Auschwitz-Prozessen gab, der ist es. Er ist es, der deshalb nun seit ein paar Wochen im Kinofilm Im Labyrinth des Schweigens neben dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer als historische Schlüsselfigur auftritt, er ist es, der durch seine rastlosen journalistischen Recherchen bleibende Dokumente der frühen sechziger Jahre über die zahlreichen Menschen hinterließ, die in Auschwitz mörderisch handelten, über die zahllosen, die vernichtet wurden, über die wenigen, die irgendwie überlebten, über die ganz wenigen, die selbst in Auschwitz Widerstand leisteten. Die Geschichten haben ihn aufgezehrt, sosehr er mit aller Lebendigkeit gegen das Entsetzliche anhielt: Mit nur 36 Jahren ist er 1965 an Krebs gestorben, da war er bereits Vater von fünf Kindern, an seinem Grab sprach Heinrich Böll, und die hessische Landesregierung war bei der Beerdigung ehrend zugegen.

Das Buch, das nun erschienen ist, umfasst wegen der verzweigten Geschichte des Jungen, des Mannes, des Romans, der Recherchen, der Prozesse, der Zeitgeschichte und ihrer Erforschung klugerweise mehr als nur das Romanfragment Geschichte einer Klasse. Es enthält außerdem das ganze Exposé, eine Dokumentation der wichtigsten journalistischen Arbeiten Gnielkas, sodann als Nachdruck einen biografisch erinnernden Text der FR- Kollegin Claudia Michels plus tabellarische Lebensdaten und einen zeitgeschichtlich einordnenden Essay des Jenaer Historikers Norbert Frei. All diese Texte haben, überaus leserfreundlich, überaus präzise und substanziell, Werner Renz vom Frankfurter Fritz Bauer Institut und Kerstin Gnielka, eine der Töchter, herausgegeben.

So ist Auschwitz, dieser historische Stoff, der erforscht, unbeschreibbar und dennoch auserzählt scheint wie kein anderer, neu zu hören, durch eine Jungenstimme. Das Spandauer Gymnasium, aus dem die Kinder kommen, ist bekannt für seine Distanz zum Regime. Ihr Klassenlehrer hat sie in der letzten Berliner Schulstunde noch mutig mit Tucholsky-Gedichten und Sokrates-Reden versorgt, dann ziehen sie als Flakhelfer mit einer Batterie gen Osten los, der Batteriechef ist ein SS-Obersturmführer, der die Jungen in ihrer Angst für seine Zwecke zuzurichten versteht, während ein Unteroffizier namens Wünsche die Kinder zu schützen versucht.

Immer spricht die Jungenstimme des Erzählers, er lässt nur die Kinder das Geschehen wahrnehmen, allein ihre Perspektive bestimmt. Sie wissen wenig, sie kennen das Leben noch kaum, ihnen wird einfach speiübel beim Rauchen, beim Trinken, bei all dem, was sie sehen. Immerfort drehen sich Mägen um. Dauernd ringt die Verpflichtung auf Mannesmut mit der reinen Panik oder dem Kinderwunsch, wärmende Arme zu finden, in die sich die Angst flüchten kann. Einer muss doch wissen, was zu tun ist, wie soll man das selber wissen, etwa als ein Kind ein anderes aus Versehen erschießt: "Mir wird übel. Ich muss raus. Ich stolpere durch die Schneewehen, bis ich endlich die Tür von Wünsches Bunker finde. 'Herr Unteroffizier, sie haben den Kälber erschossen', sage ich noch, dann bekomme ich einen Weinkrampf, und Wünsche trägt mich auf sein Bett. 'Trink erst einen Schnaps', sagt er, 'davon wird das besser.'" Wird es nicht.

Die Jungen sollen Handlangerdienste bei der Bewachung von KZ-Häftlingen und von russischen Kriegsgefangenen verrichten, und dafür üben sie das Kriegshandwerk ein. Als es irgendwann in der Nähe eines Orts namens Auschwitz heißt, man müsse mit den russischen Kriegsgefangenen etwas pfleglicher umgehen, weil sonst nicht genug Leute für all die Drecksarbeit am Leben blieben, wird Thomas einmal mit 23 Russen als deren Bewacher an einen seltsamen Ort geschickt, dort sind lauter nette, kaum bekleidete Damen, er hat 500 Mark in der Tasche, die soll er der Chefin des Etablissements aushändigen. Wofür, ahnt er nicht, es gibt für ihn Tee und Kekse, bis die Männer fertig sind mit ihrer Verrichtung. "Abfertigung" heißt das auf einem Papier, das der Junge abzeichnet.