Deutschland kennt seit Pegida einen neuen Begriff: "Jüdisch-Christliche Tradition". Der fungiert offensichtlich als Waffe im neuen Kulturkampf, und zwar wider die Losung: "Der Islam gehört zu Deutschland." Als moralischer Fingerzeig hat diese Maxime durchaus ihren Sinn: um jene zu ernüchtern, die "Islam" mit "Islamismus" gleichsetzen oder vier Millionen Muslime allenfalls als Gäste, nicht als "echte" Deutsche betrachten.

"Gehört zu" ist eine wässrige Formel. Hat die "Jüdisch-Christliche Tradition" (JCT) höheren historischen Gehalt? Wie Popmusik, Sitcoms und Abertausende von Anglizismen ist auch JCT ein Import aus Amerika. Dort ist "Judeo-Christian" fest verankert im Kanon der nationalen Befindlichkeit; im hiesigen Diskurs kam "christlich- jüdisch" bislang hauptsächlich in der "Woche der Brüderlichkeit" vor.

Sucht man nach dem Jüdischen im Deutschen (und Europäischen), fällt eine tausendjährige Geschichte der Ausgrenzung ins Auge: Verfolgung, Vertreibung, Ghettoisierung. Der große Religionsstifter Martin Luther entwickelte sich zum wütenden Antisemiten. Volle Bürgerrechte erhielten die Juden erst unter Bismarck; die "deutsch-jüdische Symbiose", wie Religionsphilosoph Gershom Scholem notierte, ruhte auf einer "einseitigen Liebeserklärung". Die JCT, die heute so viele Politiker beschwören, war historisch gesehen ein gar schwächlich Ding.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 5 vom 29.1.2015.

Ganz anders in Amerika. Dort gab es nie eine Staatsreligion, sondern nur Thomas Jeffersons "eiserne Mauer der Trennung" zwischen Kirche und Staat. Jefferson wollte im Staatssiegel den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten festhalten. Vor ihm gedachte John Winthrop, der Begründer des späteren Massachusetts, die "City on a Hill", also Jerusalem, in der Neuen Welt zu erbauen. Denn: "Der Gott Israels ist unter uns." Das Motto der Freiheitsglocke in Philadelphia – "Verkündet Freiheit im ganzen Land" – kommt aus dem 3. Buch Mose.

Die JCT ist also eine uramerikanische Geschichte. Sie wurde zuerst von den Puritanern geschrieben, von Protestanten, die die Wurzeln des Christentums in der hebräischen Bibel wiederentdeckt hatten. Deshalb nannten sie ihre Kinder Amos und Abraham, Sarah und Rebecca. Im 18. Jahrhundert war Hebräisch Pflichtfach in Harvard; im Yale-Wappen steht in hebräischen Lettern "Licht und Wahrheit". Deshalb gab es auch keinen mörderischen Antisemitismus in den USA.

Somit hat die JCT einen angestammten Platz in der Geschichte und Gegenwart Amerikas. Hier aber sind die "Jüdisch-Christliche Tradition" und "Der Islam gehört zu Deutschland" pädagogisch wertvolle Ermahnungen, die wenig Bezug zur historischen Wirklichkeit haben. Anderseits klänge der unanfechtbar richtige Satz "Juden und Muslime sind Bürger dieses Landes" nicht ganz so sonor, sondern fast schon herablassend.

Was gehört denn zu Deutschland? Zuerst und vorweg seine Bürger, egal, welchen Bekenntnisses. Aber auch Athen (Philosophie und Poesie), Jerusalem (Wiege der drei Religionen), Rom (Republikanismus und Jurisprudenz), Bagdad und Alexandria (Medizin, Mathematik), Florenz (Renaissance), Genf und Wittenberg (Reformation), Paris und Königsberg (Aufklärung), London und Edinburgh (Liberalismus). Schändlicherweise auch die Religionskriege und der Terror des Totalitarismus.

Machen Sie Ihre eigene Liste. Out ist nur: Zum Deutschsein gehört der "richtige" Glauben.