Nach dem Pariser Anschlag vom 7. Januar tauchte im Internet ein mit dem Handy gedrehtes Acht-Sekunden-Video auf, das in seiner Harmlosigkeit und Beiläufigkeit schon viel vom Pop des islamistischen Krieges abbildete: Es zeigte Chérif Kouachi, den jüngeren der beiden Kouachi-Brüder, im Jahr 2005, als er sich als Rapper versuchte oder zumindest der Hip-Hop-Szene nahestand. Mit einem schwarzen T-Shirt bekleidet, läuft er eine Straße hinunter – er läuft nicht, er "sneakt", er begrüßt einen homie, der eine Kappe und eine fette Silberkette über dem schwarzen T-Shirt trägt, die beiden lachen, flachsen, kreuzen die ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger in Hip-Hop-Manier vor dem Oberkörper. Das Hängen, der hustle, das Abklatschen, der wiegende, schlendernde Gang, das Ausstellen der Oberarme – das alles sind Codes und Körpersignale, die ursprünglich aus dem amerikanischen Westküsten-Hip-Hop der neunziger Jahre stammen, etwa von Dr. Dre, Tupac Shakur und Cypress Hill. Mittlerweile werden die Coolness und Körpersprache des Westküsten-Hip-Hop überall in Europa, auf Schulhöfen, in Diskotheken und Fußgängerzonen, kopiert, sie wurden zum bestimmenden Pop-Code in der westlichen Welt.

Was hat es zu bedeuten, dass einer der beiden Pariser Attentäter, zehn Jahre bevor er als islamistischer Terrorist zwölf Menschen erschoss und zehn weitere verletzte, sich als Rap-Künstler versuchte? Zunächst einmal bedeutet es, dass die jungen Männer, die heute in Europa Anschläge begehen oder von Europa nach Syrien ausreisen, um dort am Terrorkrieg des IS teilzunehmen, nicht aus einer fernen Parallelwelt stammen, sondern aus der Mitte der westlichen Gesellschaft, sie sind oder waren in ihrer Jugend ein Teil der westlichen Popkultur. Chérif Kouachi ist nicht der einzige Dschihadist mit einer Hip-Hop-Vergangenheit. Der aus England stammende IS-Kämpfer Abdel-Majed Abdel Bary, der mit der auf Video festgehaltenen Hinrichtung des US-Journalisten James Foley im August letzten Jahres für Entsetzen sorgte, hatte unter dem Künstlernamen Lyricist Jinn in London als Rapper Karriere gemacht. Und noch ein Beispiel, das die zunächst abstrus erscheinende soziologische Tatsache belegt, dass eine Verbindung zwischen Hip-Hop und dem militanten Islamismus besteht: Das vielleicht prominenteste deutsche Mitglied des IS ist der aus Berlin-Kreuzberg stammende Denis Cuspert. Bevor er die Verwandlung vom jugendlichen Schläger, Kleinkriminellen und Drogendealer zum islamistischen Missionar und zum vom Verfassungsschutz beobachteten Befürworter des Dschihads vollzog, erlangte er als Rapper unter dem Künstlernamen Deso Dogg zumindest lokale Berühmtheit. Cuspert, 39 Jahre alt, der sich heute Abu Talha al-Almani nennt und nach dem weltweit gefahndet wird, soll zum Führungskader des IS gehören – er gilt als einer der Organisatoren des Al Hayat Media Center, der PR-Abteilung des "Islamischen Staates".

Der Pop und der Dschihad – schon das Zusammenstellen dieser beiden Begriffe mag zunächst Unwohlsein erzeugen. Und doch, der vergleichende Blick lohnt hier, die Wechselwirkung zwischen Pop und Dschihad ist eine sehr reelle. Richtig und wichtig ist festzustellen: So offenkundig die Verbindung zwischen Spielarten des Hip-Hop, etwa dem Gangsta-Rap, und dem Dschihadismus ist, so wenig kann der Pop natürlich für die Entstehung von Islamismus oder Dschihadismus verantwortlich gemacht werden. Die Idee, dass ein junger Mann in den Krieg zieht, weil er von einem Hip-Hop-Text oder einem Hip-Hop-Beat dazu aufgewiegelt wurde, ist schlicht abwegig. Pop ist Pop, und Krieg bleibt Krieg. Und doch besteht zwischen beiden, Pop und Dschihad, ein starke ästhetische Spannung.

