An der Wand des Versammlungsraums der Altun Gleis- und Tiefbau GmbH in Duisburg-Rheinhausen, eines Betriebs mit 80 Mitarbeitern, prangt ein Satz von Novalis: "Idealist sein heißt Kraft haben für andere." Gleich daneben hat der Prophet Mohammed das Wort: "Der beste Mensch ist der, der den Menschen am nützlichsten ist."

"Das ist mein Leitspruch", sagt Abdullah Altun, der Gründer und Chef des Unternehmens. Es sei ihm egal, wer was gesagt habe, "Hauptsache, es hilft". Altun ist 48 Jahre alt, breite Schultern, dunkelgrauer Anzug, die Haare straff nach hinten gekämmt. Er führt uns durch den Betrieb, erklärt, wie Gleise, Schienen und Schwellen repariert werden.

Am Ende bleibt er vor einem gerahmten Foto stehen. Es zeigt Aydan Özoğuz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, wie sie ihm im vergangenen November die "Integrationsmedaille" überreicht. Er bekam die Auszeichnung, weil er in seinem Unternehmen auch schlechte Hauptschüler ausbildet, unter ihnen viele Einwandererkinder.

Einen Monat zuvor hatte Aydan Özoğuz in Berlin ihren Migrationsbericht vorgestellt: Demnach haben 30 Prozent der jungen Erwachsenen ohne deutsche Staatsangehörigkeit keinen Berufsabschluss, dreimal mehr als Deutsche. Eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahre sei es, mehr junge Migranten in ein Ausbildungsverhältnis zu führen. Immer noch gebe es Unternehmen, die türkischstämmige Bewerber allein wegen ihres Namens abwiesen. Im Januar 2015 erschien eine Bertelsmann-Studie, laut der 60 Prozent der Betriebe noch nie einen Lehrling mit ausländischen Wurzeln eingestellt haben.

Abdullah Altun macht es seit Jahren anders. Duisburg ist ein guter Ort dafür. 500 000 Einwohner, jeder dritte stammt aus dem Ausland. 12,5 Prozent Arbeitslose in der Stadt, mit die höchste Quote im Westen der Republik. Unter den Einwanderern ist sie noch höher.

Altun bittet uns zu Tee und Gebäck und erzählt seine Geschichte.

Er war zwölf Jahre alt, als er 1978 Kayseri verließ und mit der Mutter und seinen beiden Brüdern nach Deutschland kam, dem Vater hinterher, der zuerst Müllmann in Biberach gewesen war und dann zu Krupp nach Duisburg ging, an den Hochofen. Die deutsche Hauptstadt hieß damals noch Bonn, und die Türken waren Gastarbeiter, überall gebraucht, nicht überall gewollt.

Der junge Abdullah ging anderthalb Jahre lang in die Vorbereitungsklasse für Türken, dann in die siebte Klasse der Hauptschule. An seinen Klassenlehrer erinnert er sich gut, nach all den Jahren noch. Vogel hieß er, er gab den türkischen Kindern, es waren nur sieben in seiner Klasse, nachmittags Deutschunterricht, privat. Was für eine Chance! Abdullah Altun lernte schnell, war bald Klassenbester, machte einen guten Abschluss und hatte die Wahl zwischen einer Lehre bei der Deutschen Bahn als Gleisbauer oder bei einem Radio- und Fernsehtechniker. Sein Lehrer sagte, fang bei der Bahn an, das ist sicher. Abdullah Altun schloss die Ausbildung mit hervorragenden Noten ab, wurde Polier. Er wollte noch weiter nach oben, sein Chef sagte: Mach dich selbstständig.

Im Jahr 1999 wagte er es. Fünf Mitarbeiter hatte er anfangs. Sein erster Lehrling war ein Neffe, der keinen Job fand. Es kamen mehr und mehr Bewerber, jetzt sind es 100 im Jahr, zehn davon nimmt er. 90 hat er insgesamt ausgebildet, die meisten aus türkischen Elternhäusern, auch einige Deutsche.

Viele, die zu ihm kommen, haben anderswo keine Chance. Altun gibt ihnen eine. Noten interessieren ihn weniger als Fleiß. Deshalb steht am Anfang ein Praktikum. Er bindet die Eltern ein, sagt ihnen, sie sollen ihn anrufen, wenn sie mitbekommen, dass ihr Kind die Berufsschule schwänzt. Er lässt die Jugendlichen nicht in Ruhe, er kreuzt bei ihnen zu Hause auf, in der Berufsschule, redet ihnen ins Gewissen, wenn sie Schwäche zeigen. Hört man ihm zu, klingt er mal wie ein Firmenchef, mal wie ein strenger Sozialarbeiter.