Es ist ein Bauwerk wie aus einer anderen Zeit. Mehr als 300.000 Kubikmeter Beton auf einer Fläche, größer als die Binnenalster, aufgetürmt zu einem Gebirge aus Industriebauten, das selbst den Michel überragt. Das Kohlekraftwerk Moorburg am Südufer der Elbe "prägt wegen seiner Dimensionen und Höhe weithin den Landschaftsraum" – so beschreibt Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter die wuchtige Ästhetik des Orts.

In wenigen Wochen soll das Kraftwerk ans Netz gehen, wieder einmal. Man darf es erst glauben, wenn es wirklich geschieht. 2012, 2013, spätestens Weihnachten, nein, Silvester 2014 – in Hamburg vergeht kein Jahr, in dem Vattenfall nicht ankündigt, sein Kraftwerk in Betrieb zu nehmen.

Nun also im Frühjahr 2015. Das wird ein guter Tag für Hamburg, findet die CDU-Politikerin Herlind Gundelach: "Alle Kundigen sind sich einig, dass Moorburg für Hamburg eine glückliche Idee war."

Alle Kundigen sind sich einig – das ist ein Satz, der wenig über das Kraftwerk Moorburg sagt, umso mehr aber über Frau Gundelachs Fähigkeit, unerwünschte Sachverhalte nicht zur Kenntnis zu nehmen. Herlind Gundelach war von 2004 bis 2008 die Energieexpertin der zweiten Regierung Ole von Beusts, der Hamburg das riesige Kohlekraftwerk verdankt. Ohne sie gäbe es Moorburg nicht.

In Wirklichkeit ist das Urteil über dieses Kraftwerk längst gefällt. Der Betreiber selbst, der schwedische Staatskonzern Vattenfall, hat es lange vor seiner Fertigstellung schon für unwirtschaftlich erklärt und versucht, Hamburg wegen zusätzlicher Umweltauflagen zu verklagen. Noch drei Jahre nach Beginn der Bauarbeiten soll Vattenfall geprüft haben, ob es nicht billiger komme, das fast fertige Milliardenprojekt wieder abzureißen, als es in Betrieb zu nehmen. Moorburg sei "ein Opfer der Energiewende", hat Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka kürzlich gesagt.

Das Kraftwerk sei "unrentabel", sagt Werner Marnette, schlimmer noch, es sei "ein Desaster". Marnette leitete zur Zeit der Moorburg-Planung den Kupferhersteller Norddeutsche Affinerie, heute Aurubis, der einen Anteil an dem Kraftwerk hält. Er ist selbst in der CDU, er ist vom Fach, vier Jahre lang hat er den Energieausschuss des BDI geführt, ein knappes Jahr das Kieler Wirtschaftsministerium. Grüner Sympathien ist Marnette unverdächtig – aber das versöhnt ihn nicht mit dem Bau des Kraftwerks Moorburg.

Seit zehn Jahren streitet Hamburg um dieses Kraftwerk: Ökologische Gründe sprachen dagegen, wirtschaftliche dafür, so schien es. Inzwischen weiß man: Es war der falsche Streit. Der Bau von Moorburg war ein Fehler, ein Drei-Milliarden-Euro-Fehler. Die Frage ist, wie es dazu kommen konnte.

Die Welt des Jahres 2005, als Vattenfall seine Pläne für Moorburg bekannt gab, ist aus heutiger Sicht weit entfernt. Der rot-grüne Atomausstieg war gerade erst beschlossen worden, Energiepolitik war Glaubenssache: Das Ökolager glaubte an die erneuerbaren Energien und einen sauberen Atomausstieg ohne neue Kohlekraftwerke, die Traditionalisten glaubten an große Grundlastkraftwerke. In beiden Lagern galt es als unschicklich, die Argumente der Gegenseite auch nur zur Kenntnis zu nehmen.

Warum, Frau Gundelach, wollte Hamburg unbedingt ein großes Kohlekraftwerk?

"Es ging primär nicht um Strom, sondern um Wärme", lautet die Antwort. Das alternde Wärmekraftwerk in Wedel habe ersetzt werden müssen, "das war der Ausgangspunkt für das Kraftwerk Moorburg – nicht die Stromproduktion".

Das ist eine, gelinde gesagt, überraschende Auskunft. Die Entscheidung für Moorburg fiel vor fast acht Jahren, das Wärmekraftwerk Wedel aber, das ebenfalls Vattenfall gehört, ist heute noch am Netz. Die Debatte, wie es am besten zu ersetzen sei, wird sich noch eine Weile hinziehen. Fernwärme aus Moorburg, das hält selbst Vattenfall heute nicht mehr für eine gute Idee. Die Schweden wollen lieber in Wedel ein neues Gaskraftwerk bauen, das Wärme und Strom gleichzeitig produziert.