DIE ZEIT: Wann waren Sie zuletzt in einem quartier populaire?

Patric Jean: Eine Woche nach dem Anschlag, in Amiens, in Nordfrankreich. In der Siedlung hat sich nichts geändert, seitdem ich dort gedreht hatte, außer dass in der angrenzenden Industriezone Fabriken geschlossen wurden. Jetzt gibt es noch mehr Arbeitslose.

ZEIT: Hat sich die Stimmung in diesen Vorstädten seit dem Anschlag verändert?

Jean: Nein. Die Leute dort kämpfen ums Überleben. Das Attentat gegen Charlie Hebdo hat das weiße, gebildete Bürgertum getroffen, Leute wie Sie und mich. Für uns stand die Welt still. Aber nicht für die Leute, die jeden Tag schauen müssen, wie sie ihren Kindern ein Essen auf den Tisch stellen.

ZEIT: Frankreich ist also doch nicht so geeint?

Jean: Das sah man ja an der großen "Je suis Charlie"-Demonstration. Da war vor allem die weiße Bourgeoisie unterwegs, auch wenn die Kameras ab und zu Migranten ins Bild gerückt haben. Das war nicht die Veranstaltung aller Franzosen, wie die Politiker behaupten.

ZEIT: Sie kannten die getöteten Journalisten persönlich. Waren Sie auf der Demonstration?

Jean: Nein, ich fand diese Demonstration scheinheilig. Die haben sich Politiker unter den Nagel gerissen, die gewiss nicht die Freunde von Charlie Hebdo waren und die zum Teil seit Jahren ein negatives Bild von Immigranten zeichnen. Das Attentat war Wasser auf deren Mühlen.

ZEIT: Wollten Sie nicht für Meinungsfreiheit demonstrieren und Ihre Trauer zeigen?

Jean: Doch, parallel zur offiziellen Demonstration gab es in Paris eine Alternativveranstaltung, auf der ich war. Auf der wurde nicht die Marseillaise gebrüllt, und es gab keinen patriotischen Gefühlstaumel.

ZEIT: Sie sagen, mancher in den Banlieues sorgt sich ums Essen. Gibt es da Kinder, die hungern?

Jean: In den schlimmsten Ecken, ja. Mir haben Lehrer erzählt, dass ihnen Schüler im Unterricht ohnmächtig geworden sind. Das geschieht zum Monatsende hin, wenn das Geld alle ist. Man muss sich nicht wundern, wenn islamistische Fundamentalisten Suppe verteilen. Was übrigens Rechtsextreme in anderen Gegenden ebenso machen.

ZEIT: Wurden diese Vorstädte für die Migranten gebaut?

Jean: Nein, sie sind das Resultat einer Wohnungsnot in den fünfziger und sechziger Jahren. Da gab es zunächst einmal innerhalb Frankreichs die Landflucht. Dann kamen die Gastarbeiter aus dem Maghreb und anderswo hinzu, die Mitte der Siebziger ihre Familien nachholen durften. Und so stampfte man in der Nähe von Industriegebieten Hochhäuser aus dem Boden, in denen Tausende von Leuten unterkommen konnten. Die Migranten wohnen da, weil sie sich die Miete woanders nicht leisten können.

ZEIT: Wie muss man sich das Leben junger Leute dort vorstellen?

Jean: Da ist einmal diese monotone Architektur, die keine Orte der Begegnung bietet. Manche Viertel haben ein Veranstaltungszentrum, das aber abends schließt. Oft gibt es nichts, kein Kino, kein Bistro, keinen Musikclub, keine Bibliothek. Manchmal stellen Sozialarbeiter etwas auf die Beine, zum Beispiel Filmabende mit Diskussion, zu denen ich eingeladen werde.

ZEIT: Können die Jugendlichen nicht in die Innenstadt fahren?

Jean: Viele Metrolinien enden interessanterweise kurz vor diesen Vierteln. Busse fahren, aber nicht so häufig. Oft geht die letzte Tour zurück um 21 Uhr.

ZEIT: Was machen die Jugendlichen dann?

Jean: Entweder laufen sie kilometerweit aus der Innenstadt nach Hause, oder sie bleiben gleich in ihren Vierteln. Sie treffen sich abends in ungeheizten Kellerräumen, um Tischfußball zu spielen oder Musik zu hören. Wir sind wie Ratten im Kellerloch, hat mir ein junger Maghrebiner gesagt.