Wahrscheinlich gab es am Sonntag keinen Menschen in Europa, der die Griechen nicht verstanden hätte. Nach Jahren des Sparkurses gegen die Armen und die Mittelschicht, nach all den Enttäuschungen durch die etablierte politische Klasse, nach den gefühlten Demütigungen durch die Troika wählten sie links, wählten sie Trotz, sie wandten sich ab, weil sie keine andere Hoffnung sahen. Es war eine Situation, die Franz Kafka einmal so beschrieb: "Weg von hier, das ist mein Ziel."

Griechenland hat radikal gewählt, weil es in einer radikalen Lage ist. Das eigentliche Wunder aber kam am Montag. Der Linksaußen Alexis Tsipras holte sich die Rechtspopulisten als Regierungspartner. Diese Koalition der Extreme nannten einige in Deutschland "originell", will heißen: griechisch, exotisch, für uns unbedeutend. Was für eine krasse Fehleinschätzung.

Schon die europäischen Reaktionen auf die griechische Wahl zeigen, dass hier zusammenwächst, was eigentlich nicht zusammengehört. Tsipras’ Wahlsieg wurde unter anderem bejubelt von der rechtsradikalen Französin Marine Le Pen und von der deutschen Linkspartei, von der britischen europafeindlichen Ukip und der linken Sinn Féin in Irland, von der rechten, separatistischen Lega Nord aus Italien und vom französischen Ex-Kommunisten Jean-Luc Mélenchon.

Offensichtlich entsteht hier gerade vor den Augen des europäischen Establishments eine Internationale des Dagegen, die sowohl die Grenzen zwischen einzelnen Staaten wie auch die zwischen Links und Rechts mühelos überschreitet. Das Programm dieser linksrechten Bewegung liegt bereits vor: gegen Brüssel, gegen die USA, gegen Israel, gegen die Nato, gegen die sogenannten Mainstream-Medien, gegen jedwede militärische Intervention, gegen Sparpolitik, gegen Globalisierung. Und für: Putin.

Der einzige manifeste Unterschied, der ein Zusammengehen radikaler Linker und radikaler Rechter hier und da noch erschwert, ist der Islam. Da sind die Rechten dagegen, die Linken eher dafür – allerdings nur die Funktionäre, nicht deren Wähler, wie Umfragen etwa in Deutschland zeigen: Keine Anhängerschaft einer im Bundestag vertretenen Partei lehnt Merkels Satz, der Islam gehöre zu Deutschland, so stark ab wie die der Linken.

Was ist das für eine Kraft, die Menschen dazu bewegt, sich vom "System" abzuwenden, von Parteien, die sie in der dritten Generation gewählt haben, und von Medien, die sie seit Jahrzehnten lesen? Und warum ist diese Kraft stark genug, die Trennwand zwischen Links und Rechts da zu durchstoßen, wo sie am dicksten sein müsste?

Wer das Rätsel der neuen europäischen Radikalität lösen möchte, der kommt in Griechenland nicht recht weiter, wo die Menschen allzu gute Gründe haben, das System abzulehnen. Ähnlich verhält es sich in Italien und Frankreich, wo eine abgeschlossene politische Klasse allzu lange mehr mit sich selbst beschäftigt war als mit dem Volk und dessen Problemen. In diesen Ländern ist die Erklärung zu einfach. Gehen wir also dahin, wo das Rätsel fast nicht zu lösen scheint, nach Deutschland.

In diesem Land geht es den meisten Menschen gut, gemessen an manchen europäischen Nachbarn könnte man sogar sagen: obszön gut. Aus allen Krisen gingen die Deutschen gestärkt hervor. Zudem verfügt das Land über die netteste, normalste und sachlichste politische Klasse der Welt (Skandinavien vielleicht ausgenommen), die Medien sind ein relativer Traum von Seriosität und Anstand. Und als diese wunderbare Konsensgesellschaft zuletzt von Pegida und den Attentaten in Paris gefordert wurde, da zerbrach sie nicht etwa, nein, sie baute sich zu ungeahnter Schönheit, Breite und Entschiedenheit auf. Alle umarmten den Islam oder zumindest die Muslime; die Kanzlerin trat mehrfach (!) äußerst entschlossen auf und verbaute ihrer Partei jedwede Annäherung an rechtspopulistische Bewegungen; selbst die Bild-Zeitung, eigentlich das Zentralorgan der niederen Motive, zeigte gegen Pegida und AfD klare Kante; und Zigtausende Bürger gingen gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße. Sodann wurde Pegida mit einer spontanen Doppelstrategie sowohl ausgegrenzt als auch umarmt und anschließend regelrecht totgequatscht. Und wenn hier eine Prognose erlaubt sei: Die Dresdner Montagsdemo hat ihre besten Tage hinter sich.

