Es gibt eine sich neuerdings immer lauter erhebende Klage gegen die Literaturkritik: Man wirft ihr vor, viel zu freundlich zu sein. In den Zeitungen, heißt es, finde man nur noch Empfehlungen in Gestalt animierter Buchnacherzählungen. Um in die Flut der Neuerscheinungen überhaupt noch eine Schneise schlagen zu können, griffen die Kritiker zu immer gröberen Waffen. Beinahe jede ihrer Kritiken erkläre ihren Gegenstand skrupellos und argumentfrei zu einem Meisterwerk der Erzählkunst.

Es ist merkwürdig: Nachdem man die Kritikergeneration um Marcel Reich-Ranicki und die Gruppe 47 Jahre lang als gnadenlose Literaturvernichtungsmafia gefürchtet hat, wird der Nachfolgegeneration ausgerechnet ihre übergroße Begeisterung für die Bücher zum Vorwurf gemacht.

Manche werden sich noch erinnern: Im Jahr 2006 erreichte die Debatte um die neue Freundlichkeit der Literaturkritik einen viel diskutierten Höhepunkt, als ältere Kritiker (die sich Gnostiker nannten) jüngeren Kritikern (die sie als Emphatiker beschimpften) vorwarfen, sich den Büchern im Modus dauerbegeisterter Leidenschaftssimulation zu nähern und den harten Kern des Kritikergeschäfts darüber zu vergessen. Der Streit war heftig und endete wie der zwischen den großen Volksparteien in einem wiederum sehr freundlichen Stillhalteabkommen.

Jetzt zettelt ihn der Verleger des Verbrecher Verlages im Branchenblatt Buchmarkt noch einmal von Neuem an. Jörg Sundermeier beklagt, dass die "klassische Literaturkritik" aus den Feuilletons genauso verschwunden sei wie die Sachkenntnis, die seiner Meinung nach nur noch in den Arbeiten weniger älterer Kritiker wie der Kollegin Ina Hartwig, dem SZ-Redakteur Lothar Müller und dem Leiter der Literaturredaktion des Radios hr2-Kultur Alf Mentzer nachweisbar sei. Über den großen Rest der derzeit amtierenden Literaturkritikergeneration fällt der Verbrecher-Verlags-Chef das berufliche Todesurteil: Die Damen und Herren könnten "viel viel mehr über edle Schuhe oder gutes Essen sagen als über die Qualität literarischer Texte".

Auch für die Lage in den deutschen Feuilletons, in denen die angeblichen Restaurantkritiker der Literatur veröffentlichen, findet der Verleger deutliche Worte: "Fritz J. Raddatz könnte heute in einem Leitkommentar darüber schreiben, wie Goethe im Jahr 1830 den Frankfurter Flughafen sah, keiner würd’s merken. Und wenn, würde sich niemand trauen, was zu sagen." Schuld am Niedergang klassischer kulturkritischer Kompetenzen sei das allumfassende "Kumpelsystem" des Literaturbetriebs, dem – ähnlich wie den mediterranen Bürokratien – mehr am Selbsterhalt als an effizienter Berufsausübung gelegen sei.

Was nur beweist: Der Kritiker kann so freundlich sein, wie er will. Seinen schlechten Ruf wird er nicht los. Erinnert sich noch jemand an den alten Vorschlag aus dem Kumpelsystem der deutschen Klassik? "Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent." Wesentlich weiter ist die Debatte noch nicht gekommen.