Die Art von Posing ist der reine Hip-Hop

Die offenkundigsten Gemeinsamkeiten zwischen dem Typus des Hip-Hoppers und des Dschihad-Kämpfers liegen in Gesten, Umgangsformen, Körperhaltungen, in der Verkörperung von neotraditioneller Männlichkeit. Beide propagieren dasselbe Ideal von körperlicher Kraft und Gestähltheit, den Kult von Härte, "Toughness" und Überlegenheit. Ästhetische Gemeinsamkeiten gehen bis in die Details der Garderobe und der Accessoires: Beide, IS-Kämpfer wie Gangsta-Rapper, tragen die gleichen Uhren, die gleichen Ray-Ban-Sonnenbrillen, die gleichen schusssicheren Westen mit Camouflage-Muster. Die Jeeps, die in Hip-Hop-Videos und den Rekrutierungsvideos des IS als Statussymbole und als Insignien der technischen Aufrüstung und Unverwundbarkeit vorgeführt werden, sind die gleichen. Die Lust am Krass-Sein: Beide, der IS-Kämpfer wie der Hip-Hopper, legen es in ihrer Selbstinszenierung darauf an, gefühllos, kalt, gnadenlos zu erscheinen. Wirklich interessant wird es, wenn man die Lust am Posieren vergleicht: IS-Kämpfer und Gangsta-Rapper halten auf Fotos gerne Schusswaffen in die Kamera. Das Erkennungszeichen des "Islamischen Staates" ist der ausgestreckte rechte Zeigefinger. Wenn IS-Kämpfer in Gruppen zusammenstehen und links die Kalaschnikow und rechts den Zeigefinger hochhalten, dann soll das betont beiläufig und lässig aussehen – diese Art von Posing ist der reine Hip-Hop. Die Bilder, die die Bild-Zeitung kürzlich von der Wolfsburger IS-Zelle um den mittlerweile verhafteten Ayoub B. zeigte, könnten direkt aus einem deutschen Hip-Hop-Video stammen: Wir sehen junge Männer mit Baseball-Cap und Palästinensertuch, lachend, feixend, in klassischer Angeberpose.

Während es in den USA eine lange Geschichte zwischen schwarzer Popkultur und dem radikalen Islamismus gibt – sie beginnt bei Louis Farrakhan und der Sekte Nation of Islam und geht bis zum Hip-Hop von Public Enemy, den Poor Righteous Teachers, Brand Nubian und dem Wu-Tang Clan, etwa ein Drittel aller amerikanischen Hip-Hop-Produktionen war Mitte der neunziger Jahre islamistisch angehaucht –, gibt es zwischen deutschem Gangsta-Hip-Hop und radikalem Islamismus, mit Ausnahme des späteren IS-Kämpfers Deso Dogg, keinerlei offenkundige Verbindung. Der deutsche Gangsta-Rap, wie er von Künstlern wie Sido, Bushido, Celo & Abdi, Farid Bang, Kollegah, Summer Cem, Eko Fresh, Alpa Gun, Fard und Massiv vertreten wird, hat in der Regel migrantische Wurzeln. In den Texten des deutschen Gangsta-Rap aber geht es um tolle Frauen, um Koks und die Zumutungen des Alltagslebens in der deutschen Großstadt, der radikale Islam oder der Dschihad kommen nicht vor. In Einzelfällen ist dem deutschen Hip-Hop eine Anfälligkeit für den Antisemitismus oder für Israelfeindlichkeit nachgesagt worden: Bis heute muss sich der Rapper Haftbefehl wegen der Liedzeile "Und ticke Koks an die Juden von der Börse" aus frühen Jahren seiner Karriere erklären. Nicht ganz leicht zu verstehen war dagegen kürzlich die Aufregung, die Bushido mit dem Posten eines Fotos auf Facebook auslöste. Das Bild zeigte den für seine Provokationen bekannten Berliner Rapper in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Paris". Wollte Bushido die Opfer der Anschläge von Paris verhöhnen?

