Neulich an einem schönen Winternachmittag im eingeschneiten Tierpark gewesen, dem Zoo des Ostteils von Berlin. Natürlich bin ich nicht von allein auf die Idee zu diesem Ausflug gekommen. Lesen bildet. In Jochen Distelmeyers Debütroman Otis gibt es zahlreiche Exkurse mit Wissenswertem zum Hauptstadtleben. So auch einen Ausflug in diesen Zoo nebst Infos zu seiner Vergangenheit unter früheren deutschen Regimen. Man erfährt auch etwas über die Buslinie 100, mit der Touristen sich zum BVG-Tarif zu den Sehenswürdigkeiten gondeln lassen. Wir lernen einen renommierten Verlag kennen, unter dessen Gesellschaftern es zu einem unversöhnlichen Streit gekommen ist. Und es fehlt auch nicht ein kaum camoufliertes Stadttheater, dessen einst rasend avantgardistischer Intendant mittlerweile vielleicht etwas zu lange im Amt ist.

Mit wohlinformiertem Small Talk wird der Leser reich beschenkt, bevor dann zurück zu den kleinen Ent- und Verwicklungen im Leben des Tristan Funke geschaltet wird: ein junger Autor, der seinen etwas peinlichen Vornamen routinemäßig mit dem Lehrerberuf der Eltern erklärt. Weitere Figuren werden samt ihren Beziehungsgeschichten eingeführt, meist dann, wenn sie das Leben der Hauptfigur kreuzen, sei es als alter Freund, sei es als zufällig den Helden kutschierender Busfahrer. Geschmeidig verketten sich die oft provozierend alltäglichen Dialoge: " 'Hier können Sie mich rauslassen.' Der Wagen hielt. Tristan zahlte. 'Gute Fahrt noch.' – 'Ja, vielen Dank auch. Und einen schönen Abend.' "

Die charmant unbeteiligt bis herausfordernd banal gehaltenen Berichte aus dem Innenleben der Stadt, ihrer Moden, Schrullen und Konflikte, und dem Innenleben einiger Paare und Passanten gleiten griffig über die Seiten. Als wollte uns Wikipedia eine Liebesgeschichte erzählen. Wäre da nicht noch eine zweite Ebene, eine Reihe von über den Roman verteilten Fallgruben und Abgründen, die sich zu Ebene eins verhalten (sollen) wie eine kantige und materielle Realität zu dem geräuschvollen sozialen Gezwitscher in der Sozialsimulation von Netz und Nachtleben, in der wir ohne Fallhöhe, so scheint es der Roman zu diagnostizieren, unser leeres, gut gepolstertes, kulturinteressiertes Dasein fristen.

Auch diese Abgründe sind nicht immer gefeit gegen die in diesem Roman vorgeführte Tendenz, alles im Berliner Leben mittelinteressant und halbamüsant zu finden. Als Tristan mit seiner lebenslustigen Nichte Juliane in die Volksbühne geht, wird das gesamte Stück, das die beiden sehen, beschrieben und öffnet so einen narrativen Krater inmitten der sanften Erzähllandschaft: ein Theaterstück, komplett mit Dialogen und Inszenierungsdetails, umgeben von einem Roman. Leider hält es das zeitdiagnostische Niveau des Romans nicht: Mit Berliner Postdramatik, zumal der der Volksbühne, hat es keine Ähnlichkeit, eher erinnert es an Spät-50er Absurdes Theater Marke Ionesco oder Audiberti, aber an die provinziell deutschsprachige Variante, wo die Absurdität nicht um ihrer selbst willen, sondern sinnvoll allegorisch inszeniert wird. Man wird von diesem Wechsel des Tons ganz angenehm rausgehauen aus dem cool schlurfenden Flow der sonstigen Ereignisse. Im Stück geht es um ein Loch, und dieses Loch steht natürlich doppelt im Zentrum dieser bodenlosen Sequenz von Halbereignissen im Leben halbinteressanter Heinis: als Loch im Roman und als Loch in dem, was hier erzählt wird.

Mise en abyme ist das Stichwort: jener Effekt von Abgründigkeit und Unendlichkeit, der entsteht, wenn auf einem Bild eines Wohnzimmers ein Bild an der Wand hängt, das mit dem gesamten Bild identisch ist. Hier schreibt der Held nämlich selbst einen Roman, der so heißt wie der Roman, den wir lesen und der seinerseits eine Bearbeitung der Odyssee ist. Otis kommt von Odysseus. Die Ereignisse des Romans, wenn wir sie denn so nennen können, sollen abgeglichen werden mit den mythologischen – und sympathischerweise passt das alles nicht. Die Odyssee verhilft dem sich durch seine stockenden Ideen stochernden Tristan zwar zu Erkenntnisschüben, aber in seinem zwischen mehreren verflossenen, anlandenden und noch ausstehenden Frauen aufgespannten Liebesleben kann man beim besten Willen keine Gemeinsamkeit zu Odysseus und seinen Beziehungen zu Kirke oder Penelope erkennen. Auch ist der Held Tristan in keiner Weise ein Tristan. Die bildungsbürgerlichen Fährten sind Irrwege und zeigen keinen Weg aus der freundlichen Seichtheit der Welt heraus.