Die Siegesmeldung kam, wie in diesen Zeiten üblich, per Twitter: "Glückwunsch an die Menschheit, an Kurdistan und an die Einwohner von Kobani anlässlich der Befreiung von Kobani", schrieb der Sprecher der YPG, der Kurdischen Volksschutzeinheiten, am Montag dieser Woche.

Kobani – der Name war schon fast wieder aus den Schlagzeilen gerutscht. Mitte September vergangenen Jahres war der "Islamische Staat" siegessicher auf die kurdische Stadt im äußersten Norden Syriens vorgerückt. Internationale Kamerateams auf der türkischen Seite der Grenze übertrugen live den scheinbar aussichtslosen Abwehrkampf. Der Fall der Stadt schien nur noch eine Frage von Tagen, da tauchten am Himmel amerikanische Kampfbomber auf. Die USA griffen erstmals militärisch in den Krieg in Syrien ein – nicht gegen das Regime von Baschar al-Assad, sondern gegen das Kalifat des Abu Bakr al-Bagdadi.

Jetzt, nach vier Monaten Belagerung durch die Dschihadisten, ist Kobani offenbar wieder unter Kontrolle der YPG. Über 1.000 Mann soll der IS beim Kampf um Kobani verloren haben. Auf den Trümmern der Stadt soll es Anfang der Woche Freudentänze gegeben haben. Karikaturen zeigen den IS nun als Hahn mit Bart und schwarzem Turban, der, nackt und blutig gerupft, davonrennt. Die Rückeroberung von Kobani, so triumphieren kurdische Politiker, sei "der Anfang vom Ende des Islamischen Staates". Das ist allerdings eine sehr kühne Voraussage.

Die Rückeroberung von Kobani beweist zunächst eines: Zum ersten Mal hat die Allianz zwischen amerikanischer Luftwaffe und einheimischen Bodentruppen dem IS in Syrien eine deutliche Niederlage beigefügt – aber erst nach erheblichen Anfangsschwierigkeiten und nur unter enormem und zerstörerischem Aufwand. Zehntausende Flüchtlinge waren im vergangenen Herbst binnen weniger Wochen aus Kobani über die Grenze in die Türkei geströmt. Viele werden vorerst bleiben müssen, weil weite Teile der Stadt in Trümmern liegen und IS-Einheiten immer noch umliegende Dörfer beherrschen. Über 700 Kampfeinsätze mussten die USA fliegen, um die Ausdehnung des selbst ernannten Kalifats bis direkt an die türkische Grenze zu stoppen. Und die Bodenoffensive kam erst richtig in Gang, als die syrischen Kurden Hilfe von außen erhielten: von Einheiten der türkisch-kurdischen PKK, der sie ohnehin sehr nahe stehen; von gut ausgerüsteten irakisch-kurdischen Peschmerga, mit denen sie bislang notorisch zerstritten waren; und von Rebellen der Freien Syrischen Armee, mit denen sie bisher ein höchst angespanntes Verhältnis pflegten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Diese Aufzählung passt vielleicht nicht ganz zum Mythos des kurdischen David gegen den Kalifat-Goliath, der in den vergangenen Monaten von den YPG, aber auch von den internationalen Medien geschaffen worden war. Doch sie unterstreicht, dass jeder Teilerfolg gegen den IS auf einer fragilen Allianz beruht, deren Fortbestehen keineswegs garantiert ist.

Die Feindschaften zwischen kurdischen Fraktionen in der Türkei, in Syrien und im Irak sind alt. Sie beruhen auf ideologischen Differenzen, überdimensionierten Egos ihrer Führer und deren Anspruch, der erste und einzige Vater des gesamtkurdischen Traumes zu sein: der Gründung eines eigenen Staates.

Im Nordirak ist es den Kurden gelungen, unter der Führung des derzeitigen Präsidenten Massud Barsani einen De-facto-Staat zu etablieren. Die Autonome Kurdische Region ist der einzige irakische Landesteil, in dem seit einigen Jahren Ruhe herrschte und die Wirtschaft boomte. Syriens Kurden nutzten die Wirren des Aufstands gegen das Assad-Regime und die tatkräftige Mithilfe der türkisch-kurdischen PKK, um 2013 an der Grenze zur Türkei drei kurdisch dominierte Gebiete, darunter Kobani, als autonome Region Rojava auszurufen. Vom Bürgerkrieg anfangs einigermaßen verschont, versuchen politische Parteien und Zivilgesellschaft hier eine halbwegs demokratische Selbstverwaltung. Das Experiment ist angesichts der militärischen und politischen Übermacht PKK-naher Gruppen mit Vorsicht zu genießen. Aber es ist das einzige größere dieser Art in ganz Syrien.

Für Massud Barsani jedoch stellte der Vorstoß der syrischen Kurden zunächst ein Konkurrenzprojekt dar, dem er unter anderem mit Grenzblockaden begegnete. Erst durch die Eroberungszüge des IS, der 2014 fast bis ins kurdisch-irakische Erbil vorrückte, bevor er auf Kobani marschierte, fanden die verfeindeten kurdischen Fraktionen zueinander.