Ist nun alles wieder gut, hat die Konsensgesellschaft gewonnen?

Nein, nicht die Bewegung der dunklen Kräfte hat ihren Zenit überschritten, sondern die Konsensgesellschaft. Und das merkt man ihr auch an. Dass die Aufmerksamkeit für Pegida so immens ist, liegt ja nicht an den 20.000 Leuten, die da allwöchentlich unterwegs sind. Nicht die Demonstrationen in Dresden waren groß, die Nervosität in Berlin war und bleibt es. Man spürt, irgendwas läuft schief im Land, obwohl doch alles so gut läuft.

In Wirklichkeit hat die Konsensgesellschaft in den letzten Jahren und Wochen gezeigt, was sie kann – und was nicht. Der SPD etwa gelingt es nicht, auch nur ein Prozentpünktchen von den Linken zurückzuerobern, obwohl sie nun wirklich wieder sozialdemokratischer geworden ist und obwohl Gregor Gysi den grassierenden Linksradikalismus seiner Partei nicht eindämmt, sondern nur verwaltet. Die Integrationskraft nach links (oder was man früher so nannte) ist also nahe null.

Und nach rechts? Die Union hat zuletzt ein paar tapfere Versuche gestartet, wenigstens ein bisschen ausländerfeindlich und islamkritisch zu sein. Doch der Vorschlag der CSU, Migranten sollten zu Hause Deutsch sprechen, wurde binnen weniger Stunden via Twitter und Facebook in Spott ertränkt und eiligst zurückgezogen. Und die Distanzierung von Merkels Islam-Satz sieht dann in der CDU so aus, dass Volker Kauder oder Stanislaw Tillich sagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, wohl aber die Muslime. Mit dem feinsinnigen Unterschied zwischen Muslimen und Islam holt man gewiss keinen AfDler und keinen Pegidisten zurück. Die Union hat die Ansprache für das Ressentiment verloren.

So bleibt eine Menge unbehandelter dunkler Materie übrig. Die Anhängerschaft von Linken und AfD beträgt zusammen fast zwanzig Prozent, und wo Pegida oder die zwei Millionen Leser der Sarrazin-Bücher als Nächstes auftauchen, das weiß niemand. Denn das größte politische Problem der Republik ist heute, dass die Konsensgesellschaft umso mehr Dissens hervorzurufen scheint, je größer und breiter sie sich macht; und je mehr Gegnerschaft sie wahrnimmt, desto breiter macht sie sich.

Die große Koalition ist dabei nicht die Ursache, sondern nur die aktuelle Spielart dieses neudeutschen Politikmodus. Exekutiert wird seit gut einem Jahrzehnt moderate sozialdemokratische Politik unter einer CDU-Kanzlerin. Aber vor zehn Jahren war es umgekehrt, da probte ein SPD-Kanzler liberal-konservative Reformpolitik. Selbst die einst als prinzipielle Opposition gegründeten Grünen fungieren inzwischen als verlässliches Element im deutschen Konsensbogen. Es herrscht in allen wichtigen Fragen eine schwarz-rot-grüne Koalition.

Es ist üblich geworden, die Widerspruchslosigkeit der deutschen Politik auf die Kanzlerschaft von Angela Merkel zurückzuführen. Dabei begann sie bereits mit der rot-grünen Koalition 1998. Das scheint merkwürdig, durfte man doch gerade von dieser Zäsur, dem ersten kompletten Regierungswechsel der Bundesrepublik, eine echte Richtungsänderung erwarten. Stattdessen wurden für die rot-grüne Koalition gerade diejenigen Entscheidungen charakteristisch, die der programmatischen Vorstellungswelt ihrer politischen Gegner entsprachen: Rot-Grün zog in den Krieg – und setzte sozialökonomische Reformen durch, von denen eine schwarz-gelbe Regierung nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Polemisch ließe sich vermuten, dass der deutschen Linken an der Macht eben schnell die Flausen ausgetrieben wurden. Doch ebenso musste ja auch die Union, als sie 2005 an die Macht zurückkehrte, ihre originären Vorhaben aufgeben. Statt der grundlegenden Steuer-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitsreform praktizierte sie unter Merkel plötzlich Gesellschafts-, Familien- oder Energiepolitik à la Rot-Grün. Regieren machte die Linken rechts, die Rechten links und die Republik immer mittiger.

