Mark Jerry hätte alles Recht der Welt, sich von der weißen Zeltstadt am Rand von Liberias Hauptstadt Monrovia fernzuhalten. Doch er kam zurück. Als Überlebender stand er zwei Wochen nach seiner Entlassung vor den Toren des Behandlungszentrums von Ärzte ohne Grenzen (MSF) und nahm den Kampf gegen Ebola auf, die Seuche, die sein Land verwüstete, ihm alles nahm und ihn mit seinem Leben zurückließ. Vor dem Ausbruch der Epidemie verkaufte der 36-Jährige Handys. Aber das war eine andere Zeit, ein anderes Land, für ihn und viele der 16 Millionen Einwohner von Liberia, Sierra Leone und Guinea. Heute arbeitet Jerry in einem Behandlungszentrum von MSF in Monrovia. Seine Aufgabe: Hoffnung verbreiten.

In Westafrika ist Ebola auf dem Rückzug. Liberia berichtete zuletzt von lediglich einer Handvoll Patienten, die noch behandelt werden. Auch in den anderen beiden betroffenen Ländern gehen die Fallzahlen zurück, langsam, aber sicher. 22.057 Infizierte haben die Behörden bis zum 27. Januar gezählt, 8.795 Menschen starben nach offiziellen Angaben an dem Virus. Rund 3,6 Milliarden Euro hat der Einsatz bislang gekostet.

Besiegt sei Ebola in Westafrika zwar noch lange nicht, aber die Wende im Kampf gegen das tödliche Virus sei geschafft, sagte Margaret Chan, die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, in der vergangenen Woche. Mittlerweile schaffen es zumindest Sierra Leone und Guinea, alle Ebola-Toten so zu bestatten, dass von den Leichen keine Gefahr ausgeht, und alle potenziellen Kontakte von Erkrankten innerhalb der Inkubationszeit von 21 Tagen auf Symptome zu kontrollieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Je mehr das Chaos und die Panik einem organisierten Kampf weichen, desto wichtiger werden Menschen wie Mark Jerry, die Ebola überlebt haben. Obwohl rund die Hälfte aller Behandelten nicht an dem Virus stirbt, gilt vielen Westafrikanern eine Diagnose noch immer als sicheres Todesurteil. Überlebende arbeiten für die WHO und das Rote Kreuz, sie verfolgen Kontakte von Erkrankten, sie können motivieren und schenken Hoffnung, weil sie selbst das durchgemacht haben, was die Patienten in den Behandlungszentren erleben. Sie können das Stigma bekämpfen, das mit Ebola verbunden ist, und das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. Sie sind immun gegen das Virus und brauchen im Umgang mit Kranken nur leichte Schutzkleidung, die sie vor anderen Erkrankungen wie etwa HIV oder Tuberkulose schützt. "Wenn wir diese Leute ausbilden, nutzt uns das beträchtlich", erklärt Zena Stein, pensionierte Professorin an der New Yorker Columbia University. Die Epidemiologin veröffentlichte im International Journal of Epidemiology vor Kurzem einen Aufsatz zum Thema.

Mark Jerry infizierte sich im September mit Ebola, er hatte sich bei seiner Frau angesteckt. Sie starb, ebenso wie seine Tochter, seine Schwester, seine Mutter, sein Stiefsohn. Trotzdem: "Als MSF mich anrief und fragte, ob ich für sie arbeiten wolle, sagte ich sofort zu", erzählt Jerry heute am Telefon. Er hat seinen Arbeitstag gerade beendet, der von 9 bis 17 Uhr dauert. Dank seiner Immunität kann er direkt in der Hochsicherheitszone arbeiten. "Wenn ich morgens ins Behandlungszentrum komme, sehe ich die Patienten. Einige sind sehr schwach, ich versuche, sie zum Essen und zum Trinken zu motivieren", sagt er. Selbst wenn sein Beitrag zur Pflege nur minimal erscheint, ist er wichtig. Viel wichtiger ist allerdings, dass er mit seiner Überlebens-Geschichte den Kranken Hoffnung spendet. Seine Erfahrung ist Jerrys wichtigstes Werkzeug.