In ihrer Drastik können deutsche Rap-Videos es natürlich längst mit dem amerikanischen Vorbild aufnehmen. Wo liegen die Punkte, an denen sich die Ästhetik des Hip-Hop mit der Selbstinszenierung des Dschihads, wie der IS ihn in Syrien führt, berührt? Man muss da schon sehr genau hingucken: Der Gangsta-Rapper signalisiert durch seine gesamte kulturelle Ausrichtung, den harten Sound und die fetten Beats, die drastischen Texte, die martialische, dem Krieger ähnliche Kleidung, das Propagieren von Anti-Werten wie Sexismus, Schwulen- und Frauenfeindlichkeit, eine Abkehr von der Gesellschaft. Oft kokettiert der Gangsta-Rap mit dem Austritt aus der Gesellschaft in das kriminelle Milieu. Was im Hip-Hop als inszenierter Tabubruch und coole Pose funktioniert, vollzieht sich im Dschihad als denkbar radikalster Schritt in aller Wirklichkeit: raus aus der Gesellschaft, rein in den Krieg.

Der Dschihad als fehlgeleitete Jugendkultur

Viel ist in letzter Zeit darüber gerätselt worden, woher die Attraktivität des Kriegs in Syrien für junge, in der kulturellen Konformität und Sicherheit von Westeuropa aufgewachsene Männer rührt: Von Zivilisationsmüdigkeit, von Ablehnung der Aufklärung, Moderne, Konsum und globalisierter Wirtschaft, von der Überforderung, die die postmoderne Gesellschaft für jeden einzelnen Menschen darstellt, war die Rede. Bleibt man in der Logik des Pop, hat sich die Attraktivität einer Jugendkultur stets danach gerichtet, wie sehr sie die Ablehnung und das Unverständnis der Elterngeneration in sich bündeln kann. Der Dschihad als denkbar größte Provokation, als größte Herausforderung für die westliche Gesellschaft: In dieser Logik käme nach Punk, Nazirock und dem Gangsta-Rap des deutschen Hip-Hop-Labels Aggro Berlin nun eben der Krieg des "Islamischen Staates". Der Dschihad als fehlgeleitete Jugendkultur. Syrien als letzter Kick, das härteste Pop-Ding.

Die Propagandisten des "Islamischen Staates" haben einiges dafür getan, dass dem Jugendlichen oder jungen Mann, der in Europa an seinem Computer sitzt, der Krieg in Syrien nicht als endzeitiger Zivilisationsbruch, sondern als cooles und romantisches Pop-Abenteuer erscheinen kann. Die Rekrutierungsvideos der Terrormiliz des IS, die vom Al Hayat Media Center hergestellt und ins Netz gestellt werden, tragen Titel wie The Breaking of The Borders oder The Flames of War, sie verarbeiten die Ästhetik von Hollywood-Actionkino à la Zero Dark Thirty und Ego-Shooter-Spielen wie Grand Theft Auto, Call of Duty und Battlefield, und sie sind, was Bildsprache, Schnitttechnik und Sound angeht, in jeder Hinsicht State of the Art: explodierende Feuerbälle, Jeep-Konvois, die den Horizont kreuzen, im Wind flatternde schwarze Fahnen, gemeinsames Beten in voller Waffenmontur. Wie im Pop wird mit einer Romantisierung von Gangtum, von brotherhood und Abenteuer unter Männern gespielt. Da reitet ein langhaariger Dschihadist mit über die Schulter gehängtem Sturmgewehr auf einem Araberhengst – sieht supercool aus. Nicht nur der IS, auch westliche Medien arbeiten teils bewusst mit der Pop-Ästhetik von Kriegsbildern: Die Pop-Zeitschrift Vice hatte im Sommer 2014 Zugang zur Machtbasis des IS im syrischen Rakka. Der Film, der auf YouTube zu sehen ist, kommt einem journalistischen Coup gleich. Als gelooptes Bild zeigt die Kamera einen auf einer Straßenkreuzung driftenden Panzer, auf dem feiernde IS-Kämpfer sitzen – der Film ist in diesen Momenten mehr Pop-Clip als seriöse journalistische Reportage. Natürlich, die Aura des Pop fällt jäh in sich zusammen, wenn der Krieg als das Verbrechen vorgeführt wird, das er ist. In seinen letzten Einstellungen zeigt der Rekrutierungsfilm des IS die Exekution von im Wüstensand knienden Assad-Kämpfern. Diese Bilder sind schlicht unerträglich.