Der Schwarzwald mit seinen Fachwerkstädtchen, Wäldern und Wiesen ist eine Landschaft voller Sagen und Märchen. Das jüngste geht so: Im dunklen Tann liegt ein Tal, dessen Bewohner gesünder sind als anderswo. Das liegt nicht nur an der würzigen Waldluft, sondern auch an ihrem innovativen Gesundheitssystem.

Was wie ein Märchen klingt, ist real. Und es klingt ganz nüchtern, wenn Helmut Hildebrandt davon spricht und Wörter wie "Ergebnisqualität" verwendet. Den Hamburger Gesundheitsreformer trifft man am ehesten im Zug oder Auto, denn er ist viel unterwegs: in Arztpraxen, Apotheken und Therapiezentren zwischen Hausach und Wolfach. Dort im Südwesten will er den Beweis antreten, dass "die medizinische Versorgung besser und trotzdem preiswerter werden kann". Dazu hat Hildebrandt das Projekt Gesundes Kinzigtal erfunden. Ein Projekt, das auch Ferdinand Gerlach lobt, der Vorsitzende des Sachverständigenrats der Bundesregierung für das Gesundheitswesen. Er sieht darin ein "Zukunftslabor für ganz Deutschland".

Dass das gängige Gesundheitssystem frischen Wind braucht, meint nicht nur Hildebrandt, der seit drei Jahrzehnten Kassen und Krankenhäuser, das Bundesgesundheitsministerium und die Weltgesundheitsorganisation WHO berät. Wie der 60-Jährige kritisieren viele Experten in Deutschland das paradoxe Nebeneinander einer Über- und Unterversorgung: Hier wird zu viel operiert und therapiert, dort wartet vor allem die wachsende Zahl von Menschen mit chronischen Krankheiten endlos lange auf Facharzttermine und angemessene Hilfe.

Eine Ursache dieses Auseinanderdriftens seien die "fatalen wirtschaftlichen Fehlanreize im Medizinbetrieb", sagt Hildebrandt. Da schneide ein Arzt finanziell schlechter ab, wenn er Patienten in intensiven Gesprächen zu einem eigenständigen Umgang mit ihren Leiden befähige. Einträglicher sei es, sie möglichst jedes Quartal in die Praxis einzubestellen. Auch bei Physiotherapeuten oder Krankenhäusern werde nicht der Erfolg belohnt, sondern die größere Zahl der Leistungen. Den Kassen, sagt Hildebrandt, bringe es im Wettbewerb untereinander "leider mehr, mit intensivem Marketing um möglichst gesunde Kunden zu werben, als in die Qualität der Versorgung zu investieren".

Im Kinzigtal versucht der Reformer gemeinsam mit der AOK und der landwirtschaftlichen Krankenkasse SVLFG, die ökonomische Logik in Richtung Für- und Vorsorge zu drehen. Seit neun Jahren bekommen dort Ärzte und Therapeuten auch honoriert, dass sie ihren Patienten helfen, möglichst gesund zu bleiben. Unterstützt werden sie dabei von der Managementgesellschaft Gesundes Kinzigtal.

Diese Gesellschaft hat Hildebrandts eigenes Unternehmen namens OptiMedis in Partnerschaft mit einer regionalen Ärztevereinigung gegründet. Die 16 Mitarbeiter von Gesundes Kinzigtal entwickeln nicht nur Kampagnen und derzeit 15 Programme für Patienten, die ein erhöhtes Risiko für Rückenbeschwerden oder Herz-Kreislauf-Krankheiten, Rheuma oder Übergewicht haben. Sie sorgen auch für eine Kooperation mit Krankenhäusern, Psychotherapeuten, Fitnesscentern und sozialen Diensten im Kinzigtal. So soll verhindert werden, dass schöne Pläne zur Vorbeugung verpuffen wie bei so vielen üblichen Präventionsappellen.

Eine so aufwendige Vernetzungsarbeit könne ein Arzt in seiner Einzelpraxis kaum nebenher leisten, sagt Helmut Hildebrandt. Dafür brauche es ein Unternehmen wie OptiMedis. Hildebrandt nennt es einen "regionalen Kümmerer".

Ein Paradebeispiel für seine Version einer "integrierten Versorgung" ist der Kampf gegen Osteoporose. Ortstermin in Gengenbach: Im Keller der Physiotherapie-Praxis am Krähenäckerle schnallen sich sieben Frauen Gewichte um die Waden. Bei ihrem Sportlehrer Thomas Ruck klingen selbst gnadenlose Anweisungen, als flirte er: Beine seitlich rausstrecken! Stock hoch über den Kopf ziehen! Das Zugband dehnen! Ab dem zehnten Mal beginnen die ersten Kursteilnehmerinnen kichernd zu stöhnen. Aber sie halten durch.

