Sie sagt, stolz noch immer, dass ihr niemand etwas angemerkt hat, die Lehrer ihrer Kinder nicht, ihre Eltern nicht, die Vermieter nicht. Nur ihre Große, die damals sieben, acht, neun Jahre alt war, hat etwas mitbekommen. Aber das erfuhr Nancy Schmidt erst, als es zu spät war.

Nancy hatte tatsächlich ein geregeltes Leben, auf gewisse Weise. Jeden Tag weckte sie pünktlich ihre beiden Kinder, machte ihnen Frühstück und brachte sie zur Schule. Zurück zu Hause, kiffte sie, zum Runterkommen. Geschlafen hatte sie nie viel, das ging nicht gut, wenn man druff war.

An den Vormittagen versuchte sie, alles Notwendige zu erledigen, Einkaufen, Amtswege, Arztbesuche. Jeweils am Abend zuvor hatte sie sich an die Tür ihrer Parterrewohnung Zettel geklebt, auf die sie geschrieben hatte, was zu tun oder besorgen wäre. Sie vergaß trotzdem jeden Tag etwas davon. Oft dachte sie nicht mal dran, ihre Cola zu trinken, obwohl sie sich die Flasche Stunden zuvor extra auf den Tisch gestellt hatte. Auch darin glichen sich die Tage. "Konzentration", sagt sie, "ist ein großes Problem, wenn du druff bist."

Aber das Geschäft hat sie auf die Reihe gekriegt. Es war nicht schwer. Denn die Kunden kamen zu ihr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

In den letzten fünf Monaten vor der Festnahme verkaufte Nancy das Zeug selbst. Die Kunden wussten, wann die Kinder aus dem Haus waren, viele der Kunden waren ja selbst gerade erst dem Schulalter entwachsen. Also riefen sie Nancy vormittags an, oder sie kamen gleich vorbei. Einige wollten nur Stoff für eine Nase voll; 0,1 bis 0,3 Gramm, die Nancy für 10 bis 30 Euro verkaufte. Manche kauften auf Vorrat und wollten ein halbes Gramm, einige ein ganzes.

Die Ware hatte Nancy in Kommission von Sandra, die im selben Haus wohnte. Sandra bekam auch die Einnahmen. Dafür konnte Nancy umsonst ihr Gramm pro Woche haben. Das klappte ganz gut, sieht man einmal davon ab, dass Nancys Nase in den letzten Wochen vor der Festnahme arg zugeschwollen war. Und dass die Polizei ihre Handytelefonate mitgehört hatte. Aber das wusste sie ja nicht.

Am Nachmittag holte Nancy die Tochter und den Sohn aus dem Hort. Sie schaute, dass die beiden ihre Hausaufgaben erledigten, ließ sie spielen, machte Abendbrot.

Wenn es draußen dunkel wurde, trudelten in dem kleinen, gelb verklinkerten Mietshaus in Gera-Zwötzen ihre Freunde ein. Die meisten waren gleichzeitig Kunden. Sobald die Kinder im Bett waren, hackte Nancy mit ihrer Krankenkassenkarte die Kristalle zu Pulver, schob sich daraus auf dem Couchtisch eine Linie zurecht und rotzte sie weg durch einen gerollten Geldschein.

Nancy fand, dass sie auf diese Weise noch etwas vom Tag hatte. Nämlich die Nacht. Sie brauchte dafür nur "was Schnelles". So nennen sie Crystal Meth in Gera.

Nancy, wie ist das, wenn man das Zeug nimmt?

"Man zieht’s durch die Nase. Und da läuft schon so ein schönes Tränchen an einem Auge runter. Dann geht’s gleich auch los. Hinten an der Kehle ein komischer Geschmack, so total bitter. Und dann fängste an mit Schwitzen. So ein kalter Schweiß kommt dann. Überall. Der bricht am ganzen Körper aus. Ich hatte immer ein kleines Handtuch da liegen, für die Hände. Schon deswegen hab ich drauf geachtet, dass die Kinder nicht in der Nähe sind. Ich wollte keinen berühren."

Aber das klingt doch unangenehm: bitter, kalter Schweiß, überall?

"Ich fand’s aber angenehm! Allein für das Tränchen hatte es sich schon gelohnt."

Und das ist alles?

"Na ja, es löst Glücksgefühle aus. Da könntste Bäume ausreißen. Man ist auf jeden Fall leistungsfähiger. Solange es noch wirkt, jedenfalls. Am Ende hat’s bei mir nicht mehr so gewirkt. Ich konnte zuletzt sogar auf Droge essen."

Nancy ist jetzt 35 und sieht auch ungefähr so alt aus. Das dürfte nach allem, was vorher über Crystal Meth zu erfahren war, gar nicht sein. Das Rauschgift Methamphetamin, das man in seiner kristallinen Form schnupfen und aufgelöst spritzen oder schlucken kann, soll Gehirnzellen schneller zerstören als viele andere Drogen; die Sucht danach soll den Körper rasend altern lassen.

Nancy hat 14 Jahre lang Crystal genommen. Sie müsste wie eine verlebte Frau von Mitte 50 aussehen, zahnlos, die Gesichtshaut zerfurcht, von Wunden zerfressen. Man kennt diese Vorher-nachher-Fotos aus den USA, The Faces of Meth, die Gesichter von Crystal. Ein Sheriff aus Multnomah County in Oregon hat sie 2004 veröffentlicht, um in den Schulen seiner Gegend vor der Droge zu warnen. Die Süchtigen von den Polizeifotos hatten bloß ein paar Jahre Meth-Konsum hinter sich. Sie sahen aus wie Zombies in Horrorfilmen. Durch das Internet kennt sie die ganze Welt.

Doch irgendwie scheinen die Bilder nicht abzuschrecken. Es probieren ständig mehr Deutsche Crystal. 2.746 Konsumenten erwischte die Polizei im Jahr 2013 das erste Mal mit der Droge, im Jahr davor waren es 2.556 neue Auffällige, 2011 nur 1.693. Womöglich bilden die Fotos und Nachrichten nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Bloß, welchen lassen sie dann weg?