Joschka Fischer, der ehemalige deutsche Außenminister, hat ein lesenswertes Buch geschrieben: Scheitert Europa? Ich teile zwar nicht alle seine Ansichten, aber mich beeindrucken die staatsmännischen Begründungen seiner Ideen. Von großem Interesse ist da vor allem das Kapitel über die Beziehungen mit Russland, das durch Klarheit, Mut und Weitsicht besticht.

Auch dort, wo Fischer für ein europäisches Deutschland plädiert, um kein deutsches Europa zu haben, zeigt er eine bemerkenswerte Überzeugungskraft. Es ist dieselbe Kraft, die ich bei zwei Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl gespürt habe: Als er privat bei Bundesrat Flavio Cotti zu Besuch war und als ihm die Mailänder Università Cattolica den Ehrendoktortitel verlieh.

Mutig sind auch die Worte von Joschka Fischer, mit denen er das Ende – ich meine das Versagen – des europäischen Konstruktivismus erklärt. Erfunden hatte ihn der französische Wirtschaftsberater Jean Monnet. Fischers Urteil ist so einprägsam, dass ich den Text hier wiedergebe:

"Die bisher erfolgreiche Methode Monnet – 'der Weg ist das Ziel', während man die Ausgestaltung des Zieles auf später vertagt, d. h. schrittweises Vorantreiben der politischen Integration durch weitere wirtschaftliche Marktintegration, ohne sich dabei allzu große Gedanken über die Form der endgültigen Ausgestaltung der Union zu machen (Finalität) – hat, auch das eine Erkenntnis der jüngsten Krise, ihren Endpunkt erreicht.

Es ist heute sichtbar, dass mittels der tradierten Methode Monnet weder das Legitimitätsdefizit der europäischen Institutionen geschlossen noch der Schritt zu einer europäischen Demokratie wirklich gemacht werden kann, da sich diese Methode ganz offensichtlich in einem Zirkelschluss verfangen hat: Je weiter die Marktintegration voranschreitet, die ja fast der alleinige Hebel der Integration ist, desto mehr droht dieser durch immer mehr Bürokratie "überlastet" zu werden und so die politischen Widerstände gegen die Integration noch zu verstärken, dass Brüssel immer tiefer in den Alltag der Bürger 'staatsgleich' einzugreifen scheint, ohne dass die Bürger das Gefühl der demokratischen Beteiligung oder gar Kontrolle haben. Für die Bürger ist aufgrund ihrer Alltagserfahrung mit Europa bereits heute 'der Weg nicht mehr das Ziel', sondern sie vermeinen schon die Folgen einer Finalität zu verspüren, die sie weder kennen noch demokratisch kontrollieren."

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Schweiz-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Kurzum: Wenn etwas nicht mehr funktioniert, muss man den Mut, die Kraft und die Ehrlichkeit aufbringen, den Misserfolg einzugestehen – und andere Wege zu suchen. Ein Staatsmann wie Fischer begreift das. Leider aber nicht die Bürokraten, die auf ihre Macht nicht verzichten wollen, und die Regierungsmitglieder, die stets auf die nächste Wahl schielen. Als Vorbild für die politische Integration Europas sieht Fischer den "viersprachigen Vernunftsstaat Schweiz". Er gibt sich aufrichtig Mühe, die Ablehnung der EU seitens der Schweizer Bevölkerung und das Gefühl des "Andersseins" zu verstehen.

Ja, die Gedanken des ehemaligen Außenministers von Deutschland sollten der Schweizer Elite, die für den EU-Beitritt plädiert, zu denken geben. Denn die Konstruktion der EU ist offensichtlich zu wenig demokratisch. Gerade die heutige Situation böte die Gelegenheit, in Brüssel oder in den Ländern der EU Alliierte zu finden, die für ein anders gebautes Gebilde in Europa zu haben wären; für eine Struktur, die tatsächlich jener der Schweiz ähnelt. Denn die unbestrittene Krise Europas lässt sich nur überwinden, wenn die falschen Lösungen von früher, die ohne demokratische Kontrolle funktionieren, überwunden werden.

Liest man Fischers Buch, so wünscht man sich einen wie ihn als Verhandlungsführer der EU. Unsere Verhandlungen mit Brüssel wären nicht weniger hart, aber sie würden sich wenigstens auf einem anderen Niveau bewegen.