Mark, endlich wird sich die Welt darüber bewusst, wie schädlich die wachsende Ungleichheit ist. In den USA will Präsident Barack Obama die soziale Schieflage im Land entschlossener bekämpfen. Und selbst beim Treffen der Finanzeliten in Davos war die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ein bestimmendes Thema. Das ist überfällig, denn alle Studien zeigen: Driften die Einkommen zu weit auseinander, gefährdet das nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern bremst auch das Wachstum.

Es ist schon eine Ironie, dass ausgerechnet in diesem Moment die Europäische Zentralbank beschließt, im großen Stil Staatsanleihen zu kaufen. Es soll hier gar nicht um die Frage gehen, ob das Programm zielführend ist oder nicht. Das ist schwer zu prognostizieren und hängt von vielen Faktoren ab – ich neige eher zur Skepsis. Mir geht es um eine entscheidende Nebenwirkung des Programms: Es wird die Reichen noch reicher machen und das ohnehin wachsende Problem der Ungleichheit in Europa verschärfen.

Man sieht die Wirkung schon jetzt an den Märkten: Durch die zusätzlich geschaffene Nachfrage sinken die Zinsen am Anleihemarkt. Viele Anleger schichten deshalb ihr Vermögen um und kaufen Aktien oder Immobilien, was die Kurse nach oben treibt. Wer Aktien oder Immobilien besitzt, wird also durch die Aktion der Zentralbank noch wohlhabender als bisher.

Das wäre kein Problem, wenn solche Besitztümer gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt wären. Du weißt aber wie ich, dass dem nicht so ist. Gerade in Deutschland wohnt der größte Teil der Menschen zur Miete. Und Aktienbesitz ballt sich in Deutschland traditionell am oberen Ende der Einkommensskala. Der Normalbürger hat sein Geld auf einem Sparkonto und muss schon seit Jahren hinnehmen, dass die Niedrigzinsen im Wechselspiel mit der Inflation sein Erspartes und seine Altersvorsorge auffressen. Er verliert in Zukunft doppelt: Die Zinsen werden niedrig bleiben, und wenn es schlecht läuft, steigen durch den künstlich angefachten Immobilienboom sogar die Mieten.

Seit dem Ausbruch der Krise vor mehr als sechs Jahren folgt die Rhetorik einer Notstandslogik. Das Motto der Rettungspolitik lautete: Wir müssen erst mal für Wachstum und Stabilität sorgen – um die Gerechtigkeit kümmern wir uns später. Das war bei der Bankenrettung so, als die Portfolios der Anleger mit Steuergeld geschützt wurden. Und es verhält sich nun ähnlich bei den schädlichen Verteilungswirkungen der Geldpolitik.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Das Problem an dieser Argumentation ist, dass sie davon ausgeht, dass wir es mit einem zeitweiligen Problem zu tun haben. Diese Krise aber ist chronisch, und wenn sie mit den bisherigen Mitteln gelöst wird, bleibt die Geldpolitik locker und die Gerechtigkeitsfrage akut. Es wird Zeit, sich jetzt darum zu kümmern.

Natürlich ist das nicht Aufgabe der EZB, sondern der Regierungen. Die Zentralbank aber legt ihre Geldpolitik für den gesamten Währungsraum fest, also für 19 Länder. Sie hat keinen ähnlich starken politischen Widerpart auf europäischer Ebene, der die Ungerechtigkeiten ausbügeln könnte. Deshalb wird es Zeit, der Ungleichheitsdebatte Taten folgen zu lassen – und einen Alternativplan zu der Politik des billigen Geldes zu entwerfen. Dein Philip

Lesen Sie hier die Antwort von Mark Schieritz.