DIE ZEIT: Am Wochenende startet die Bundesliga nach vierwöchiger Pause in die Rückrunde. Reicht diese Zeit für die Spieler aus, um ihre Akkus wieder aufzuladen?

Frank Schneider: Entschuldigen Sie bitte, aber die Formulierung "Akkus aufladen" ist völlig daneben. Ich weiß, sie wird im Sport häufig verwendet. Aber so ist der Mensch nicht gebaut, er hat keinen Akku, den man einfach wieder aufladen kann.

ZEIT: Sondern?

Schneider: Er sollte sich ablenken, um auf andere Gedanken zu kommen. Möglicherweise erhöht das dann die Lust am Job. Vielleicht hat der ein oder andere Spieler ein bisschen auf Familie gemacht, hat sich neue Dinge angeschaut oder ist in Urlaub gefahren. Dann behauptet man, wieder fit zu sein. Sie kennen das ja von sich selbst, meist ist man nach solchen Phasen am Anfang weniger konzentrationsfähig als zuvor.

ZEIT: Das bedeutet, um das maximale Leistungsniveau zu erhalten, sollte in der Liga wie in England oder Spanien die Pause abgeschafft und durchgespielt werden?

Schneider: Für die Konzentrationsfähigkeit wäre das vielleicht gar keine schlechte Idee, obschon sich Zeiten der Anspannung und der Entspannung in einem guten Verhältnis zueinander befinden müssen. Aber es gibt nun mal Erwartungen von der Familie, die Spieler haben Frauen oder Freundinnen, die sich ohnehin oft einsam fühlen. Viele Spieler, die ich hier in der Klinik behandelt habe, erzählen mir, die Weihnachtszeit ende häufig im Streit. Sie sind mit dem Erfüllen der angestauten Erwartungen, ihren eigenen und denen von anderen, überfordert. Aber auch das sind keine Erfahrungen, die ein Fußballer exklusiv gebucht hat.

ZEIT: Sind neben der sportlichen Attraktion die persönlichen Dramen in der Rückrunde also bereits programmiert?

Schneider: Natürlich. Persönliche Dramen wird es immer geben. Sie als Journalisten beschäftigen sich doch täglich mit diesem Geschäft. Ich bin kein richtiger Fußballfan, meine Liebe gehört dem Reiten. Mein Kontakt in die Welt des Fußballs ist ein rein beruflicher. Ich helfe denjenigen, deren Psyche erkrankt.

ZEIT: Woran leidet die Seele eines Profis?

Schneider: An Angstzuständen, sie werden depressiv oder haben eine Zwangserkrankung. In letzter Zeit nehmen Suchterkrankungen zu.

ZEIT: Wonach sind die Sportler süchtig?

Schneider: Sie verlieren sich im Casino, werden spielsüchtig, konsumieren Alkohol, aber auch andere Drogen wie Cannabis oder Kokain.

ZEIT: Ist Drogenkonsum unter Fußballprofis verbreitet?

Schneider: In seltenen Fällen geschieht das nach der aktiven Karriere. Vor wenigen Monaten haben wir hier in der Klinik einen 50-jährigen, drogenabhängigen Ex-Spieler behandelt, der den Anschluss an die Gesellschaft nicht mehr geschafft hat.

ZEIT: Warum sind Fußballer anfällig für Suchterkrankungen?

Schneider: Weil viele von klein auf den Kick leben. Das können Sie in besonders emotionalen Situationen beobachten, wenn ihnen was besonders geglückt ist und sie theatralisch die Zunge der Kamera entgegenstrecken oder mit der Faust auf ihr Vereinsemblem schlagen. Fußballer suchen den ständigen Ausstoß von Adrenalin. Ist die Karriere dann zu Ende, oder hängt sie durch, dann suchen sie Ventile außerhalb des Spielfeldes.

ZEIT: Kann ein Spieler die Vielzahl an Reizen, die auf ihn während der Karriere einwirkt – die Erwartungen der Fans, der Presse, des Vereins also –, überhaupt verarbeiten? Oder ist ein Zusammenbruch nur die logische Konsequenz aus dieser Reizüberflutung?

Schneider: Unterschätzen Sie die menschliche Seele nicht! Der Mensch hält viel mehr aus, als man denkt. Und: Allzu groß scheint mir die psychische Belastung im Fußball nun auch wieder nicht. Vergleichen Sie doch mal den Druck, dem eine Leistungsschwimmerin ausgesetzt ist, mit dem eines Fußballers. Ihr Schicksal scheint mir größer als das eines Fußballers. Sie ackert täglich fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit mit wenig Geld und hat genau einmal in vier Jahren die Chance zum großen Durchbruch: wenn sie bei den Olympischen Spielen auf den Startblock klettert. Ein Fußballer hingegen kann jede Woche neu sein Können beweisen.

ZEIT: Der muss jedoch immer häufiger bereits im Kindesalter den Erfolg verkraften, sich Fragen der Bewunderung stellen und trotzdem noch geerdet bleiben.

Schneider: Das müssen junge Künstler auch.

ZEIT: Sie scheinen kein großes Mitleid mit Fußballspielern zu haben.

Schneider: Ob ich Mitleid habe oder nicht, das ist doch völlig uninteressant. Ich bin kein Idealist, werde das System Fußball, aufgestellt zwischen Dorfmannschaft und Fifa, nicht verändern können. Außerdem mag ich keine Pauschalisierung, Sie müssen sich die Mühe machen, jeden Fall einzeln zu betrachten.

ZEIT: Dann widmen wir uns mal dem Drama der Vorrunde. Borussia Dortmund ist innerhalb von 18 Monaten vom Finalteilnehmer der Champions League in den Keller der Tabelle abgestürzt, momentan belegen sie den vorletzten Platz, punktgleich mit dem Letzten, SC Freiburg. Was ist schiefgelaufen?

Schneider: In dieser Fragestellung liegt bereits ein großes Missverständnis. Menschen tendieren immer dazu, eine Entwicklung mit der Konsequenz eines bestimmten Fehlverhaltens zu begründen. Die Mannschaft war top, jetzt ist sie es nicht mehr. Also muss das entweder daran liegen, dass sich der Trainer Jürgen Klopp die Haare einpflanzen ließ oder die Brille wechselte oder nicht mehr an der Seitenlinie so kraftvoll schreit wie früher.

ZEIT: Woran liegt es Ihrer Meinung nach?

Schneider: Fußball ist wahnsinnig komplex. Das macht ihn so faszinierend. Jeder Verein dieser Welt, ist er auch noch so erfolgreich, kann baden gehen. Das liegt aber nicht an den Haaren des Trainers, da müssen andere Dinge gleichzeitig falsch laufen. Das wiederum bekommen wir aber nicht mit, denn ein Verein ist eine Blackbox, das Innere wird wie in vielen Firmen peinlichst geheim gehalten, manche Zusammenhänge sind aber oft auch für die Beteiligten nicht offensichtlich. Das Zusammenspiel aus den Fehlern kann dann zu einer Negativspirale führen, die nur schwer aufzuhalten ist.