Zu alledem sind Polemik und Aggressivität fast völlig aus der politischen Sphäre verschwunden. Typen wie Strauß oder Wehner, ja sogar ein Fischer oder Dregger sind heute undenkbar. Die Demokratie in Deutschland hat sich von einem wutverarbeitenden zu einem wutverweigernden Betrieb gewandelt.

Und die Republik hat – auch wenn Linke, Pegida oder die AfD davon nichts wissen wollen – von der Kooperation über die alten Lagergrenzen hinweg profitiert. Das gilt für die ökonomische Entwicklung, den Arbeitsmarkt, die Sozialsysteme und die öffentlichen Finanzen. Es gilt aber auch für die mentale Situation der Deutschen. Sie sind optimistischer und aufgeschlossener geworden. Selbst wenn Pegida zur Zeit andere Signale sendet, gilt das sogar im Umgang mit Flüchtlingen. Dass die deutsche Gesellschaft in ihrer übergroßen Mehrheit diese neue Herausforderung bislang entspannt und hilfsbereit annimmt, hängt nicht nur mit neuem Selbstbewusstsein und ökonomischen Kapazitäten zusammen, sondern auch damit, dass keine etablierte politische Kraft das Thema, wie in früheren Jahren üblich, für politische Geländegewinne missbraucht.

In der Vergangenheit ließ sich das Unbehagen an der Politik vor allem an wachsendem Desinteresse ablesen. Kontinuierlich sinkende Wahlbeteiligung und abschmelzende Volksparteien galten als Krisenindikatoren. Doch inzwischen wird aus passiver Ablehnung mehr und mehr offene Aggression, gepaart mit unverhohlener Verachtung für Politik und Medien. Etwas an der kooperativen Vernunft der politischen Akteure provoziert Gegenreaktionen. Konsens klingt gut, Uniformität weniger. Dass der deutsche Erfolg der vergangenen Jahre mit dem Ende von Dissens und Debatte einhergeht, macht ihn auf Dauer nicht stabil, sondern angreifbar.

Die Initialzündung für den wachsenden Systemverdruss war gewiss die Behauptung einer "alternativlosen" Politik. Dies war der kommunikative GAU des Konsenssystems. Kurzerhand wurde die demokratische Entscheidung zwischen alternativen Ansätzen für unmöglich erklärt. Im Angebot waren plötzlich nur noch politische Maßnahmen, die sich aus den jeweiligen Krisenerfordernissen zwingend ergeben sollten. Alternativlose pragmatische Krisenbewältigung rangierte jetzt vor demokratischer Willensbildung. Und dass "die Politik" behauptete, keinen Entscheidungsspielraum zu besitzen, wurde dem Publikum auch noch als eine Art höherer Legitimation verabreicht. Das schmutzige Geheimnis des Konsenssystems, dass unter der Kooperation der demokratischen Kräfte die Demokratie selbst in Mitleidenschaft gezogen wird, war damit gelüftet.

Im Kurzzeitgedächtnis der Republik ist der Begriff "alternativlos" mit der Kanzlerschaft Angela Merkels verknüpft. Die Urheberschaft gebührt allerdings Schröder, der die Einwände gegen seine Agenda mit deren "Alternativlosigkeit" wegwischte. Seither bildet sich in den Köpfen der Bevölkerung die Vorstellung, dass der Konsens der Etablierten auf die Beschneidung demokratischer Freiheit hinausläuft.

Das ist das Feld, auf dem Bewegungen wie Pegida oder Parteien wie die AfD sich nun entwickeln. Dass das Volk mit der Wahl unterschiedlicher Parteien keine unterschiedliche Politik mandatieren kann, bewirkt den Kältetod der Demokratie. Und wenn dann noch die politische Umwelt der Bundesrepublik – von Osteuropa über den Mittleren Osten bis nach Frankreich – so erschreckend instabil zu sein scheint, entfliehen immer mehr Menschen der etablierten Sphäre einer alternativlosen und gefühlsarmen Politik.