Eigentlich sieht so ganz normales Kraft- und Koordinationstraining aus, allerdings: Die Damen, die sich hier jeden Montag mühen, sind zwischen 72 und 93 Jahre alt. Einige haben Knie-, Schulter- oder Hüftoperationen hinter sich, bei allen schwindet die Knochendichte. Sie haben sich bei Gesundes Kinzigtal eingeschrieben, so wie mittlerweile rund ein Drittel der fast 33.000 SVLFG- und AOK-Versicherten in der Region.

Als Mitglied wählt man einen Vertragsarzt seines Vertrauens. Der beginnt mit einer Rundum-Untersuchung und empfiehlt im Risikofall Vorsorgeangebote. Wenn Patienten es wollen, schließt er sogar eine Zielvereinbarung mit ihnen darüber ab, was sie in einer bestimmten Zeit erreichen wollen. Das hat sich als besonders erfolgreich erwiesen.

Zum Osteoporose-Programm, für das schon 876 Bewohner des Tals gewonnen werden konnten, gehört eine Ernährungsberatung. Man bekommt Medikamente, die viele Hausärzte sonst nicht verschreiben. Das Training schließlich soll dafür sorgen, dass die Betroffenen wieder sicherer auf den Beinen stehen. Denn ein Sturz kann bei Osteoporose schnell einen Knochenbruch nach sich ziehen.

Aber wer finanziert diese moderne Form der Versorgung? Die Ausgaben der Kassen würden durch die Einsparungen mehr als kompensiert, versichert Helmut Hildebrandt. Genau das ist eine seiner Kernideen. Noch teurer als die Vorsorge wäre es schließlich, die Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs zu finanzieren: Operationen, Krankenhausaufenthalte, monatelange Krankengymnastik, womöglich häusliche Pflege, Folgekrankheiten. Die Zahl der Knochenfrakturen hat sich bei Osteoporose-Patienten im Kinzigtal tatsächlich halbiert. Vorbeugung lohne sich, sagt Hildebrandt. Das nimmt man ihm auch deshalb ab, weil der Verdienst seines eigenen Unternehmens vom Erfolg abhängt.

Denn der Handel mit der AOK geht so: Erzielt Gesundes Kinzigtal gute Gesundheitsergebnisse in der Region, dann profitiert auch seine regionale Gesundheits-GmbH von der günstigeren Kostensituation der Krankenkasse. Konkret: Wenn deren Überschuss im Vergleich zum Startjahr steigt, teilen sich AOK und GmbH diese Verbesserung. Das müsste ja funktionieren, wenn die Aktivitäten zur Vorsorge und besseren Versorgung greifen und deshalb Ausgaben wegfallen, statt zuzunehmen wie anderswo. Tatsächlich stieg der Überschuss der AOK in der Region Kinzigtal im Jahr 2012 zusätzlich um rund 4,6 Millionen Euro. Aus seinem etwa hälftigen Anteil kann das Unternehmen Gesundes Kinzigtal die Gesundheitsprogramme, den zusätzlichen Aufwand der Ärzte, medizinischen Fachangestellten und Therapeuten aus dem Vorjahr refinanzieren.

Mit einem Plus von je nach Jahr zwischen 400.000 oder 836.000 Euro habe man abgeschlossen, versichert Hildebrandt. Davon werde etwa ein Viertel an die Gesellschafter ausgeschüttet, den Ärzteverein und OptiMedis. Rund ein Viertel bekämen die Mitglieder als Bonus. Die andere Hälfte fließe in den Bau eines eigenen medizinischen Trainings- und Schulungszentrums.

Das Ganze ähnelt einem Energieeinspar-Contracting. Auch dabei beraten Spezialisten, wie man in effizientere Geräte investiert, damit die Energiekosten sinken. Ohne Spareffekt kein Verdienst: darin liegt Hildebrandts unternehmerisches Risiko – aber auch ein Anreiz, die Versorgung laufend weiter zu verbessern. So hat man beispielsweise ein EDV-System eingeführt, über das der Facharzt einsehen kann, welche Befunde der Hausarzt schon erhoben hat; teure Doppeluntersuchungen werden vermieden. Es gibt "Qualitätszirkel". Ein "Arzneimittel-Konzil" etwa berät über mögliche Risiken, die damit verbunden sind, dass Patienten verschiedene Medikamente gleichzeitig einnehmen müssen. Die Debatten in diesen Runden verliefen ungewöhnlich offen, sagt der Allgemeinmediziner Martin Wetzel, der das beteiligte Ärztenetzwerk mit ins Leben gerufen hat. Denn Mediziner seien keineswegs immer bereit, "ihre kleinen Königreiche aufzugeben und sich in die Karten schauen zu lassen".