Bob Dylan kann einem leidtun. Fünfzig Jahre lang hat er es geschafft, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen, inzwischen muss er sich damit abfinden, gemocht zu werden. Ehrungen, Titel, die Serie von Galas, auf denen Leute, die seine Enkel sein könnten, sein Liedgut zelebrieren, und jährlich das Gemunkel um den Nobelpreis. Dass er den Zurüstungen für die Unsterblichkeit mit der Mimik und Eloquenz eines Stummfilmstars begegnet, hilft nichts: Je nullsilbiger Dylan bleibt, desto stürmischer wird er zurückgeliebt. Für kleinere Haken aber ist er noch immer gut.

Coverversionen zählen nicht unbedingt zur Speerspitze der Innovation, im Regelfall handelt es sich um ebenso kostengünstige wie unambitionierte Maßnahmen, künstlerische Durststrecken zu überbrücken. Seit Dylans Ankündigung, er wolle ein Album mit Sinatra-Songs aufnehmen, wurde über Sinn und Unsinn des Unterfangens spekuliert: Dylan und Sinatra, das geht auf Anhieb nicht zusammen, die Arrangements, die Instrumentierung, das Stimmvolumen, das beträchtlich auseinanderklafft – wäre es möglich, dass er sich diesmal zu viel zugemutet hat? Wir können jetzt Entwarnung geben: Es funktioniert, wenngleich unter verschärften Bedingungen.

Shadows in the Night heißt sein 36. Studioalbum, ein so vielsagender wie irreführender Titel. Die großen Gassenhauer, von Strangers in the Night bis zum totgegrölten My Way, fehlen. Der Versuchung, Sinatra Note für Note nachzusingen, hat Dylan zum Glück gar nicht erst nachgegeben. Auch der Hang zum Kunstgewerblichen, der die Darbietung von Jazz-Standards oft so schwer erträglich macht, bleibt unausgelebt: kein Orchesterschmalz, kein Big-Band-Geschmetter – bis auf einige nachträglich hinzugefügte Bläser begnügt sich Dylan mit dem, was die Fünferbesetzung, mit der er seit Jahr und Tag durch die Lande tourt, an Schlagzeug, Kontrabass und drei Gitarren zustande bringt. Sinatra unplugged: So hat man ihn tatsächlich noch nicht gehört.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Es ist der junge Frank Sinatra, der hier zur Verhandlung steht. Die ersten Erfolge liegen hinter ihm, doch bis zur whiskyseligen Versacktheit seiner Las-Vegas-Phase ist es ein weiter Weg. Dylan hat Nummern aus den Vierzigern und Fünfzigern ausgewählt, die Louis-Armstrong-Komposition That Lucky Old Sun, das durch Billie Holiday bekannt gewordene I’m a Fool to Want You, das schwerblütige Autumn Leaves – Balladen, die Sinatra von einer weniger bekannten Seite zeigen. Dass Dylan im Great American Songbook bewandert ist, überrascht wenig. Der eigentliche Kunstgriff liegt woanders: Dylan singt Sinatra mit der Stimme eines amerikanischen Volkssängers. Das Ergebnis ist keine Sinatra-Hommage, sondern eine Sinatra-Beschwörung.

Neu ist auch das nicht. Immer schon hat er mit den Stimmen anderer gesprochen, ob als Folkie, als elektrisch entflammter Rimbaud oder als rebellischer Wanderprediger. Dylan, der Bauchredner der Tradition: Alles an seiner Musik ist Variation auf Bekanntes, doch nichts bleibt gleich, weil die alten Geschichten neu erzählt werden wollen. Es herrscht Dauerséance in Dylans Geisterrepublik, wenn er gerade nicht zum Blues zurückkehrt, erkundet er verborgenere Winkel des Americana-Kosmos. In den letzten Jahren hat er sich sogar einen gewissen Swing zugelegt, doch welcher Dylan der wahre ist, bleibt wie immer offen. Die Pointe seines Schaffens liegt in der Einsicht, dass "Dylan" selbst nur ein Medium ist: Er spricht in den Zungen einer verschwindenden Welt.

Auf Shadows in the Night macht er uns mit einem Mann bekannt, der Irrwege ging auf seinem Weg zum Erfolg, der mit den Versuchungen der Macht in Berührung kam, fiel, aufstand und wieder fiel, der Glück hatte und in einer einzigen Nacht alles verspielte, aber immer seinem inneren Kompass folgte – ein amerikanisches Märchen, das nicht ganz zufällig an Dylans eigene Karriere erinnert. Vielleicht ist es Sinatra, der hier spricht, vielleicht er selbst, vielleicht auch nur irgendein namenloser nighthawk, der den Barkeeper mit seiner Lebensgeschichte nervt, doch letztlich spielt es keine Rolle. Was in Dylans Welt zählt, ist der Song, nicht der Sänger. Musikalisch allerdings hat er sich noch nie so weit auf schwankendes Gelände vorgewagt.

Dylan und seine Band haben ausnahmsweise geübt, geben ihr Bestes. Bei allem, was sie tun oder lassen, geht es um die Magie des einen Moments, in dem der Geist Sinatras sich zeigt – und doch bleibt das Gipfeltreffen zweier Legenden eine prekäre Angelegenheit. Bang verfolgt man, wie der Alte nach Tönen tastet, ein Tremolo in Angriff nimmt, mit der verwischten Aussprache eines Betrunkenen Song-entscheidende Passagen vernuschelt. Mehr als einmal glaubt man, ihn straucheln zu hören bei seinen Versuchen, ein Material zu bezwingen, das seine stimmlichen Möglichkeiten so eindeutig übersteigt, bevor ihm die Steelgitarre zu Hilfe eilt, das Schlagzeug wieder einsetzt, und der Song mit einem Kontrabassknurren ausklingt.

Dass das Unternehmen, aufs Ganze gesehen, trotzdem begeistert, liegt an Dylans Risikobereitschaft: Angst vor der Blamage haben nur Kleinmütige, der Held triumphiert noch im Scheitern. Gern wollen wir also glauben, was Toningenieur Albert Harry "Al" Schmitt aus dem Studio berichtet: Erwachsene Männer, seine Frau inbegriffen, hätten geweint, als sie das Album testweise vorgespielt bekamen. Das Schönste an diesem Alterswerk jedoch ist, Dylan, den Klassiker mit der versteinerten Miene, noch einmal als Abenteurer zu erleben. Dem Ruhm enteilen wird er damit freilich nicht.