Allerdings sammelt sich hinter dem Generalvorbehalt gegen "das System" bislang kaum "alternative" Politik, sondern bloß eine Armada von Ressentiments. Gegen Flüchtlinge, Brüsseler Bürokraten, Systempolitiker, gegen Amerika, Medien, Muslime. Und auch das Demokratieverständnis der Bewegung erschöpft sich im Respekt vor den eigenen politischen Vorstellungen. Wenn Woche für Woche 20.000 Menschen durch Dresden ziehen und "Wir sind das Volk" rufen, klingt darin nicht nur die Kritik an der politischen Elite an, sondern die Gleichsetzung der eigenen Meinung mit dem Volkswillen. Gegen eine Diktatur, in der jede spontane Demonstration als Umsturzversuch geahndet wird, ist die Parole "Wir sind das Volk" plausibel, selbst wenn nur ein paar Mutige sich getrauen, sie zu skandieren. In einer liberalen Demokratie ist sie anmaßend.

Und doch drückt sich darin auch das Defizit der aktuellen Politik aus. Offenbar ist im Zuge der Entideologisierung, Entfeindung und Versachlichung der deutschen Politik das Spektrum tolerierter Positionen immer enger geworden. Das betrifft nicht allein die Politik. Denn sosehr die Öffentlichkeit inzwischen allergisch reagiert, wenn "alternativlose" Politik durchgesetzt wird, so sehr hat sich zwischen Politik und Medien eine stille Übereinkunft über legitime politische Vorstellungen gebildet. Und während die Medien seit Jahren die "Langeweile" der Politik bejammern, haben sie zugleich leidenschaftlich die Rolle des Grenzwächters übernommen. Politische Linientreue wird verhöhnt, Grenzverletzung jedoch gnadenlos skandalisiert. Die Medien, die den bleiernen Konsens kritisieren, sanktionieren zugleich seine Missachtung. Für die Netzgemeinschaft gilt das in noch viel höherem Maße. Die Zone des Sagbaren wird immer enger. Und wenn das System vernünftige Alternativen verhindert, schafft sich die Unvernunft eben ihre eigenen.

Vielleicht war es einer der größten historischen Fehler von Politik und Medien, eine Grundsatzkritik der EU oder der Euro-Politik in den Bereich des Halbverrückten zu verweisen. Doch auch dass im letzten Wahlkampf die unverbindliche Empfehlung eines "Veggie-Days" zum ultimativen Nachweis für eine autoritäre grüne Verbotskultur avancierte, zeigt, wie unerbittlich heutzutage selbst kleine politische Abweichungen geahndet werden. Das politische Spektrum wird immer enger, nach beiden Richtungen. Wer heute die Macht Brüssels beschneiden will, wird schnell zum Antieuropäer, wer die weitere Integration der Gemeinschaft für notwendig hält, gilt als Euro-Ideologe. Wer den Islam kritisiert, wird leicht zum Fremdenfeind, wer die Muslime ins deutsche Wir einschließt, zum Multikulti-Illusionisten. Wer mehr internationale Verantwortung für Deutschland fordert, muss sich des Vorwurfs der Kriegstreiberei erwehren, wer prinzipiell gegen militärische Interventionen eintritt, wird zum verantwortungslosen Traumtänzer. Von der Einwanderungs- bis zur Energiepolitik, von der Umverteilungs- bis zur Familienpolitik, überall ist der Bezirk sanktionierter politischer Auffassungen eng umzäunt.

Mehr Toleranz, mehr Weite wäre die erste Voraussetzung bei der Überwindung einer autoritär und steril gewordenen Konsenskultur. Und die zweite: Man kann nicht länger das Falsche so ahnden wie das Böse, das Unsinnige nicht ausgrenzen wie das Gefährliche. Ob Menschen gegen den Euro sind oder gegen eine Minderheit – das ist ein fundamentaler Unterschied.

Klare Grenzziehung zum Populismus muss trotzdem sein. Zwar wird mit Blick auf die europäischen Nachbarn die Etablierung einer rechten Partei in Deutschland schon lange als eine Art "Normalisierung" des Systems herbeigeredet. Man muss jedoch nur in die Nachbarländer schauen, um eine solche Perspektive zu verwerfen. Zum einen wird Deutschland immer anders angesehen als andere, wenn es um rechtspopulistische Bewegungen geht. Und zum andern: Kaum irgendwo, sei es in Frankreich, Großbritannien oder den Niederlanden, gelingt es mehr, das rechtspopulistische Potenzial auch wieder einzudämmen. Allein die Angst vor dem Anwachsen des Protests führt dazu, dass er die politische Agenda dominiert, auch wenn er von politischen Mehrheiten weit entfernt bleibt.

Der Extremismus an der Schwelle zur Macht ist keine Alternative zu einer alternativlos gewordenen Politik. Besser, das deutsche Konsenssystem überwindet sich selbst.

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