ln der vergangenen Woche hat an dieser Stelle meine Kollegin Khuê Pham für die kontrollierte Legalisierung von Cannabis plädiert. Zum Schluss ihres Petitums hat sie die Politiker aufgefordert, "sich mal etwas (zu) entspannen und ein paar Coffeeshops (zu) genehmigen". Illustriert war der Artikel mit einem gezeichneten Raucher, der sich einen Joint genehmigt, der aus dem Titelblatt der ZEIT gedreht wurde. Die Überschrift lautete: Zeit, was zu drehen.

Ich finde, wenn es um Drogen geht, dann sollten Politiker alles sein – nur nicht entspannt. Genau diese weitverbreitete Verharmlosung von Cannabis ist ja das Problem. Die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) weist in ihrem aktuellen Bericht darauf hin, dass der über Jahre beobachtete Rückgang des Konsums illegaler Drogen (primär: Cannabis) offenbar stagniert oder sich sogar umkehrt. Kurz: Der Drogenkonsum nimmt wohl wieder zu. Zudem stellt die DBDD eine "deutliche Imageverbesserung von Cannabis im Zuge der weltweiten Legalisierungsdebatte" fest. Jetzt die Legalisierung von Cannabis auf die Tagesordnung zu setzen wäre deshalb das vollkommen falsche Signal.

Khuê Pham sorgt sich in ihrem Artikel vor allem um die Freiheitsrechte der saturierten Lifestyle-Kiffer. Auch Politiker, Ärzte und Journalisten kifften, schreibt sie. "Man kann sie nicht umerziehen, und man sollte es auch nicht tun." Der Staat solle die moderne Gesellschaft mit ihrem Hedonismus akzeptieren, statt gegen sie anzugehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Ehrlich gesagt, mache ich mir wenig Sorgen um die wohlsituierten Gelegenheitskiffer, solange sie nicht vollgedröhnt am Straßenverkehr teilnehmen (was leider keine Seltenheit ist). Ich mache mir große Sorgen um die vielen jungen Leute, die durch Cannabiskonsum aus der Bahn geworfen werden. Die in der Schule absacken, deren Entwicklung gestört ist, deren Intelligenz Schaden nimmt, die Psychosen wie etwa Schizophrenie entwickeln, die süchtig werden. Diese Gefahren bestehen nach Ansicht vieler Experten bei regelmäßigem Cannabiskonsum. Als regelmäßige Konsumenten gelten aktuell rund ein Prozent der 12- bis 17-Jährigen und knapp vier Prozent der 18- bis 25-Jährigen. Auf den ersten Blick ist das nicht viel. Aber es bedeutet doch, dass sich jede weiterführende Schule und viele Familien dem Problem des Gewohnheitskiffens stellen müssen.

Viele Jugendliche sind in die Abhängigkeit gerutscht, weil Kiffen in weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert ist. Trotz der zum Teil heftigen gesundheitlichen und sozialen Folgen gilt Cannabis noch immer als weiche Droge. Sein Konsum wird augenzwinkernd hingenommen, wie jüngst das Beispiel des Grünen-Chefs Cem Özdemir zeigt, der demonstrativ neben einer Hanfpflanze posierte. Damit gewinnt er Sympathien bei seiner Klientel. Wer sich hingegen der verdienstvollen Aufgabe annimmt, Jugendliche vom Kiffen abzuhalten, der gilt schnell als Spießer.

Deshalb brauchen wir einen Stimmungswandel in der Gesellschaft, in der Politik, in der Öffentlichkeit gegen die Verharmlosung von Drogen wie Cannabis. Ein Beispiel kann man sich dabei an der Antiraucherkampagne der vergangenen Jahre nehmen. Es ist doch ein Witz, dass mit großem Aufwand ein Feldzug gegen das Rauchen geführt wird, mit Gruselaufklebern auf den Zigarettenschachteln, mit dem Verbot des Rauchens in Gaststätten und öffentlichen Räumen – und gleichzeitig der Cannabiskonsum erleichtert werden soll. Ich muss zugeben, dass mir der Kampf der Gesundheitsapostel gegen das Rauchen oft auf die Nerven ging, obwohl ich Nichtraucher bin. Aber die Kampagne hat gewirkt: Der Zigarettenkonsum ist in Deutschland deutlich zurückgegangen. Unter den Jugendlichen ist der Anteil der Raucher laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 28 Prozent im Jahr 2001 auf 12 Prozent im Jahr 2012 gesunken. Das ist ein wirklich beachtlicher Erfolg. Ähnliches gilt für den Alkoholkonsum.

Rauchen ist unter Jugendlichen uncool geworden, Alkohol zumindest uncooler als früher, welch ein Segen. Ich wünsche mir die gleiche gesellschaftliche Bewegung, das Uncoolmachen, auch für Cannabis und andere Drogen. Ich würde auch schärfere Gesetze und Regelungen unterstützen, die Jugendlichen den Zugang zu Alkohol weiter erschweren. Das wäre meine Antwort auf das Klagen der Kiffer über die Trinker: "Die dürfen das, ihr Heuchler, und wir nicht."

Khuê Pham moniert in ihrem Artikel die Widersprüchlichkeit der Drogenpolitik: "Man darf einen Joint rauchen, das Gras aber weder züchten noch kaufen. Nüchtern betrachtet, ist das ziemlich seltsam." Das stimmt. Das ist der Unterschied zwischen Mathematik und Politik. In der Mathematik muss alles widerspruchsfrei sein. Der Politik aber ist das Widersprüchliche inhärent. Weil unterschiedliche Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen. Weil sich neue Erkenntnisse in einem Politikbereich schneller durchsetzen als in einem anderen. Weil heute Traditionen nachwirken, die nicht mehr allen verständlich sind. Damit muss man leben.

Man muss auch damit leben, dass Antidrogenpolitik, dass der Schutz Jugendlicher vor der Macht der Drogen eine Sisyphusarbeit ist. Drängt man die eine Droge zurück, wird eine andere stärker. Eine drogenfreie Gesellschaft ist sicher eine Illusion, ich weiß nicht einmal, ob sie wünschenswert ist. Dennoch ist es nötig, den Drogenkonsum, vor allem unter Jugendlichen, immer wieder einzudämmen, sonst gibt sich eine Gesellschaft auf.

Das ist anstrengend und lästig, viel mühevoller als das Laisser-faire, aber ich ziehe meinen Hut vor allen, die daran mitwirken.